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Amazon: Verdi will Streik exportieren


Im Amazon-Logistikzentrum Bad Hersfeld (Foto: Amazon)
Im Amazon-Logistikzentrum Bad Hersfeld (Foto: Amazon)
Verdi will den Arbeitskampf mit Amazon internationalisieren. Die Dienstleistungsgewerkschaft habe sich mit Arbeitnehmervertretungen und Betriebsräten in Frankreich, Großbritannien, Polen und Tschechien vernetzt, sagte ein Sprecher der Gewerkschaft. In Polen, wo Amazon erst seit September 2014 mit eigenen Logistikzentren aktiv ist, gab es laut Verdi erste Gespräche mit der legendären Gewerkschaft Solidarność. Es könne aber noch eine ganze Weile dauern, bis die polnischen Standorte streikbereit seien.

Im Mittelpunkt der sogenannten Vernetzungstreffen von Verdi und seinen europäischen Pendants stehe weniger die Bezahlung nach den jeweiligen Tarifverträgen, sondern vielmehr Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen sowie der Austausch von Erfahrungen. Besonders ausgeprägt sei das Problembewusstsein bei den britischen Gewerkschaften. Koordinierte Streiks in mehreren Ländern könnten es Amazon schwer machen, Arbeitsausfälle in deutschen Logistikzentren durch den Zugriff auf die Kapazitäten ausländischer Standorte zu kompensieren. Im Vorweihnachtsgeschäft hatten Angestellte eines französischen Amazon-Logistikzentrums in der Nähe von Lyon gestreikt und somit die Aktionen der deutschen Kollegen unterstützt. Die Zahl der Streikenden lag Verdi-Angaben zufolge aber „offenbar weit unter den Erwartungen“. Amazon behauptet dagegen, dass kein einziger Mitarbeiter dem Aufruf der Gewerkschaft CGT gefolgt sei.

Für Verdi-Chef Frank Bsirske hat der Arbeitskampf eine grundsätzliche Ausstrahlung weit über den deutschen Markt hinaus. „Das ist ein fundamentaler Konflikt. Es geht darum, wie im digitalen Zeitalter die Zukunft der Arbeitsbeziehungen gestaltet werden soll.“ Der Gewerkschafter wirft Amazon vor, „amerikanisierte Arbeitsbeziehungen mit einer Ablehnung von Gewerkschaften als Verhandlungspartner“ nach Europa zu exportieren.

Für die Arbeitskämpfe in den deutschen Standorten zieht die Gewerkschaft ein positives Fazit: Zeitweise hätten pro Tag bis zu 2700 Beschäftigte in sechs von acht Versandzentren die Arbeit niedergelegt. Dies haben den Versandhändler „empfindlich getroffen“. Nicht nur wegen der Lieferverzögerungen, sondern auch, weil der Online-Konzern infolge der Streik einen „deutlich höheren Aufwand betreiben musste, um seine Lieferversprechen einzuhalten“, heißt es in der Verdi-Zentrale in Berlin.

Amazon bestreitet das. Einer Sprecherin zufolge haben sich beispielsweise am 17. Dezember an sechs Standorten lediglich 2200 Mitarbeiter von etwa 19.000 regulär Beschäftigten an den Streiks beteiligt. Früh- und Spätschicht zusammengerechnet. „Wir haben unsere Lieferversprechen eingehalten. Dank der über 19.000 Kolleginnen und Kollegen, die sehr engagiert gearbeitet haben, um sicherzustellen, dass die Geschenke pünktlich ankamen“, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit.

Die Ergebnisse einer nicht repräsentative Leserumfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) geben dem Online-Händler recht: 86% der rund 1000 untersuchten Pakete sind pünktlich angekommen. Bei den anderen Versandhändlern waren es nur 73%. „Insgesamt scheint Amazon im Dezember trotz Streiks spürbar schneller zu liefern als seine Konkurrenten“, schreibt die Tageszeitung. Eine mögliche Erklärung: Wenn in Deutschland gestreikt wird, kann Amazon die Ware aus Polen, Frankreich, Tschechien oder Großbritannien verschicken.

Verdi will mit den Streiks erreichen, dass Amazon seine Logistikmitarbeiter nach dem Versandhandelstarifvertrag bezahlt. Amazon besteht dagegen auf Löhnen, die in der Logistikbranche üblich seien. Diese beginnen Unternehmensangaben zufolge in Deutschland mit 10,09 Euro brutto pro Stunde. Nach zwei Jahren verdienen Mitarbeiter umgerechnet bis zu 12,69 Euro brutto pro Stunde. Zusätzlich gebe es Nebenleistungen wie Boni, Jahressonderzahlung, Mitarbeiteraktien, Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung, Beiträge zur betrieblichen Altersversorgung und Mitarbeiterrabatte. Inklusive Nebenleistungen komme ein Mitarbeiter nach 24 Monaten auf durchschnittlich 2265 Euro brutto monatlich. Verhandlungen mit Verdi lehnt das Unternehmen weiterhin strikt ab.

Verdi will dennoch nicht aufgeben: „Der Konflikt ist erst beendet, wenn Amazon Tarifgespräche aufnimmt“, sagt ein Sprecher und signalisiert zugleich Kompromissbereitschaft: „Der Tarifvertrag ist nicht in Stein gemeißelt. Wenn Amazon bestimmte Tarifstandards des Einzelhandels nicht für zutreffend hält , lässt sich dies in einem Haustarifvertrag auch unternehmensspezifisch regeln.“
02.01.2015Redakteur: Bert Rösch

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