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Gerry Weber: Jeder zehnte Mitarbeiter muss gehen


Mit Filialschließungen und Stellenstreichungen will sich die Gerry Weber International AG neu ausrichten. Insgesamt sollen in diesem und im nächsten Geschäftsjahr 103 Läden geschlossen werden und 710 Jobs im In- und Ausland wegfallen, teilt das Unternehmen aus Halle/Westfalen am Freitag mit. Damit ist jeder zehnte Mitarbeiter betroffen.

Im Zuge des Programms „Fit4Growth“ sollen in den nächsten 18 bis 24 Monaten die Voraussetzungen für langfristig profitables Wachstum geschaffen werden, teilt das Unternehmen mit. Neben den geplanten Filial-Schließungen stünden außerdem weitere 5% des Store-Portfolios auf der Beobachtungsliste. Durch die Schließungen würden rund 25 Mill. bis 30 Mill. Euro Retail-Umsatz wegfallen. „Wir haben vor allem in kleinen und mittleren Städten nicht mit dem dramatischen Frequenzeinbruch gerechnet“, schildert Vorstand David Frink die Probleme. Gerade geschlossen wurde das Flagship am Ku'damm im Kranzlereck. Welche Stores es durch den Sparplan noch treffen wird, will der Vorstand noch nicht sagen. Dreiviertel der 103 Filialen befinden sich im Inland. Auf Eis gelegt ist die Expansion in Nordamerika.

Um bei den Personal-und Sachkosten „20 bis 25 Mill. Euro“ einsparen zu können, werden in der Unternehmenszentrale in Halle 200 Jobs, in den Auslandsgesellschaften weitere 50 Stellen gestrichen. Von der Konsolidierung des Filialnetzes seien 460 Mitarbeiter im In- und Ausland betroffen. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen derzeit 7000 Mitarbeiter. Die Personaleinsparungen werden rund 6 Mill. Euro kosten.

Schwäche im Wholesale


Künftig will das Unternehmen, das in den vergangenen Jahren auf Wachstum vorrangig durch eigenen Retail gesetzt hatte, das Wholesale-Geschäft „wieder zu einem Wachstumsmotor“ machen. In diesem Zusammenhang sollen die Wholesale-Kunden „besser“ betreut werden, zudem soll die Marke am POS zeitgemäßer präsentiert werden. Auch gelte es, neue Wholesale-Kunden zu gewinnen.

„Wir haben unsere Wholesale-Partner vernachlässigt und sind zu schnell mit eigenen Flächen expandiert“, so CEO Ralf Weber. „Bisher gab es für Gerry Weber nur Wachstum, die rückläufige Entwicklung bewegt mich sehr. Wir sind aber immer noch profitabel und können das Ruder aus eigener Kraft herumreißen. Allerdings werden die notwendigen Einschnitte tief sein.“ Weber räumt ein, dass der Gerry Weber-Wholesale nicht nur durch äußere Rahmenbedingungen, sondern auch durch Rabattaktionen im eigenen Retail gelitten habe. Um künftig wieder im Wholesale zu wachsen, will das Unternehmen Partnerschaftsmodelle einführen, mehr über Vertrauenslimite arbeiten und den Handel stärker bei Marketing und Shop-Ausstattung unterstützen.

Die rückläufige Entwicklung im Wholesale zeichnet sich bereits seit Saisons ab. Durch die Forcierung der eigenen Retail-Flächen kam es in den vergangenen Jahren zu einer Überdistribution speziell der Marke Gerry Weber. Die damit einhergehende Vereinheitlichung ihres Erscheinungsbildes hat zu einer schwindenden Begehrlichkeit bei den Konsumentinnen geführt. Wie generell das Marktsegment der erwachsenen Coordinates-Kollektionen, im dem sich die Gerry Weber-Linien ansiedeln – eines der Felder, das zurzeit besonders stark zur Diskussion steht. Darüber hinaus hat das Unternehmen durch seine massive Retail-Strategie an Sympathie im Multilabel-Handel verloren. „Wären wir durch den Flächenvertrag nicht gebunden, so würden wir die Kollektion wahrscheinlich in viel geringerem Umfang darstellen“, so ein großes Haus in Norddeutschland. Andere sagen, dass sie die Kollektion speziell mit Blick auf größere Konfektionsgrößen kaufen - mangels Alternativen.

Um den Markenauftritt zu stärken, wird künftig jede Markenfamilie des Konzerns als „strategische Geschäftseinheit“ (SGE) geführt. Diese sollen am Markt ein „Höchstmaß an Entscheidungsfreiheit“ erhalten. Derzeit laufe zudem eine Testphase für eine ganz neue Gerry Weber-Marke, so der Konzern.

Konzerngewinn um 27% gesunken


Mit dem Sparprogramm reagiert das Unternehmen auf die jüngste Geschäftsentwicklung, die für den Konzern nicht zufriedenstellend verlaufen ist. So setzte die Gerry Weber International AG im Geschäftsjahr 2014/15 (31. Oktober) 920,8 Mill. Euro um. Das ist zwar ein Plus von 8,1% im Vergleich zum Vorjahr, dies ist aber nur dem Zukauf von Hallhuber im Februar 2015 zu verdanken. Der Filialist trug 115,2 Mill. Euro zum Konzernumsatz bei und konnte sich auf vergleichbarer Fläche um 3,2% steigern. Die Gerry Weber-Labels Gerry Weber, Taifun und Samoon erwirtschafteten mit 805,6 Mill. Euro jedoch 5,4% weniger als im Vorjahr. Dabei entfielen 440,3 Mill. Euro auf den Retail, der dank Neueröffnungen um 8,7% zulegte. Auf vergleichbarer Fläche jedoch verringerte sich der Umsatz in den eigenen Läden um 4,4%. Noch höher fielen die Rückgänge im Wholesale aus. Hier sank der Umsatz um 18,3% auf 365,4 Mill. Euro. Der Jahresüberschuss des Konzerns sank verglichen mit dem Vorjahr um 27% auf 52,2 Mill. Euro.
   

Verhaltene Prognosen


Für das Geschäftsjahr 2015/16 erwartet der Vorstand einen Konzernumsatz zwischen 890 und 920 Mill Euro, wozu Hallhuber 180 bis 190 Mill. Euro beitragen soll. Die angekündigten Sparmaßnahmen würden zu Einmalaufwendungen und Abschreibungen in Höhe von 36 Mill. Euro führen. Der Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) werde daher zwischen 10 und 20 Mill. Euro liegen, hier werde Hallhuber „den größeren Teil“ beisteuern, so das Unternehmen. Im Jahr 2014/15 hatte das Ebit noch bei 79,3 Mill. Euro gelegen, 2013/14 waren es noch 108,9 Mill. Euro.
26.02.2016Redakteur: TextilWirtschaft online
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