Vorbei sind die Zeiten, in denen die Mode in Farben schwelgte, gar nicht bunt genug sein konnte, und jedes nur vorstellbare Muster mit jedem kombiniert werden durfte. Zumindest sendeten die Designerschauen für Frühjahr/Sommer 2013 dieses Signal. Die Rede ist von einer neuen Sachlichkeit, einem neuen, modernen Minimalismus. Die Schnitte sind schnörkelloser, markante Schwarz/Weiß-Kontraste und cleane, grafische Muster stark im Kommen. Welche Konsequenzen hat der neue Trend zur Schlichtheit für das Visual Merchandising? Wie inszeniert man den Purismus so im Schaufenster, dass die Kunden auch in den Laden kommen? Wie clean darf es bei der Warenpräsentation sein? Eine erste Einschätzung von Visual Merchandisern.

Domagoj Mrsic, Sayonara Visual Concepts, Düsseldorf.
„Dass die Mode puristischer, minimaler wird, ist offensichtlich. Umso mehr muss die Gestaltung Appetit auf die Mode machen. Das ist wie bei einem feinen Essen. Das beste Kobe-Rind ist erst dann richtig schmackhaft, wenn auch die Dekoration auf dem Teller stimmt. Übersetzt auf die Mode heißt das: Es genügt nicht, ein paar schlichte, schöne Büsten ins Fenster zu stellen und einen tollen Mantel dazu zu dekorieren. Den gibt es heute überall. Dass Purismus zusammen mit Opulenz hervorragend funktioniert, hat Raf Simons bei seinem Debüt für Dior gezeigt. Bei den Haute Couture-Schauen hat der Meister des Purismus seine Mode in einem Raum gezeigt, dessen Wände mit hunderttausenden von echten Blüten verkleidet waren. Er ist für mich ein ganz wichtiges Stil-Vorbild. Ich werde auch in der kommenden Saison ganz sicher nicht einen kopflosen Torso vor weißen Rückwänden zeigen, sondern – Purismus hin oder her – versuchen, die Heiterkeit des Frühlings einzufangen. Die Stichworte dabei sind moderne Romantik und Geborgenheit. Eine gute Inszenierung muss beim Betrachter Gefühle auslösen.“

Karin Wahl, selbstständige Visual Merchandiserin, Köln. Wie der Trend in der Dekoration umgesetzt wird, kommt ganz stark auf das Unternehmen an.  Es gibt ja auch jetzt schon viele Firmen, die ganz cleane Mode anbieten und ein sehr gutes passendes Visual Merchandising machen. Cos ist da ein gutes Beispiel. Die Kaufhäuser dagegen werden auch in der nächsten Saison bei ihrer Dekoration nicht so schlicht werden können. Dort braucht man einfach mehr Ware im Fenster. Grundsätzlich denke ich aber nicht, dass wir dahin zurückkehren, nur ein Motiv an der Rückwand zu zeigen und zwei, drei Figuren dazu zu stellen. Cleane Mode lässt neues Storytelling zu. Vielleicht nicht ganz so opulent, aber auch mit einfachen Mitteln können Schaufenster Geschichten erzählen. Immer auf die Ware abgestimmt. Beispielsweise die grafischen Ornamente, die stark kommen, lassen sich wunderbar in der Schaufensterdekoration aufgreifen. Verspieltes und die extreme Farbigkeit, wie sie im vergangenen Jahr z. B. in den von Marrokko inspirierten Dekorationen zum Ausdruck kamen, werden keine so große Rolle mehr spielen. Ich könnte mir eher vorstellen, dass große Metropolen wie Schanghai oder New York zu Stilvorbildern werden.“

Nadine Frommer, Geschäftsführerin dfrost, Stuttgart. Die Modeschauen der großen Häuser sind und bleiben maßgebend. Nach diesen Trends werden sich dann auch alle Vertikalen richten. Dekoration und Visual Merchandising stehen immer in Relation zur Warenerscheinung und den Themen, die darin verarbeitet werden. Dadurch, dass ‚Produkt im Fokus‘ eine größere Rolle spielen wird, wird sich die Dekoration im Schaufenster dem anpassen. Schlichte und ruhige Themen, Kollektionen und Farben bedeuten ebenso einfache, intelligente Schaufenstereinbauten, die das Thema unterstützen aber nicht übertönen. Das Setup der Dior-Show von Raf Simons für Frühjahr/Sommer 2013 ist ein gutes Beispiel, wie das Thema Leichtigkeit dezent und stilvoll umgesetzt worden ist. Die Kollektion stand im Vordergrund, das Setup war unterstützend, um das Feeling der Kollektion zu vollenden.“

Matthias Spanke, Mitinhaber Inspired Visual Merchandising, Köln. „Die Designer-Schauen haben gezeigt, dass die Mode im nächsten Jahr deutlich puristischer, cleaner und weniger farbig wird. Diese Entwicklung findet sich auch im Visual Merchandising wieder. Jedoch mehr in Bezug auf die Farbgebung als auf die thematische Umsetzung. Denn diese verlangt nach mehr Kreativität als in der Vergangenheit. Inspired Visual Merchandising hat für das kommende Jahr drei Trends herausgearbeitet. Day-to-Day-Fiction: Bei diesem Trend werden Design, Funktion und Erfindung auf eine humorvolle Art verbunden. Alltägliche Gegenstände werden technisch neu umgesetzt. Mystic Romance: Mystik wird sehr modern umgesetzt. Dramatische und romantische Stimmung werden miteinander verbunden. Starke Kontraste durch Akzentbeleuchtung entscheiden über die richtige Wirkung. Technical Design: Lebendiges wird mit Technischem verbunden. Objekte bekommen mitunter Persönlichkeit, und technische Materialien werden mit natürlichen gemischt.“