Die Tarifverhandlungen im Einzelhandel sind beendet. Für die Arbeitgeber bewegt sich das Ergebnis an der Grenze des wirtschaftlich Vertretbaren. Verdi sieht das anders - und will mehr. Die Gewerkschaften drohen mit Streiks. Allerdings konnte Verdi in dieser Tarifrunde auch einige Erfolge erzielen.
Die Tarifverhandlungen im Einzelhandel wurden am Mittwochabend in Brandenburg beendet – und damit im letzten noch ausstehenden Bundesland in dieser Tarifrunde. Die Abschlüsse folgten im Wesentlichen alle dem Pilotabschluss in Baden-Württemberg. Die Einigungen weisen nur geringe Abweichungen von der Einigung im Südwesten auf. Der Tarifabschluss von Baden-Württemberg war am 28. Juli erzielt worden.
Die Tarifeinigung in Baden-Württemberg
Die Gehälter und Löhne werden rückwirkend zum 1. Juni 2017 um 2,3% erhöht, ab 1. April 2018 gibt es eine weitere Erhöhung um 2,0%. Die Vergütungen für Auszubildende werden entsprechend zum 1. August 2017 bzw. 1. August 2018 angehoben. Im März 2018 werde außerdem eine Einmalzahlung von 50 Euro ausgezahlt, Auszubildende erhalten 25 Euro. Der Tarifvertrag hat eine Laufzeit bis zum 31. März 2019.
In allen Bundesländern werden die Gehälter und Löhne zunächst um 2,3% und in einem weiteren Schritt um 2,0% erhöht. Die Tarifabschlüsse haben zudem alle eine Laufzeit von 24 Monaten. Was voneinander abweicht, sind in erster Linie die Termine, zu denen die Erhöhung in Kraft tritt. Die Eimalzahlungen von 50 bzw. 25 Euro wurden ebenfalls in nahezu allen Bundesländern beschlossen. In einzelnen Bundesländern stiegen die Ausbildungsvergütungen überproportional, also um mehr als 2,3% bzw. 2,0%.

Insgesamt sind die Tarifverhandlungen im Einzelhandel damit offenbar anders verlaufen, als es Verdi angestrebt hatte. Unmittelbar nach der Einigung in Baden-Württemberg hatten die Gewerkschaften betont, dass man den Tarifabschluss nicht als bundesweiten Pilotabschluss sehe: „Der Tarifabschluss wird in nächster Zeit in anderen Tarifbezirken – durchaus kritisch – beraten werden“, erklärte Verdi damals.

Nun hat sich gezeigt, dass die Vereinbarungen in Baden-Württemberg, ähnlich wie in der Vergangenheit, richtungsweisend blieben. „Sobald ein Abschluss vorliegt, ist es schwer, diesen in anderen Regionen zu toppen. Die Arbeitgeber sind hart koordiniert und versuchen eher, geringere Löhne und Gehälter zu verhandeln“, erklärt Orhan Akman, Tarifkoordinator Einzelhandel bei Verdi. Angesichts dessen, dass es dem Handel „mehr als gut“ gehe, lasse das Ergebnis zu wünschen übrig. „Es wäre mehr für die Beschäftigten drin gewesen. Die Handelsunternehmen investieren viel Geld z.B. in unsinnige Öffnungszeiten, unnötige Flächenexpansion oder in Rabattschlachten, aber nicht in die Beschäftigten der Branche.“

Dem entgegnet Jens Dirk Wohlfeil, HDE-Geschäftsführer der Abteilung Arbeit, Bildung, Sozial- und Tarifpolitik: „In keiner anderen Branche wurde in diesem Jahr so intensiv um einen Tarifabschluss gerungen wie im Einzelhandel. Dies lag zum einen an den überzogenen Erwartungen von Verdi, zum anderen aber auch an den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.“ Der Einzelhandel befinde sich in einem dramatischen Strukturwandel, der vielen Unternehmen zusetzt. Das Umsatzwachstum finde überwiegend im Onlinehandel statt, während der stationäre Handel zunehmend zu kämpfen hat. „Vor diesem Hintergrund stellt der zweijährige Tarifabschluss, der Entgeltsteigerungen von insgesamt 4,3% und eine Einmalzahlung von 50 Euro vorsieht, die Grenze des wirtschaftlich Vertretbaren für die Handelsunternehmen dar.“

Das Ziel der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge im Einzelhandel durchzusetzen, blieb bisher erfolglos. Demnach gelten die Tarifabschlüsse weiterhin nur für Mitarbeiter in tarifgebundenen Unternehmen. Das sind nach Verdi-Informationen etwa 30% der Beschäftigten im Einzelhandel. Akman kündigt an, sich weiterhin für die Beschäftigten in nicht-tarifgebundenen Unternehmen stark zu machen: „Wir wollen die Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge im Handel durchsetzen und uns tarifflüchtige Unternehmen nun intensiver vornehmen.“

Vergangenen Samstag hatten in Düsseldorf nach Gewerkschaftsangaben rund 2000 Beschäftigte des Handels für allgemeinverbindliche Tarifverträge demonstriert. Aktuell kämpfe Verdi noch um die Bezahlung nach Tarifvertrag bei Zalando, Streiks bei Adler seien bereits organisiert. Auch Karstadt, MyToys und weitere Unternehmen stehen auf der Agenda, heißt es seitens der Gewerkschaften.

Neben diesen Rückschlägen konnte Verdi allerdings auch drei Erfolge verbuchen: Mit Esprit habe die Gewerkschaft einen Anerkennungstarifvertrag abschließen können. Zudem werden die Mitarbeiter der Lagerstandorte von Lidl nun nach Einzel- und Versandhandelstarifen bezahlt. Zuletzt konnten im Rahmen der Tarifverhandlungen in Brandenburg Sonderzahlungen wie das Urlaubs- und Weihnachtsgeld angeglichen werden.
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