Sie sollen Blicke anziehen, den Kundenlauf stoppen, überraschen, für einen Wow-Effekt sorgen und bestenfalls den Kunden dazu bewegen, ein Geschäft zu betreten. Die Schaufenster. Was war kennzeichnend für das Visual-Merchandising Jahr 2014? Welche Gestaltungsideen haben für Aufsehen gesorgt und haben vielleicht weiteres Potenzial? Storytelling ist das alles überstrahlende Schlagwort. Alles andere als neu, aber ein Trend, der sich weiter fortsetzt und in diesem Jahr vor allem von den britischen Department Stores auf die Spitze getrieben wurde. Immer wichtiger wird zudem die durchgängige Gestaltung. Ein Thema, das vom Schaufenster über die Flächen bis zu den Tüten und zum Online-Shop durchgezogen wird. Welche Ideen des Jahres 2014 sind in Erinnerung geblieben? Eine Auswahl. Von der ganz großen Inszenierung bis zur kleinen, feinen Idee.



1. Harvey Nichols, London. Ein bisschen verstörend wirken die Frühjahrsfenster von Harvey Nichols schon. Statt schöner schlanker Display-Mannequins verwendet der Department Store zum Saisonauftakt kauzige Figuren, die den Betrachter unweigerlich an Chucky die Mörderpuppe erinnern. Tolles Storytelling betreiben die Briten allemal und geben in ihren Fashion-School-Fenstern Nachhilfe in Sachen neuester Mode-Trends. Denn hier geht es weniger um das ABC oder Plus und Minus, als vielmehr um die Must-haves für die Frühjahr/Sommer-Garderobe. In jedem Fenster werden unterschiedliche Schul-Szenen dargestellt, humorvoll und originell. Handgemalte Elemente zieren die Rückwände, mit schwarzer Tinte wurden Notizen von Hand auf Tafeln geschrieben und das alles inmitten eines Kaleidoskops von Farbspritzeffekten. Sehr detailreich und originell. Hier gibt es für jeden etwas zu entdecken.



2. Printemps, Paris. Atmosphäre pur. Printemps nimmt den Betrachter seiner Schaufenster am Boulevard Haussmann mit auf eine märchenhafte Reise in ferne Länder. Jedes Schaufenster ist in einer Farbe gehalten und einem Label gewidmet. Das Setting wird dominiert von einer übergroßen Tierskulptur, die Illustrationen an den Rückwänden stammen von dem Pariser Künstler Julien Colombier. Man kann den Dschungel förmlich riechen. Und auch hier überraschen die Visual Merchandiser mit ungewöhnlich gestalteten Schaufensterfiguren. Sie tragen farblich auf die jeweilige Szene abgestimmte Hüte aus dicken Wollbommeln. Schwarzwaldmädel trifft Afrika.



3. Ludwig Beck, München. Hight Tech Structure, das Motto der Herbstschaufenster von Ludwig Beck sagt eigentlich schon alles. Auf eindrucksvolle Weise verbindet es verschiedene Trends, die im Visual Merchandising – im Fenster wie im Laden – zur Zeit aufkommen. Da ist auf der einen Seite die betont sachliche, nüchterne Darstellung. Geometrische Formen, Linien, Schwarz/Weiß, Grau, Illusionen in 3-D. Andererseits gibt es die technische Komponente, die Passanten anziehen und fesseln soll. Zum Nähertreten laden Sehschlitze vor den Schaufenstern ein. Im 3D-Druckverfahren geprintete Haare für Schaufensterfiguren und innovative Materialien wie Techno-Leder, Acrylglas-Platten und Reflexfolie unterstreichen den technischen Look. Ein Highlight ist der preisgekrönte Stoff „Wave Circles“ von Backhausen, der in Zusammenarbeit mit dem renommierten Architekturbüro Coop Himmelb(l)au entwickelt und mit dem Red Dot Design Award 2014 ausgezeichnet wurde. Er wirkt durch fließende, sich wölbende Punkte dreidimensional.



4. Marc O'Polo, Brüssel. Ein wunderschönes Frühlingsthema ganz konsequent durchgezogen. Vom Schaufenster bis in den Laden. Marc O'Polo hat sich im Frühling einen ganzen Dschungel aus Stämmen, Ästen, Moos und Blumen in seinen Brüsseler Store geholt. Anlässlich der Kunstmesse Art Brussel hat Blumenkünstler Thierry Boutemy, bekannt durch seine Blumendesigns für Sofia Coppolas Kinofilm Marie Antoinette, ein florales Kunstwerk entwickelt: „A Piece of Art“. Dabei ging es gleichermaßen um Installation wie Deinstallation. So konnten die Besucher des Marc O'Polo-Stores am Samstag nach der Messe eine Blume des Künstlers als kleines Souvenir mit nach Hause nehmen. Die verwendeten Blumen wurden mit Knolle gepflanzt und ließen sich auch so in jedem Blumentopf als Frühlingsgruß weiterverwenden. Ein nachhaltiger Hingucker.



5. Galeries Lafayette, Paris. Neugierig werden, näher treten, durchs Schlüsselloch schauen – und die neue Mode entdecken. Die Frühjahrs-Schaufenster der Galeries Lafayette – zu sehen während der Fashion Week – verführten unweigerlich zum genaueren Hinschauen. Und zum Eintreten in den Store. „Till we drop“ hieß die Ausstellung des belgischen Designers Jean-Paul Lespagnard, die dort zu sehen war. Der frühere Preisträger des International Festival of Fashion and Photography in Hyères lud die Betrachter dazu ein, seinen Schaffensprozess zu erkunden. Im Mittelpunkt der Inszenierung: das quirlige Leben in den Grand Hotels der mexikanischen Riviera Maya. Grafische Muster trafen auf ein geprintetes Meer aus bunten Blüten und Bienen. Ein Highlight auch hier: die opulent gestylten Display Mannequins mit hohen Turbanen im Sixties-Style und mit bunten, funkelnden Edelsteinen besetzten Gesichtern.