Viel Weiß hat uns der Dezember jetzt schon beschert. Und das nicht nur in Form von Schnee. Auch bei der Weihnachtsdekoration im Handel kristallisiert sich die Farbe Weiß als Liebling der Visual Merchandiser heraus. Nicht nur, aber ganz besonders im deutschsprachigen Raum. Während sich etwa in London Harvey Nichols, Harrods und Selfridges mit bunten Lichtern, knalligen Farben und opulenten Dekorationen in den Schaufenstern schier übertrumpfen, ist hierzulande Understatement angesagt – wenigstens was die Farbgebung betrifft.

Dabei stand auf den wichtigsten Messen für Dekoration, der Christmasworld und der Tendence in Frankfurt, Buntes noch ganz hoch im Kurs. Aber auch das Frankfurter Stilbüro Bora.Herke.Palmisano, das alljährlich die Trends bei Weihnachtsdekoration analysiert und prognostiziert, hatte neben aller Farbigkeit bereits ein schlichteres Thema vorhergesehen. Unter der Überschrift „Soft Cloud“ fassten sie eine reduzierte in hellen Farben gehaltene Dekoration zusammen, die sanft, feminin, leicht und wertig ist.

Ein Trend, von dem sich die Modehändler hierzulande ganz offenbar eher angesprochen fühlten als von lauter Farbigkeit und Glamour. Über die Gründe dafür kann nur spekuliert werden. Die Farbpsychologie verbindet Weiß mit Reinheit, Unschuld, Klarheit, Offenheit und Frieden. Ein bisschen heile Welt also. Und die Sehnsucht danach ist angesichts der mit der Euro-Schuldenkrise verbundenen wirtschaftlichen Unsicherheit nicht nur für die Trend- und Zukunftsforscher unübersehbar.

Alles Weiß bei Reischmann.
Alles Weiß bei Reischmann.


„Harmonie ist ein ganz wichtiges Thema. Ganz leise, aber trotzdem üppig und edel umgesetzt. Damit haben wir uns spontan alle wohlgefühlt“, so erklärt Bernd Deuter, Leiter Marketing beim Modehaus Reischmann in Ravensburg, die Idee zur aktuellen Fenstergestaltung. Weihnachtsstimmung und Romantik wurden mit Inspirationen aus der Welt der Märchen und eines romantischen Wintertages umgesetzt. Ganz in Weiß. Dafür wurde in Antiquitätenläden und Flohmärkten das ganze Jahr über gestöbert und gesammelt. Ein antiker Kinderwagen, eine alte Anrichte, Kaffeemühlen, Kronleuchter und Stühle – die Visual Merchandiser bei Reischmann haben alles mit weißer Farbe überzogen und zusammen mit Pfauen, Eichhörnchen und Eisbären zu einer Art Fabelwelt arrangiert.

Eiskristalle und weiße Lampions sorgen bei Kastner&Öhler für Aufmerksamkeit.
Eiskristalle und weiße Lampions sorgen bei Kastner&Öhler für Aufmerksamkeit.


Das Thema Märchen steht auch in den Fenstern von Kastner&Öhler in Graz im Vordergrund. „Mit Winterlandschaften, Schnee und Eiskristallen wollten wir die Menschen zum Innehalten auffordern. Das Thema Weihnachten ist in allen Köpfen äußerst opulent und im klassischen Sinne festlich gestaltet. Interessant war es daher, eine neue Möglichkeit zu finden, um unsere Kunden zu verzaubern“, sagt Susanne Loibnegger, Leiterin Dekoration. So ist eine fantastische, glitzernde Welt entstanden. Eisig und dennoch romantisch. Die Resonanz der Kunden zeigt Susanne Loibnegger, dass sie mit ihrer Idee den Nerv der Zeit getroffen hat. „Es ist oft gewagt, sich für die Spitze des Eisbergs zu entscheiden, aber die leuchtenden Kinderaugen vor unseren Schaufenstern haben uns Recht gegeben.“

Alice im Wunderland, fast ganz in Weiß, bei Leffers in Wilhelmshaven.
Alice im Wunderland, fast ganz in Weiß, bei Leffers in Wilhelmshaven.


Noch mehr Märchenhaftes, fast ganz in Weiß, gibt es bei Leffers in Wilhelmshaven zu sehen. Inspirationsquelle war hier Alice im Wunderland. So sprießen im Schaufenster riesige Pilze aus dem Boden, weiße Uhren zieren die Wände, und auch die verrückte Teeparty fehlt nicht. Beke Brumme, Leiterin Visuelles Marketing, nennt unter anderem ganz handfeste, praktische Gründe, weshalb sie zu Weiß gegriffen hat. „Die Mode ist zur Zeit sehr farbig. Wir wechseln die Ware alle zwei Wochen im Fenster, da muss die Dekoration passen.“ Und mit Weiß sei das kein Problem.

Festlichter bei Konen in München.
Festlichter bei Konen in München.


Dass die Farbe, die im physikalischen Sinne eigentlich gar keine Farbe ist, aber nicht nur romantisch und märchenhaft umgesetzt ein Hingucker ist, zeigen die akutellen Fenster von Konen und Lodenfrey in München oder Prada in Mailand. Man braucht nur ein paar zusätzliche Effekte, dann kommt Weiß auch ganz clean und kühl gut an. Bei Konen sind das zum Beispiel Heiligenscheine mit Lichteffekt. Bei Lodenfrey leuchten die Schlittschuhkufen nicht nur, sie drehen die Figurine auch um die eigene Achse. Und bei Prada ist es die Rückwand aus Eiszapfen, die die Blicke auf sich zieht.

Und was kommt nächstes Jahr? Weiß ist zumindest für die Häuser tabu, die sich schon in diesem Jahr für den Komplett-Look entschieden haben. „Wir haben uns noch nicht festgelegt. Es könnte sein, dass es wieder bunter wird. Ein Trend, den ich momentan sehe, ist Kupfer, Grau und Weiß im Mix“, sagt Leila Heller-Wamsler, Abteilungsleiterin Dekoration bei Kaiser in Freiburg. Susanne Loibnegger denkt, dass Weiß und Silber grundsätzlich auch im nächsten Jahr ein gutes Thema bleiben. „Weil Kastner&Öhler das schon hatte, müssen wir uns aber auf die Suche nach dem nächsten Trendthema machen.“ Möglichkeiten, sich auszutoben, dürfte es für die Visual Merchandiser genug geben. Schließlich wird die Mode im nächsten Jahr cleaner, schlichter und weniger farbig.