Startschuss für die Modewoche in Berlin. Die Fashion Week ist wieder zurück am Brandenburger Tor. Über 50 Shows und Präsentationen sind auf dem offiziellen Kalender der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin gelistet. Tag eins startet mit einem der interessantesten Aufsteiger, die die Stadt zu bieten hat.

HIEN LE.
Seit seinem Debüt 2010 wird er als neues Gesicht des Berliner Minimalismus gefeiert. Reduziert und sauber – Hien Le lässt alles in Deutschland produzieren. Zum Herbst sind die Entwürfe bewegter als sonst, rauchige Farbverläufe von Blau zu gedämpftem Türkis bis Ocker auf seidigen, leicht fallenden und teilweise plissierten Stoffen sind omnipräsent. Er hat sich von den Farbwelten des Expressionisten Mark Rothko inspirieren lassen. Dazu werden wuchtige Materialien wie grober Strick, Alcantara oder Veloursleder kombiniert.

Der zweite Part der Kollektion ist in Cremefarben gehalten, Hien Le sieht keine Wiederkehr für Schwarz, wie viele seiner anderen Kollegen. Der Key-Look für Männer: Wollhose und grob gestrickte Blousons. Für Frauen: ein kurzer Stiftrock zur strengen Seidenbluse mit Farbverlauf. Interessant: Die Silhouette ist kastig oder ballonartig – der aus Laos stammende Designer setzt auf Verhüllung statt auf schmale Linien. Alles in allen eine harmonische, innovative und wieder einmal tragbare Kollektion – der Minimalist ist weicher geworden, was der Kollektion gut tut. Ein gelungener Auftakt zur Fashion Week.

PERRET SCHAAD. Johanna Perret und Tutia Schaad zeigen wieder einmal, welch großartiges Farbgefühl sie haben. Warmes Grau trifft auf Schlamm, Altrosa, Kupfer, Beige und Schiefergrün. Dazu Feuerrot und Karminrot anspruchsvoll und virtuos miteinander verbunden. Dazwischen ein außergewöhnlicher Print: Papierskulpturen des Künstlers Peter Jap Lim. Aber auch ihr Gefühl für Materialien wird immer besser: Glänzende Seide zu mattem Kaschmir. Kreppiger Wollgeorgette steht neben technischen Oberflächen.

Die Silhouetten sind gewohnt fließend mit asymmetrischen Rocksäumen. Die zarten Röcke werden zu streng geschnittenen, kragenlosen Blazern und drapierten Schals gestellt. Tolle Mäntel und Mantelkleider. Schwierig ist der Glockenrock aus Seide, er trägt auf. Auch die Blusen sind wieder etwas ausladender geschnitten, mit capeartigen Ärmeln, umhüllen aber durch den weichen Stoff nur ganz zart die Schultern. Die beiden lieben es, mit Volumen und skulpturalen Verfremdungen zu spielen. Dabei ist dieses Mal aber leider nichts Neues herausgekommen. Die Kollektion, gerade die asymmetrischen Röcke, erinnert stark an die Präsentationen der vergangenen Saisons. Hier steckt noch so viel Potenzial.

KILIAN KERNER. Er zählt bereits zu den etablierten Designern in Berlin und zu den Lieblingen des Publikums. Die Mode von Kilian Kerner wird nach eigenen Angaben in 14 Länder exportiert. Seit vergangenem Jahr hat das kleine Modeunternehmen eine Aktiengesellschaft im Rücken. Fluch oder Segen für die Kollektion? Ein Segen. Der Designer hat sich weiterentwickelt. Letzten Winter zeigte er seine bis dato androgynste Kollektion, durchdacht, modern. Und die Kritiker verstummten.

Jetzt zum nächsten Herbst wird er ernster, dunkler, ohne dabei seine gewohnt emotionale Attitüde zu verlassen. Und die Kritiker jubeln. Klassische Hosenanzüge, Etuikleider mit Schößchen und Kostüme stehen im Fokus. Ebenso verschwommene Galaxy-Prints auf Seide und Seidenlurex. Dazwischen ein paar „Showpieces“ wie ein Kleid mit quaderförmigem, ungelenkem Rock. Über alles legt sich ein Hauch von Swinging Sixties. Die Pilzfrisur der Models ist die offensichtlichste Reminiszenz. Die Farbpalette oszilliert zwischen Weinrot, Dunkelgrün, Senf und viel Schwarz.