Ellen. Ute. Rosi. Gabriella. So unterschiedlich diese Namen, so unterschiedlich sind die Frauen, die sie tragen. Doch mindestens zwei Dinge haben sie gemeinsam: Sie alle sind älter als 45. Und sie haben im Verlauf des vergangenen Jahres ein ausführliches Gespräch mit Elke Giese geführt. Wie 36 weitere Frauen auch. Ein Gespräch darüber, wie sie modisch geprägt wurden. Wie ihr Lebensgefühl heute ist.

Welche Veränderungen bringt das Altern mit sich? Wie möchten die Frauen sich darstellen? Mode als Ausdrucksmittel hat für die 40 hier befragten Frauen eine große Bedeutung. Das ist das erste Ergebnis dieser Studie, die Elke Giese mit finanzieller Unterstützung von Galeria Kaufhof und S.Oliver durchgeführt hat. Viele Jahre lang war sie Ressortleiterin Mode beim Deutschen Mode-Institut. Dann nahm sie, Mitte vergangenen Jahres, dieses Projekt in Angriff. Ein Auszug aus den Ergebnissen:

Ein positives Gefühl gegenüber ihrem Alter haben die meisten der Befragten. Foto: Fotolia
Ein positives Gefühl gegenüber ihrem Alter haben die meisten der Befragten. Foto: Fotolia

GEFÜHL. Die Frauen haben ein gutes Grundgefühl gegenüber ihrem Alter. Sie wollen gar nicht mit jüngeren konkurrieren – aber sehr wohl attraktiv sein.

„Heute habe ich doch eine andere Sicherheit, habe ein Profil und weiß, was ich kann und will. Ich glaube, die Frauen heute haben ein anderes Selbstbewusstsein und anderes Selbstwertgefühl als früher. Ich finde, das sieht man ihnen auch an.“ Britta B. (52)

„Es gibt so tolle Frauen mit 65. Alter spielt nicht mehr die große Rolle wie früher, wo man in unserem Alter einfach am äußeren Rand stand und draußen war.“ Ellen S. (63)

„Ich identifiziere mich eigentlich nie mit meinem Alter. Und trotzdem spüre ich instinktiv Time is over for that." Andrea S. (58)


„Man kann einfach nicht mit der Optik der jungen Frauen mithalten. Und wenn ich da mit einer jungen Frau im Wettbewerb stehe, dann würde ich denken, das bringt mir Nachteile, wenn ich Dinge so offensiv zeige, mit denen ich schlechter abschneide.“ Gabriella M. (57)

„Man sieht an der Körperhaltung auch die Haltung zum Leben – Resignation oder Vitalität. Man wird als jünger wahrgenommen, wenn man sich sportlich und behände bewegt.“ Ute R. (66)

Der Körper verändert sich trotz aller Anstrengungen. Foto: Fotolia, Robert Kneschke
Der Körper verändert sich trotz aller Anstrengungen. Foto: Fotolia, Robert Kneschke


KÖRPER. Alle, selbst ganz schlanke Frauen, beobachten, dass sich ihr Körper verändert. Ab Mitte 50 zeigen sich häufig Altersmerkmale an Armen, Beinen, an Hals und Bauch bzw. Taille. Keine der befragten Frauen mag oder kann noch längere Zeit auf hohen Absätzen laufen – das hat Auswirkungen auf die Silhouetten.

„Ich habe früher immer High Heels getragen. Heute kann ich nicht mehr auf diesen Schuhen laufen. Da fallen auch noch mal ganz viele Dinge weg. Ich habe zum Beispiel immer gern gerade geschnittene Hosen getragen. Die sehen aber nur mit Absatz darunter gut aus.“ Rosi B. (62)

„Keine hohen Absätze. Nur am Abend. Tagsüber würde mir das nicht im Traum einfallen. Ich trage viele Sandalen und Ballerinas.“ Kerstin S. (51)

Echte Vorbilder fehlen vielen. Aber die Werbung von H&M spricht die meisten an.
Echte Vorbilder fehlen vielen. Aber die Werbung von H&M spricht die meisten an.


VORBILDER. Es fehlt an attraktiven Leitbildern in den Medien.

„Eine meiner größten Vergnügungen ist es, mir in der U-Bahn ältere Frauen anzuschauen, die noch mal ein ganzes Stück älter sind als ich. Dann überlege ich, woran es liegt, dass die mir gefällt. Und abgesehen von ihren Gesichtszügen und Falten schaue ich auch, was hat die für Klamotten an. Dabei gefallen mir immer Frauen, die ein bisschen ,daneben’ angezogen sind, sich eine Verrücktheit leisten. Ein schräges Tuch oder einen besonderen Mantel.“ Claudia G. (55)

„Wenn ich Menschen sehe, die was Gutes anhaben, das regt mich an. Da habe ich sie so im Leben vor mir. In den Zeitschriften sind das doch geschönte Dinge.“ Gisa S. (58)

„Andere Frauen können anregend sein. Der Austausch mit meiner Tochter auch.“ Ruth G. (55)

Ja, es gibt erste Unsicherheiten im Sinne von ,Kann ich das noch anziehen?’ Da hole ich mir dann den Rat meines Sohnes und seiner Freundin.“ Elisabeth R. (57)

„Mich spricht die H&M-Werbung unwahrscheinlich an, die finde ich richtig gut. Von denen lasse ich mir auch die Mails schicken. Die sind richtig toll.“ Juliane P. (61)

„Ich finde die H&M-Werbung schon gut. Die Models und die Sachen sehen toll aus, auch wenn man weiß, dass das für den Preis nicht so toll sein kann. Trotzdem ist das ästhetisch.“ Hildegard T. (70)

Originalität und ein Stück Jugendlichkeit spielen für die Frauen ab 45 eine große Rolle.
Originalität und ein Stück Jugendlichkeit spielen für die Frauen ab 45 eine große Rolle.


MODE. Es ist ein Balance-Akt. Was geht noch? Was nicht? Wieviel Individualität kann ich mir erlauben? Die Frauen kombinieren Einzelteile. Der Markenmix ist breit.

„Ich will nicht ältlich wirken! Dass ich nicht mehr jung bin, weiß ich – aber ältlich ist Horror für mich.“ Gisa S. (58)

„Jetzt, wo die Kinder groß sind, habe ich neue Freiheiten und Lust, mich neu zu erkunden. Im Gegensatz zu früher bin ich kein Jeanstyp mehr. In kurzen Röcken fühle ich mich jünger und vitaler.“ Simone G. (51)

„Ich möchte auch in zehn Jahren noch auffallen. Aber ich vermeide es, zu jugendlich auszusehen. Ich finde Frauen schrecklich, die sich total jung anziehen, aber jeder sieht, dass sie es nicht mehr sind. Es ist eben ein sehr schmaler Grat. Ich hoffe, dass ich da selbstkritisch genug bin.“ Heide M. (57)

„Ich will individuell sein, aber will mich nicht hervortun.“ Kerstin S. (51)

„Ich arbeite noch privat nebenbei, das Geld spare ich dann immer für ein paar gute Schuhe. Schuhe finde ich ganz wichtig. Wenn ich meine Stiefeletten von Unützer, die 420 Euro gekostet haben, anziehe, bin ich jeden Tag ganz glücklich. In billigen Schuhen möchte ich nicht rumlaufen.“ Ines V. (64)

„Das Stück Originalität ist mir wichtig. Ich liege zum Beispiel manchmal nachts wach und denke darüber nach, was ich zu einem bestimmten Anlass anziehen soll, weil ich Angst habe, das Maß nicht zu treffen zwischen Förmlichkeit und meiner Individualität. Das ist ein Balanceakt, der mich ganz viel Überlegung kostet. Und es gelingt mir nicht immer, die richtige Entscheidung zu treffen.“ Elena H. (50)

„Ich achte sehr darauf, meine Problemzonen zu kaschieren. Als Prinzip könnte man sagen: die Hose immer in einer dunklen Farbe, die schlanker macht, und darüber was Farbenfrohes. Ich variiere jetzt viel mit Tüchern und ganz viel mit Modeschmuck.“ Sibylle K. (59)

„Ich habe eine Bench-Jacke, die ich sehr mag. Wenn ich die trage, habe ich auch jüngere Bewegungen, nicht so altfraulich.“ Juliane P. (61)

„Den Stil, den ich jetzt trage, würde ich gern beibehalten, aber auch mal eins draufsetzen wollen.“ Rosi B. (62)

„Ich liebe meine Chucks. Diese Schuhe symbolisieren für mich ein Stück Jugendlichkeit und Unkonventionelles, das mir viel bedeutet. Ich würde keine klassische Flanellhose anziehen, das wäre mir dann zu konservativ.“ Ines V. (64)

„Ich höre gern Techno und würde gern mal in so ein Konzert gehen – was ich nicht machen werde. Aber dann würde ich schwarze schwere Stiefel, eine schwarze Lederjacke und einen schwarzen, kurzen Spitzenrock anziehen, mit schwarzen Strumpfhosen. Das habe ich alles in meinem Bestand.“ Rita S. (65)

„Wenn eine Jacke Blazer heißt, ist sie eigentlich nicht interessant für mich.“ Ute R. (66)

Eine ausführliche Auswertung der Studie finden Sie in der TW 34 vom 23. August 2012. Die digitale Ausgabe steht bereits am 22. August 2012 ab 18 Uhr als Download im iTunes-Store zur Verfügung.