Berlin bietet sich als Bühne an. Für riesige Messen und kleine Schauräume. Für große Inszenierungen und stille Präsentationen. Und für neue Talente. Anderswo, wo der Schauenkalender nur so vor großer Namen strotzt, gäbe es kaum Raum für sie. In Berlin schon. Einige davon – lässt man die typischen „Selbstverwirklichungs-Kollektionen“ weg − sind sogar richtungsweisend. Die jungen Kreativen, die sich heute auf der Fashion Week in Berlin präsentieren, zeugen von einer neuen Qualität. Sie haben ihr Handwerk bei großen Namen wie Jil Sander, Marc Jacobs und Stella McCartney gelernt. Und sie haben einen Sinn. Einen Geschäftssinn. Sie haben Lücken im Markt erkannt, ihre Nische gefunden. Neben Blame und Hien Le, die bereits vergangenes Jahr als die besten neuen Talente gefeiert wurden, gehören 1913 Berlin by Yujia, A Degree Fahrenheit und Isabell de Hillerin zu den vielversprechendsten Newcomern.

Sarah Büren und Sonja Hodzode
Sarah Büren und Sonja Hodzode
Blame. Off zu Blame. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die beiden Berliner Designerinnen haben sich im letzten Augenblick dafür entschieden, in einer kleinen Location in Berlin Mitte zu zeigen. Aurora, so der Name der Kollektion. Die dunstige Morgenröte im Winter diente als Inspiration, sagen die beiden, während sie noch an den Models zupfen. Und so reicht auch die Farbpalette von Weiß und Rosé bis zu Anthrazit und Schwarz. Blame zeigt nicht viele (neun), dafür starke Looks. Gewohnt clean, mit punktuell gesetzten Details wie farbigen Paspeln, Zierstichen und Stickereien, die von Vintage-Nachtwäsche inspiriert sind. Wieder einmal schöne Reminiszenzen an vergangene Tage, modern umgesetzt. Eine poetische, aber sehr zeitgemäße Kollektion für Frauen die Chloé mögen, Diane von Furstenberg, Stella McCartney und Céline. Zu Recht hat Blame jüngst den Premium Young Designers Award in der Kategorie Womenswear gewonnen. Was Sarah Büren und Sonja Hodzode machen, nimmt die Zuschauer in Bann. Beide kommen aus gutem Hause: Sie haben für Marc by Marc Jacobs, Preen, Hugo Boss and Michalsky gearbeitet. Blame, ein schlichter Name für schlichte, lässige, sehr feminine und tragbare Designs.



Hien Le
Hien Le
Hien Le. Seit seinem Debüt 2010 wird er als neues Gesicht des Berliner Minimalismus gefeiert. Reduziert und sauber – Hien Le lässt alles in Deutschland produzieren. Zum Herbst sind die Entwürfe bewegter als sonst, rauchige Farbverläufe von Blau zu gedämpftem Türkis bis Ocker auf seidigen, leicht fallenden und teilweise plissierten Stoffen sind omnipräsent. Er hat sich von den Farbwelten des Expressionisten Mark Rothko inspirieren lassen. Dazu werden wuchtige Materialien wie grober Strick, Alcantara oder Veloursleder kombiniert. Der zweite Part der Kollektion ist in Cremefarben gehalten, ein klares Statement. Der Key-Look für Männer: Wollhose und grob gestrickte Blousons. Für Frauen: ein kurzer Stiftrock zur strengen Seidenbluse mit Farbverlauf. Interessant: Die Silhouette ist kastig oder ballonartig – der aus Laos stammende Designer setzt auf Verhüllung statt auf schmale Linien. Alles in allen eine harmonische, innovative und wieder einmal tragbare Kollektion – der Minimalist ist weicher geworden, was der Kollektion gut tut.



Yujia Zhai-Petrow
Yujia Zhai-Petrow
1913Berlin by Yujia. Kaschmir ist ihr Material. Urban ihre Handschrift. Der erfrischende Zugang zu dem Luxusmaterial macht die Kollektion der Chinesin Yujia Zhai-Petrow ganz besonders interessant. Die Branche ist zurzeit händeringend auf der Suche nach neuen Ideen im Strickbereich. Alle Teile der Kollektion sind aus feinstem Garn und hochwertigem Strick aus Italien und der Mongolei gefertigt. Legere, edle Wohlfühlstücke zu verständlichen Preisen (ab 250 Euro VK). Zum Herbst 2013 zeigt 1913Berlin by Yujia Mäntel mit zerklüfteten Texturen, Rundhals-Pullover mit Kontrastbündchen, unkonstruierte Blazer und Jackets mit geometrischen Dessins sowie hauchzarte Blouson-Typen.



Yu Amatsu
Yu Amatsu
A Degree Fahrenheit. Ein junger Japaner begeistert Berlin. So boulevardesk wird Yu Amatsu in der Presse gefeiert. Nach Iris van Herpen, Wang Yutao und Steven Tai ist er der nächste internationale Nachwuchsdesigner, den Mercedes-Benz zusammen mit der Zeitschrift Elle fördert und zur Fashion Week eingeladen hat. Konzeptionell durchdacht, handwerklich sauber, so präsentiert Yu Amatsu sein DOB-Label, das er A Degree Fahrenheit genannt hat, um „in alphabetisch geordneten Listen von Marken weit vorne zu stehen“. Zum Herbst stehen schmale, strenge Kostüme und hogeschlossene Kleider, teilweise im Patch mit Leder, aus Wolle mit Fischgrat-Dessin, im Fokus, im subtilen Farbverlauf von Grau zu Anthrazit. Ohnehin wirkt die Kollektion düster. Farbe? Fehlanzeige. Der Japaner, der unter anderem bei Marc Jacobs gelernt hat, lässt das Material wirken: Fließende Seide als Kontrast zur rauen Wolle. Glatt und körpernah oder in feinen Fältelungen, die Silhouette umspielend. Wickeleffekte verstärken den avantgardistischen Appeal.



Isabell de Hillerin
Isabell de Hillerin
Isabell de Hillerin. Cleanes Tailoring und die Kombination mit traditionellen moldawischen und rumänischen Stoffen, Stickereien und Fertigungstechniken haben die Berlinerin bekannt gemacht. Diesem USP bleibt die Designerin, die das Label 2009 gegründet hat, auch für kommenden Herbst treu. Folkloristische Stickereien und handgewebte Stoffe aus Osteuropa sind wieder in der Kollektion vertreten, wenn auch viel dezenter als noch zuvor. Erst auf den zweiten Blick erschließen sich Dekorationen auf gedoppelten Taschen oder Kragen. Farblich propagiert Isabell de Hillerin nach der Sommer-Kollektion in Offwhite jetzt Schwarz, Petrol und Marine. Die Stickereien sind ebenfalls Ton in Ton gehalten. Düster und fast züchtig wirkt die Kollektion mit hochgeschlossenen Blusen und wadenlangen Röcken mit eingelassenen Falten. Ohnehin arbeitet Isabell de Hillerin viel mit versteckten Fältelungen und Drapierungen, um den geradlinigen Teilen Bewegung einzuräumen. Lässig sind die Wollmäntel mit überschnittenen, volumigen Ärmeln. In diesen Zeiten, in denen Trends sich immer schneller selbst überholen, wird viel darüber gesprochen, wie wichtig Tradition ist. Isabell de Hillerin will sie bewahren. Das zeigt sie eindrucksvoll bei ihrer ersten Präsentation im Studio auf der Fashion Week. Die entschleunigte, stille Installation sei ein stiller Protest gegen die Rasanz der Zeit, sagt die Designerin nach der Show gegenüber der TW.