Wer kennt sie nicht, die guten alten Tante Emma Läden? Kleine Geschäfte mit einem überschaubaren Angebot, hinter der Theke begrüßt einen ein bekanntes Gesicht und die Einkäufe werden von Hand in Papiertüten verpackt. Diese Läden gibt es in Deutschland nicht mehr. Oder zumindest nicht mehr oft. „Das ist schade“, dachten sich Benjamin Brüser und Sebastian Diehl. Und machten sich daran, Tante Emma fit fürs 20. Jahrhundert zu machen. Heraus kam das Konzept „Emmas Enkel“.

In mittlerweile zwei Läden in Düsseldorf und Essen kann man wie zu Omas Zeiten Lebensmittel einkaufen. Es gibt die klassische Verkaufstheke, hinter der der Verkäufer steht. Man fühlt sich gleich wohl in dem Laden, der ein bisschen wie eine Puppenstube aussieht. Das Angebot ist überschaubar, rund 400 Produkte sind im Laden zu sehen. Der Kunde wird nicht mit meterlangen Regalen überfordert. „Klasse statt Masse“ lautet die Devise. Doch das alles ist noch keine Innovation.

Im vorderen Teil des Ladens ist die „Gute Stube“ untergebracht, ein kleines Café mit gemütlichen Oma-Möbeln. Auf den Tischen liegen iPads aus, mit denen man direkt das ganze Sortiment bestellten kann. Hier sind rund 3000 Produkte gelistet, vom Apfel bis zur Zahnpasta. Wer möchte, kann sich den Einkauf vor Ort zusammenpacken lassen und gleich mitnehmen. Möglich ist aber auch eine Lieferung nach Hause zu einem gewünschten Zeitpunkt. Telefonisch bestellen oder online vom heimischen PC oder Smartphone aus ist möglich. Und ganz Eilige scannen die gewünschten Produkte im Vorbeigehen an der riesigen QR-Code-Wand, die am Laden hängt.

Bei Online-Bestellungen kann man, neben klassischen Kategorien, auch nach Themengebieten shoppen. So gibt es beispielsweise Einkaufsvorschläge für den Mädelsabend, den Elternbesuch oder die Party. Bezahlt wird der Einkauf dann entweder in Bar vor Ort oder bei Lieferung. Aber auch Kartenzahlung oder Zahlung per Smartphone mit dem neuen System SQWallet ist möglich. Im Laden selbst möchten die Besitzer den Kunden den Einkauf so angenehm wie möglich machen. Im kleinen Café kann man während des Einkaufs auch eine Kleinigkeit essen. Scannt man das Essen mit der Emmas-Enkel-App, so spuckt das Programm alle benötigten Zutaten aus. Man kann diese dann sofort bestellen und sogar noch auswählen, ob man das Olivenöl von Marke X oder Marke Y haben möchte.



Clever gemacht ist der Ladenbau. In der Mitte des Geschäfts stehen mobile Regale, die je nach Tageszeit anders bestückt sind. „Am Morgen werden hier viele Mitnehm-Lebensmittel angeboten, wie die kleine Flasche Wasser oder der Müsliriegel zur Arbeit. Am Abend kaufen die Kunden dagegen eher ein Sixpack Wasser, Gemüse oder Shampoo“ so Gründer Benjamin Brüser. Der Laden passt sich dem Kunden an. Jederzeit. Online wie offline. Und das Konzept scheint aufzugehen.

Denn die Kunden von heute haben keine Lust mehr, ihre wenig kostbare Zeit mit Einkaufen zu verschwenden. „Immer größere Flächen mit immer größeren Sortimenten sind Zeittotschlag-Maschinen. Daher sind solche Läden Auslaufmodelle“, sagt der renommierte Schweizer Zukunftsforscher David Bosshart vom Gottlieb Duttweiler Institut. Immer wichtiger wird es deshalb, den Kunden beim Zeitsparen zu unterstützen. Ihm vorsortierte Sortimente mit Highlights zu präsentieren oder ihm die Schlange an der Kasse oder der Umkleidekabine zu ersparen. Das gelingt mit neuen Bezahlsystemen per Smartphone, virtuellen Umkleidekabinen oder auch Curated Shopping-Paketen, wie sie beispielsweise der Onlinemodehändler Modomoto anbietet.

Doch wenn alles online abwickelbar ist, warum sollte der Kunde dann überhaupt noch in den Laden kommen? Auch dafür ist Emmas Enkel ein gutes Beispiel. Die vielbeschworene Emotionalisierung ist hier geglückt. Die Kunden kommen, weil sie sich wohl fühlen. Sie sitzen in der guten Stube, trinken Café und kaufen nebenbei ein. In dem Einheitsbrei von Discountern und standardisierten Systemflächen finden sie hier Individualität. Fernab von Hektik und langen Schlangen. Im Modehandel ließe sich dieses Konzept vielleicht nicht 1:1 umsetzen. Doch eine gemütliche Sitzecke in einem Laden, ausgestattet mit iPads, und ein paar wenige Highlights aus dem aktuellen Sortiment, dazu ein Stylist, der die Kundinnen berät und eine Auswahl von aus dem iPad ausgesuchten Stücken für sie aus dem Lager zaubert – damit könnte man Kunden sicher begeistern.