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Drykorn probiert virtuelle Anprobe aus


Das Contemporary-Label Drykorn testet den neuen Virtual Dressing-Spiegel Moodboard im Kasseler Modehaus Köhler. Das Besondere an dem vom Bayreuther Start-up Vantastec entwickelten Gerät liegt im werbefinanzierten Geschäftsmodell: Anders als bei den sogenannten Magic Mirrors, die seit 2009 hin und wieder im stationären Modehandel zum Einsatz kommen, müssen beim etwa zwei Meter hohen Moodboard nicht die Multilabel-Modehändler für die Kosten aufkommen. Die etwa 3500 Euro Geräte finanzieren sich stattdessen durch die Werbeerlöse, die Vantastec bei Markenherstellern einsammeln will.

Diese können auf den virtuellen Spiegeln Werbe-Videos abspielen und ausgewählte Outfits vorstellen, indem sie diese für die virtuelle Anprobe fotografieren lassen. Die Aufnahmen werden dann über das Bild des Spiegelbetrachters gelegt, so dass es aussieht, als ob der Kunde das Kleidungsstück in Sekundenschnelle angezogen hätte. Sogar Bewegungen macht die Augmented Reality-Animation mit.

Findet der Verbraucher Gefallen an einem Kleidungsstück, erfährt er via Screen, wo er das Teil im Geschäft oder Shopping-Center kaufen kann. Das heißt: Die Marken locken die Kunden in ihre Shop-in-Shops oder Stores, indem sie den natürlichen Spieltrieb der Verbraucher nutzen. Gleichzeitig befriedigen sie die steigenden Anforderungen der Kunden an die technische Ausstattung der Geschäfte.

Verschmelzung digitaler Techniken mit klasssicher Beratung

Nach Ansicht vieler Experten kann der Stationärhandel im Konkurrenzkampf mit dem Online-Handel nur mithalten, wenn er seine klassischen Vorteile wie die Beratung und das Anfassen der Stoffe mit digitalen Techniken verknüpft, die der Kunde aus dem Internet gewöhnt ist. Nur so sei es möglich, den anhaltenden Frequenzschwund auf der Fläche zu stoppen.

„Neben mobilen Endgeräten stellt der virtuelle Spiegel eine spannende Technologie dar, um stationäre Flächen über einen einfachen Kanal mit der Online-Welt zu verschmelzen“, erklärt Drykorns E-Commerce- und Online-Marketing-Leiter Florian Weidinger. Die Lösung stecke zwar noch in den Kinderschuhen. Es bestehe aber die Möglichkeit, durch „gut ausgerichtete Tracking-Module, eine ausgereiftere Größenerkennung und eine realistischere Darstellung“ einen großen Mehrwert für Kunden, Händler und Marken zu schaffen. Weidinger kann sich daher gut vorstellen, den Spiegel mit dem Online-Shop von Drykorn zu verbinden. Denkbar sei auch die Nutzung von Moodboards, die in Schaufenstern sowie auf Flughäfen, Bahnhöfen und an Bushaltestellen installiert sind.

Neue Möglichkeiten durch Kinect

Bislang ist das Angebot an Virtual Dressing-Tools spärlich gesät. Am fortschrittlichsten sind die Lösungen, die mit Kinect-Kameras arbeiten. Sie ermöglichen Verbrauchern, ihr Outfit in Echtzeit von allen Seiten genau zu betrachten. Das heißt: Das Kleid macht die Bewegungen der Kundin mit. Der Teleshopping-Sender QVC hat das System kürzlich in Einkaufszentren in fünf Städten ausprobiert. Über 2000 Besucher nutzten die virtuelle Ankleide, für die 70 Kleidungsstücke eingescannt worden waren. Im E-Commerce wird die Methode bislang nur von Brillenanbietern wie Mister Spex genutzt.

Voll internetfähig sind dagegen Avatar-Lösungen wie Mipso. Diese kreieren auf der Grundlage der Körpermaßen des Nutzers Grafikfiguren, die virtuell angezogen werden können. Somit sehen die User relativ gut, an welchen Stellen des Körpers das Kleid oder das Hemd zu weit oder zu eng ist.

Besonders realistische Bilder liefert Fits.me. Der Grund: Das Londoner Unternehmen verfügt über Roboter, die computergesteuert die Formen und Maße beliebiger Oberkörper wahrnehmen. All diese Variationen werden fotografiert und online gezeigt, sobald der User die entsprechenden Körpermaße eingegeben hat. Zu den Anwendern gehört auch Hugo Boss. Der Multichannel-Modehändler Thomas Pink berichtet, dass die Konvertierungsrate bei den Besuchern des Virtual Fitting Rooms von Fits.me um fast 30% höher ausfällt als bei herkömmlichen Online-Kunden.

Avatare und Body Scanner

Einen persönlichen Touch bekommen die Avatare, wenn der Nutzer ein Porträtfoto von sich hochlädt. Zalando testete die vom Londoner Dienstleister Metail entwickelte Methode 2013 bei seinen Eigenmarken. Offenbar ohne Erfolg. „Wir haben uns damals entschieden, dass die Technologie noch nicht ausgereift war, um unseren Kunden einen wirklichen Mehrwert zu bieten“, sagt eine Sprecherin. Der brasilianische Zalando-Klon Dafiti zeigt sich dagegen zufrieden mit Metail. Dessen Nutzer hätten sich dreieinhalb Mal so lang im Online-Shop aufgehalten als der durchschnittliche User. Zudem generierten sie im Schnitt 22% höhere Umsätze.

Am genauesten lassen sich die Passformen mithilfe eines Body Scanners simulieren. Der Curated Shopping-Anbieter Outfittery hat im Frühling einen portablen Scanner in Berlin getestet. Der Grazer Schuhfilialist Humanic hat bereits die Füße von knapp 100 000 Kunden vermessen. Die Daten können auch für den Einkauf im Online-Shop Humanic.net genutzt werden. Die Customized Fashion-Anbieter eShakti eröffnete im Januar einen Body Scan-Kiosk in der New Yorker Staten Island Mall. Mit den Messdaten können die Nutzer persönliche Avatare erstellen und diese zum Einkauf auf Eshakti.com nutzen.

Magic Mirrors sind nicht mehr aktuell

Als technisch überholt gelten die Magic Mirrors, die lediglich per Augmented Reality (erweiterte Realität) ein Kleidungsstück auf das Kamerabild im Store oder Online-Shop legen. Im E-Commerce scheiterte die Methode u.a. daran, dass es in der Regel recht schwierig ist, die eigenen Körperformen mit den virtuellen Kleidungsstücken in Einklang zu bringen. Zudem fürchteten viele Verbraucher um ihre Privatsphäre. Der Versender Otto hat seine Ende 2011 gestartete Facebook-App Virtuelle Anprobe inzwischen vom Netz genommen. „In der Breite konnten die Ergebnisse hinsichtlich des Kosten-Nutzen-Verhältnisses noch nicht überzeugen. Derzeit verfolgen wir andere Projekte mit höherer Priorität und prüfen immer wieder aber auch Tools zur kaufunterstützenden Beratung“, erklärt eine Otto-Sprecherin. Die bisher gemachten Erfahrungen will der Universalversender „in etwaige künftige Lösungsansätze einfließen lassen“.

Ähnliche Erfahrungen macht das Start-up UpCload, das Usern 2012 anbot, ihre Körpermaße per Webcam zu ermitteln. Immerhin reichten die Ergebnisse aus, um einen Algorithmus zu entwickeln. Dieser rechnet unter dem Namen Fitanalytics mithilfe von Daten wie Körperlänge, Alter, Gewicht und Bauchform hoch, ob der Onliner seine Jacke in L oder XL kaufen sollte. Zu den Anwendern gehört das Online-Outlet Dress-for-less, der Online-Mode-Shop About You, der Streetwear-Anbieter Frontlineshop, der Outdour-Bekleidungsanbieter The North Face und der niederländische Multichannel-Händler Wehkamp.
19.08.2015Redakteur: Bert Rösch
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