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Schweiz: 9 Mrd. Franken fließen ab


Leere Fußgängerzonen in den Schweizer Grenzstädten, überfüllte Läden und Restaurants in den benachbarten deutschen Städten – der Einkaufstourismus der Schweizer in den Grenzregionen ist derzeit offensichtlich. Mit dem Ausmaß und den Folgen der Aufhebung des Euro-Mindestkurses im Januar dieses Jahres, die Güter im Euro-Raum für die Schweizer über Nacht um 20% günstiger gemacht hat, hat sich das Forschungszentrum für Handelsmanagement der Universität St. Gallen beschäftigt. In einer repräsentativen Befragung von rund 4000 Konsumenten wurde das Einkaufsverhalten in der deutschsprachigen Schweiz untersucht.

Ergebnis: Insgesamt wird der jährliche Kaufkraftabfluss ins Ausland in diesem Jahr wohl bei 8,9 Mrd. Schweizer Franken (8,1 Mrd. Euro) liegen. Davon entfallen 7,34 Mrd. CHF auf den stationären Handel. Neben Lebensmitteln und Einrichtungsgegenständen kaufen die Schweizer demnach in Deutschland vor allem Bekleidung (1,92 Mrd. CHF). Jeder dritte Konsument kauft seit Aufhebung des Mindestkurses mehr Bekleidung im Ausland, ergab die Studie.

Und es sind nicht nur die Bewohner grenznaher Kantone wie Basel, Schaffhausen und Thurgau, die im Ausland einkaufen. Im Durchschnitt fahren die Schweizer eine Stunde und legen für den Bummel im Ausland einen Weg von 50 Kilometern zurück – und kommen so auch aus Luzern, Schwyz und Bern.

Wie bei allen anderen Produkten ist für Schweizer auch bei Mode der günstigere Preis das ausschlaggebende Motiv für einen Einkauf im Ausland. Darüber hinaus schätzen sie laut der Studie auch, dass im benachbarten Ausland andere Produkte angeboten werden, und dass die Auswahl größer ist. Beim Vergleich zwischen Deutschland und der Schweiz punktet Deutschland mit Abend- und Freizeitmode, Businesskleidung und Markenprodukten. Zusätzlich bewerten Schweizer die Verkaufsflächen in Deutschland als ansprechender. Vor allem bei Frauen und bei den 60- bis 69-Jährigen ist zudem die Verknüpfung des Shopping-Bummels mit einem Ausflug ein Grund für den Einkauf im Ausland. Personal, Service und Beratung finden die Befragten dagegen im Heimatland besser – eine Chance für die Läden im Heimatmarkt, wie die Autoren der Studie finden.

„Einzigartige Sortimente kombiniert mit persönlichen und unpersönlichen Services können mittelfristig zur Profilierung der Schweizer Anbieter beitragen“, heißt es. Weil die Konsumenten zudem die Preisunterschiede im Bereich Bekleidung deutlich überschätzten, seien innovative Maßnahmen zur Preiskommunikation seitens der Schweizer Händler gefragt, schreiben die Autoren der Studie Thomas Rudolph, Liane Nagengast und Frauke Nitsch. „Würden Konsumenten beispielsweise den finanziellen und zeitlichen Aufwand, der mit einem Einkauf im Ausland verbunden ist, in die Preiskalkulation einbeziehen, so wäre der reale Preisunterschied möglicherweise gleich Null.“

In ihrem Ausblick gehen die Autoren trotzdem davon aus, dass der Trend, im Ausland Fashion zu shoppen, weiter anhält. So plane mehr als ein Drittel der 40- bis 59-Jährigen, in Zukunft noch mehr Bekleidung als bisher im Ausland einzukaufen. Bei den 26- bis 39-Jährigen sind es sogar knapp 41%.
02.10.2015Redakteur: Janine Damm
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