Mitten im Leben – das zieht sich wie ein roter Faden durch die Designerschauen von New York bis Paris. Mitten im Leben, das steht für einen neuen Realitätsbezug der Kreativen. Einschließlich eines stärkeren Blicks auf Verkäuflichkeit. Dabei gelten, wieder einmal, mehrere Strömungen parallel. Die große Catwalk-Analyse:

IN MODE. Die Spitze der modernen Bewegung. Reduziert, klarlinig und dennoch feminin. Céline als Vorreiter-Kollektion steht in einem weiter wachsenden stilistischen Umfeld. Formen mit lockerem Volumen, langgezogene H-Silhouetten, Keulenärmel und runde Schultern charakterisieren die Looks.

AUS DEM BETT. Frisuren komplett ungekämmt, neudeutsch: „undone hair“. Sie drehen jedes Outfit in die Moderne. Abgerockt und verpennt. So sieht der neue Look aus, ob bei Prada, Trussardi oder Saint Laurent. Die Friseurzunft wird nicht glücklich sein über den Trend zu strähnigem Haar und strubbeligen Konturen. Jeder Ansatz von Eleganz im Outfit bekommt durch diese Haarpracht den Dreh in eine Coolness. Diese Lässigkeit passt jedoch perfekt zu den neuen Frauentypen: selbstbewusst schön und verrucht.

IN DIE DUNKELHEIT. Wieder Schwarz. Dabei setzen kontrastreiche Oberflächen die Lichter, wie lackierte Partien bei Calvin Klein oder schimmerndes Satin bei Beckham, glänzendes Leder zu transparentem Chiffon bei Gucci.

AUF DER PIRSCH. Punk, Grunge und Domina-Spielchen. Die neue Frau ist stark und unübersehbar cool. Leder und viel Haut werden selbstbewusst in Szene gesetzt. Ein junges Thema mit Bestseller-Potenzial.

NACH HOLLYWOOD. Die reinsten Bilder der Saison. Die schönsten, feinsten. Fast wie Traumfrauen früher. Makellos im Kostüm, charmant im Cocktailkleid, zauberhaft im Pelz. Ein Hauch 40er und eine Menge 50er Jahre-Einflüsse.

VOR MORGENGRAUEN. Freie Schulter. Ein Knopf immer ungeschlossen. Asymmetrien, unregelmäßige Säume. Hier zeigen sich Retro-Einflüsse, zukunftsweisend und abenteuerlich interpretiert. So sehen Traumfrauen aus, wenn sie die Nacht auf einem Barhocker verbringen: große Klasse, schön abgerockt.

UNTER NEUEM FOKUS. In Farbe. Fürs Kostüm. Als Akzent oder gar als Kleid. Pelz, noch mehr als sonst. Konsequent. Für alle Produktgruppen, alle Anlässe. Dabei selbstverständlich gemustert, gepatcht, gestriegelt. Modernität und Mut sind gefragt. Für eine mondäne Inszenierung mit Laissez faire-Attitüde. Doch für den Markt auch in Fake Fur vorstellbar.

IN DIE ZUKUNFT. Stark und dennoch sinnlich. Reich und dennoch innovativ. Techno-Looks zeigen sich vielfältig mit eingestrickten holografischen Pailletten, mit Neopren-Doubles, Hochglanz-Prints und grafischen Formen.

RUNDUM GLAMOUR. Prunk in neuer Interpretation: mal durch Schlaufen-Stickereien, die an glitzerndes Bonbon-Papier erinnern. Mal mit Perlen-Häkeleien. Mal mit Jacquards, die mit Schmucksteinen besetzt sind.

IN 3-D. Materialeffekte bleiben zentrales Deko-Element. Tiefe im Stoff, Mix von Matt zu Glanz, von Plüsch zu schimmerndem Nylon. Prägungen, Cut-outs, Ösen, Laschen, Scherenschnitte und Netzoptiken: alles 3-D.

BIS OBENHIN. Hochgeschlossen und zugeknöpft. Auch das gehört mit zu den jüngsten Retro-Tendenzen. Die neue Frau gibt sich ernst. Das Flatterhafte, Luftige der vergangenen Saisons weicht einer schlichten Sachlichkeit. Also bedeckt die neue Frau nicht mehr bloß das Dekolleté, sondern auch den Hals. Mädchenhafte Bubikragen, strenge Hemdblusen, biedere Schildkröt-Kragen und Unmengen von Rollis stehen für dieses Prüderie-Comeback. Was der flache Schuh am Fuß, das soll auch der geschlossene Kragen sein: Stütze im Alltag.

UNTER SCHUTZ. Nicht ohne einen Mantel. Er ist das neue Must-have: großräumig, klassisch in Wolle als H-, O- und A-Silhouette, knie- bis manchmal bodenlang. Oder pur und modernistisch: kragenlos, lässig, offenkantig.

IN BEWEGUNG. Riesige aufgesetzte Taschen. Fast wie ein portables Großraumbüro. Übergroße Zipper für Funktion und Schönheit. Parka, Blouson, Biker – sportive Einflüsse für alle Lebenslagen. Inklusive Nadelstreifen und glänzender Oberflächen. Sogar für den schicken Auftritt am Abend. Materialmix ist Pflicht: Wolle mit Leder, Nylon mit Jersey. Kragenlos ist Kür.

AN DIE WADE. Sicherlich gewöhnungsbedürftig: der wadenlange Rock. Ob bleibstiftschmal in Jersey oder schwingend in Stoff. Wenn die schmalste Stelle vom Bein sichtbar bleibt, ist dazu sogar ein Ankle erlaubt.

AUF DEM BODEN. Flache Sohle. Standfestes Schuhwerk. Das war einer der auffälligsten neuen Trends auf den Catwalks, wo es üblicherweise extrem hoch hergeht. Jetzt also Schnürer, Loafer, Boots – möglichst mit dickem Boden, kräftigem Plateau, kernigem Absatz. Auch das ist als Tribut an den neuen Realitätssinn der Designer zu verstehen: Anspruchsvolle Zeiten erfordern alltagstaugliches Schuhwerk.

ZUR KRÖNUNG. Schmuck. Tonnenweise. Gehäuft und allover. Oder übergroß und prominent platziert. Es flattern Schmetterlinge, es kriechen Reptilien, es baumeln Kreuze. Schmuck wird zur Kleidung. Und umgekehrt.

VOM MANN. Das Gender-Spiel geht weiter. Hochgeschlossen. Abgeräumt. Weißes Hemd. Doppelreiher. Schalkragen. Schwarz und Weiß. Zum Herbst mit etwas geräumigeren Silhouetten als sonst.

IN DIE MITTE. Die X-Silhouette ist nicht zu übersehen. Unerheblich ob Mantel, Lederjacke, Trench oder voluminöser Grobstrick, mit einem dicken Gürtel wird alles auf Taille gebracht, was naturgemäß eher ausladend ist. So kommt auch der Glockenrock besser zu Geltung.