Harmonie, Wohlfühlatmosphäre, Gemütlichkeit – diese Schlagwörter bestimmen seit geraumer Zeit das Visual Merchandising. Der Kunde soll sich im Laden fast wie zuhause fühlen. Nur dann kauft er. Nur dann ist er entspannt genug, um sich auf das Shopping-Erlebnis einzulassen. So lautet zumindest die Theorie. Doch es gibt einen Gegentrend zum Kuschelkurs. Und der heißt: Irritation.

Weil alle nur im Gemütlichkeits-Modus unterwegs sind, wird es Zeit, die Kunden aus ihrem Dornröschenschlaf zu reißen. Sie mit verrückten Installationen und verstörenden Figuren aufzurütteln und so deren Aufmerksamkeit im schnöden Geschäfte-Einerlei zu bekommen. Vor allem die großen Department Stores haben den Trend erkannt. Aber auch kleinere, unbekannte Läden setzten auf das Spiel mit der Irritation.

Ein probates Mittel sind verquerte Blickwinkel. Bergdorf Godman ist dafür bekannt, in seinen Schaufenstern öfter mal eine etwas schräge Perspektive einzunehmen. Mal steht die Dekoration im Fenster auf dem Kopf, mal hat man den Eindruck, von oben auf ein Zimmer zu blicken. Auch im Risky Shop in Warschau hängen die Möbel an der Decke. Man hat das Gefühl, die Welt ist verkehrt herum und schaut deshalb gleich zweimal hin. Auch Unordnung kann ein Eye-Catcher sein, das zeigen beispielsweise die Geschirrberge bei Karstadt oder auch das Diesel-Chaos-Fenster. Hier sind neugierige Blicke garantiert. Louis Vuitton setzt auf Irritation durch schwebende Möbel. Die Figuren spazieren über Stühle und Tische, die in der Luft zu hängen scheinen. Fast wie bei einem Zaubertrick möchte man wissen, was dahinter steckt, und kommt automatisch näher.

Besonders gut lässt sich dieses Gefühl allerdings mit Figuren erzeugen. Und Möglichkeiten gibt es viele: Bei Karstadt sind es Teile von Schaufensterfiguren, die zerstückelt und nackt im Fenster stehen. Bei Ralph Lauren und Chanel haben die Mannequins ohne Grund die Augen verbunden. Harvey Nichols und Bottega Veneta setzt dagegen auf Figuren mit übergroßem Kopf, die einen unweigerlich an Chucky die Mörderpuppe erinnern. Destabilisierung statt Harmonie lautet bei all diesen Ideen die Devise. Und die Aufmerksamkeit der Kunden ist garantiert.