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„Wir können ein Scheitern nie ausschließen“

Tengelmann Ventures-Chef Christian Winter will sein weltweites Engagement im Online-Modehandel weiter ausbauen. Dabei nimmt er Pleiten billigend in Kauf.


Christian Winter
Christian Winter
Der Handelskonzern Tengelmann investiert seit 2009 massiv in den wachsenden Online-Modehandel. Zum Portfolio der Beteiligungstochter Tengelmann Ventures gehören unter anderem der Mode-Shop Zalando, der Online-Shopping-Club brands4friends Japan, die Shopping-Suchmaschine Stylight und Baby-markt.de. Darüber hinaus engagieren sich die Mülheimer an den von Rocket Internet entwickelten Zalando-Klonen in Russland (Lamoda), Südamerika (Dafiti), Afrika (Zando), Asien-Pazifik (Zalora) und Australien (The Iconic) sowie an den Amazon-Nachahmern Linio (Mittel- und Südamerika), Jumia (Afrika) und Lazada (Asien-Pazifik).
Mitte August reduzierte Tengelmann Ventures seine Beteiligung an Zalando von 7 auf 6% und erlöste dafür eine zweistellige Millionen-Euro-Summe. Die TextilWirtschaft unterhielt sich mit Tengelmanns E-Commerce-Chef Christian Winter über die Erfolgsaussichten seiner Zalando-Beteiligung, die Pläne für Baby-markt.de und das Scheitern von Youtailor und Zitra.

TW: Welche Strategie verfolgt Tengelmann bei seinen E-Commerce Beteiligungen?

Christian Winter:
Wir investieren nicht ausschließlich in E-Commerce. Die Hälfte unseres Budgets stecken wir in Technologie-, Infrastruktur- und Serviceunternehmen. Hierzu gehören unter anderem Software-Hersteller oder Anbieter von Software as a Service (SAAS) und Cloud-Lösungen. Beispiele sind die MAC IT-Solutions GmbH, die eine ERP-Software für E-Commerce-Unternehmen und Versender anbietet, und das Unternehmen Ekomi, das eine SAAS für Produkt- und Shop-Bewertungen entwickelt hat. Die andere Hälfte unseres Investitionsvolumens befindet sich im Bereich Consumer Internet. Hierzu gehören klassische Online-Händler wie Zalando in Europa oder brands4friends in Japan. Aber auch Marktplätze sowie Social- und Mobile-Konzepte. Wir investieren darüber hinaus massiv in eigene Projekte wie Baby-markt.de oder Gartenxxl.de.

Ab welcher Phase investieren Sie in Start-up-Unternehmen?

Wir engagieren uns in der Regel zu einem Zeitpunkt, an dem es einen funktionierenden Proof of Concept gibt, die Gründer also bereits die ersten Schritte gegangen sind. In geringerem Umfang finanzieren wir auch lediglich die Geschäftsidee. Wir sind also sehr früh in der Entstehungsphase eines Unternehmens dabei und unterstützen dann aktiv die Expansion. Das geht weit über die Bereitstellung der reinen Finanzmittel hinaus. Unser Ziel ist es, Start-ups nachhaltig zu entwickeln und an deren Wertsteigerung zu partizipieren. Hierbei bringen wir unsere Expertise sowie Netzwerk und Infrastruktur ein. Wenn alles gut läuft, sind wir nach einigen Jahren an gut laufenden und marktführenden Unternehmen beteiligt und können aus dieser komfortablen Situation heraus zusammen mit unseren Partnern überlegen, wie die weiteren Schritte aussehen.

Zalando ist ein Paradebeispiel für Ihr E-Commerce-Engagement. Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten dieser Beteiligung ein?

Zalando konnte seinen Umsatz 2012 auf 1,15 Mrd. Euro steigern, was einer Verdoppelung zum Vorjahr entspricht. Der Online-Modehändler ist quasi in ganz Europa vertreten und befindet sich in einer exzellenten Position. Wir haben zusammen mit unseren Mitinvestoren von Anfang an darauf geachtet, nachhaltige und tragfähige Strukturen zu schaffen. Das spiegelt sich in einer hohen operativen Exzellenz in allen Bereichen wider, vor allem in der Logistik. Dort wird erheblich in eigene Infrastruktur investiert. Und wir werden 2013 neben Erfurt auch einen großen Lagerlogistik-Standort in Mönchengladbach eröffnen. An beiden Standorten wird Zalando schon kurzfristig über eine Lagerfläche von mehr als 200.000m² verfügen. Zalando ist ein langfristiges Investment für uns. Wir sind sehr zuversichtlich, dass sich Zalando neben Amazon und Ebay als dritter großer E-Commerce Player in Europa fest etablieren wird.

Und wie sieht es bei Babymarkt aus, wo Sie – wie bei Stylight – mit ProSieben kooperieren?

Wir haben eine langfristige und sehr gute Partnerschaft mit ProSieben für Baby-markt.de. Unser Ziel ist es, den Online-Händler zum europaweiten Marktführer im Bereich Baby- und Kleinkindartikel zu entwickeln. Baby-markt.de ist bereits in fünf europäischen Ländern aktiv. Und wir werden in diesem Jahr in fünf weiteren Ländern starten. Wir haben Baby-markt.de in den vergangenen zwölf Monaten völlig neu positioniert, das Sortiment auf über 40.000 Artikel mehr als verdreifacht und um zahlreiche Warengruppen wie Drogerie, Nahrung, Spielwaren und vor allem Fashion erweitert. Gerade im Textilbereich werden wir unser Sortiment weiter massiv ausbauen. Wir verfolgen mit Baby-markt.de einen aggressiven Wachstumskurs und werden das Konzept nicht nur im Internet, sondern auch stationär ausrollen. Dazu nutzen wir in Deutschland auch TV-Werbung, was uns deutlich von unseren Online-Wettbewerbern differenziert. Wir können den Kunden mittlerweile über unsere Online-Services die gleiche Beratungsqualität bei besserer Auswahl bieten als der stationäre Babyartikel-Fachmarkt. Und das in mehreren Ländern.

Es gab aber auch Rückschläge in Ihrem Portfolio. Bei Youtailor sind Sie ausgestiegen, kurz danach war der Berliner Online-Maßschneider insolvent. Und die Kölner B-to-B-Plattform Zitra musste Ende Juni ihren Betrieb einstellen.

Das ist richtig. Wir investieren – wie gesagt – sehr, sehr früh in Start-ups. Und obwohl wir uns alle Unternehmen, an denen wir uns beteiligen, sehr genau ansehen und die Geschäftsmodelle und Planungen sehr genau prüfen, können wir ein Scheitern nie ausschließen. Unsere Einflussnahme ist auch – allein bedingt durch unsere Position als Minderheitsgesellschafter – eingeschränkt. Bei Youtailor lag es aber weniger am nicht funktionierenden Geschäftsmodell, sondern vielmehr daran, dass die Gründer eine völlig andere Auffassung von korrekter Unternehmensführung hatten als die Investoren und Business Angels. Daher mussten die Investoren die Reißleine ziehen. In der Regel liegt die Ausfallquote im Bereich der Frühphaseninvestitionen bei bis zur Hälfte der Investments. Das ist Teil unseres Geschäfts. Für ein traditionelles Familienunternehmen wie das unsrige ist es natürlich erst einmal ungewohnt, da wir in der Vergangenheit diese Art von Investments nicht getätigt haben. Der Erfolg und Hebel bei den verbleibenden Beteiligungen ist dafür umso größer.

Und woran ist Zitra gescheitert?

Die Idee eines Marktplatzes zur Vermarktung von Restposten und Overstocks im B-to-B-Bereich ist immer noch ein sehr interessantes Geschäftsmodell. Jedoch unterliegt gerade die Restpostenvermarktung im gewerblichen Bereich – anders als etwa beim B-to-C-Kanal Shopping-Clubs – sehr eigenen Regeln. Zum Beispiel werden immer noch sehr große Posten ungesehen bar bezahlt. Außerdem handelt es sich bei Restbeständen von Textilware um nicht standardisierte Produkte, die prozessual nur schwer abzubilden sind. Insgesamt haben sich unsere Erwartungen nicht erfüllt. Mit der Abwicklung der Gesellschaft ziehen wir daher einen geordneten Schlussstrich unter das Projekt.

Planen Sie weitere Investments oder Exits?

Wir haben am Ende des vergangenen Jahres in einige E-Commerce-Projekte in Asien und Südamerika investiert, die sich sehr rasant entwickeln. In Asien rollt beispielsweise unser Portfoliounternehmen Zalora das Zalando-Geschäftsmodell in mehr als zehn Ländern aus. Wir machen das im gleichen Gesellschafterkreis, mit dem wir auch schon bei Zalando, Dafiti (Südamerika), Jabong (Indien) und Lamoda (Russland) investiert haben. Diese Online-Händler wachsen deutlich schneller, als wir es aus etablierten Märkten wie Europa oder den USA kennen. Wir prüfen daher aktiv weitere Engagements in diesen Emerging Markets, werden aber schwerpunktmäßig auch weiter in Europa und Deutschland investieren.

Tablets und Smartphones kreieren neue Geschäftsmodelle: Welche haben die besten Erfolgsaussichten?

Mit Smartphone und Tablets haben die Leute das Internet immer dabei. Damit wird sich das Nutzer- und Konsumverhalten erneut ändern. So ist es möglich, fernzusehen und mit dem Tablet parallel im Internet zu bestellen. Dieser sogenannte Second-Screen wird aber im Moment noch zu wenig intelligent genutzt. Hier gibt es große Potenziale, die noch nicht sehr weit entwickelt sind. ProSieben hat hier einige vielversprechende Ideen mit seinem Connect-Dienst. Gerade in der intelligenten Vernetzung der Techniken sehe ich viel Potenzial für völlig neue Cross-Channel-Geschäftsmodelle in der Kombination TV und Web.

Der Online-Handel dominiert mittlerweile die Berichterstattung in den Medien und vor allem der stationäre Handel tut sich schwer, erfolgreiche Multichannel-Strategien zu entwickeln. Wie sieht die Zukunft des Handels aus?

Das wüssten wir auch gerne. Leider hat es bisher keiner der großen stationären Händler geschafft, auch im Internet eine marktführende Bedeutung zu erlangen. Das liegt daran, dass die Prozesse und das Geschäftsmodell on- und offline völlig unterschiedlich sind. Leider wird das oft unterschätzt. Wie stark der zunehmende E-Commerce sich auf den stationären Handel auswirken wird, ist heute noch völlig unklar. Der Effekt wird aber erheblich sein. Wir gehen davon aus, dass sich die Flächenproduktivität generell verringern wird. Der Wettbewerb kommt mittlerweile massiv aus dem Internet. Für den stationären Handel bedeutet dies, dass er sich neu erfinden muss. Immerhin ist ein stationäres Handelsgeschäft ein tolles Differenzierungsmerkmal gegenüber einem reinen Online-Pure-Player. Das erfordert aber neue stationäre Handels- und Instore-Konzepte, die so gut gestaltet sind, dass die Kunden gerne stationär in die Läden kommen. Das Schöne ist doch, dass sich der Handel immer wieder ändert und derartigen Innovationszyklen unterliegt. Die Umstellung von Bedienung auf Selbstbedienungskonzepte war doch die letzte große Veränderung und hat seit Mitte der 50er Jahre die Handelsformate geprägt. Jetzt sind wir wieder an so einem Punkt. Ich freue mich schon auf die Dinge, die sich künftig entwickeln werden.

Und wie sehen Sie generell die Perspektiven für den Online-Handel?

Der Internet-Handel wird auch in den nächsten Jahren um mindestens 20% pro Jahr zulegen. Derzeit sehen wir sogar eine Beschleunigung des Wachstums. Spätestens 2016 werden wir im deutschen Online-Handel ein Umsatzvolumen von mindestens 50 Mrd. Euro erreichen. In einzelnen Warengruppen sehen wir schon jetzt eine starke Verschiebung der Umsatzanteile von Offline zu Online.

Das Gespräch führte Bert Rösch
24.09.2013Redakteur: Bert Rösch
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