Minimalismus, aber modern

So lässt sich die Handschrift der ersten Catwalk-Show unter der Ägide von Raf Simons zusammenfassen. Wer schafft es schon, einen reduzierten Look mit so viel Farb-Highlights und Materialkontrasten zu versehen, ohne dabei zu exzentrisch, opulent oder zickig und madamig daherzukommen. Stattdessen ist die neue Calvin Klein-Handschrift nach wie vor cool und minimalistisch. Dabei aber facettenreich, nie langweilig. Das ist nicht einfach nur Tailoring. Das sind scharf geschnittene Looks mit der Extra-Portion Farbe. Das sind Glenchecks mit der Extra-Lage Vinyl. Das ist toughes Leder mit dem kleinen Touch Dekoration. Das sind Blümchenkleider mit der richtigen Dosis Coolness. Das ist die Verbeugung vor der DNA der Marke beim gleichzeitigen Mut, sie grundlegend zu modernisieren.

Neuer Drive fürs Tailoring

Und zwar abseits reiner Basic-Anzüge. Zum Hintergrund: Mutterkonzern PVH hatte die Marke Calvin Klein vor wenigen Saisons zunächst als cleane, puristische Konkurrenz zu etablierten Linien wie Hugo oder Tiger of Sweden aufgestellt. Mit Fokus auf schlanken Anzügen und abgeräumten Business-Looks. Der gewünschte Erfolgt bliebt zunächst aus. In den vergangenen Saisons wurde Calvin Klein daraufhin deutlich stärker gen Casualwear getrimmt. Ab Herbst 2017 gibt es damit die beiden Linien Calvin Klein Sportswear und Calvin Klein Jeans (etwas progressiver und plakativer positioniert) – analog zur Struktur der Schwestermarke Tommy Hilfiger mit Tommy Hilfiger und Hilfiger Denim (nur dass es bei Calvin Klein keine gesonderte Tailoring-Linie gibt). In beiden Kollektionen dominiert vor allem Casualwear. Anzüge und Sakkos sind dennoch weiterhin strategisch wichtiger Teil des Business‘. In der Runway-Präsentation zeigt Raf Simons jetzt, woher neuer Drive für formelle Styles kommen kann: Mantel-Statements punkten über Stoff- und Silhouetten-Spiele. Workwear-Details wie Pattentaschen, größere Kragen und Knöpfe erneuern abgeräumte Hemdentypen. Bügelfalten-Hosen kommen mit einem Schuss mehr Weite und Länge, erinnern so an den US-Klassiker schlechthin: die Arbeiter-Chino. Nicht zuletzt macht das pointierte Spiel mit Farbe auch zugeknöpfte Looks zugänglicher.

Denim, dezent

Überraschen kann Raf Simons damit, der Warengruppe Denim vergleichsweise wenig Platz auf der Schau einzuräumen. Die gemeinsam mit Wäsche stärkste Produktgruppe von Calvin Klein kommt in der Runway-Kollektion über wenige tonige Looks aus Black- oder Raw-Denims nur am Rande vor. Gut möglich, dass es Simons wichtiger war, bei den Männern weniger starke Produktgruppen zu pushen, die noch nicht so stark etabliert sind wie alles rund um Jeans. Zum Beispiel Konfektion.

Logo, aber cool

Es ist das Aushängeschild jeder Marke. Es zu verändern, birgt mindestens ebenso viele Chancen wie Risiken. Raf Simons hat auch diese Herausforderung bravourös gemeistert.
Das neue Calvin Klein-Logo ist klar, reduziert, ohne Schnickschnack. Alles in Versalien. Einfach erwachsen, langlebig. Das trägt man im Zuge des Logo-Hypes doch gerne auf der Brust oder am Unterhosen-Bund.

Kampagne, jetzt intellektuell

Nicht mehr ganz so blank poliert. Mit Ecken und Kanten, so präsentiert sich die neue Kampagne unter Raf Simons' Einfluss. Er stellt die Ikonen der Marke, Unterhosen und Jeans, in einen neuen intellektuellen Kontext.
Calvin Klein
Sie werden vor berühmten Kunstwerken in Szene gesetzt, aufgenommen in der Sammlung der Rubell-Familie in Miami. Die Unterhosen schlabbern, die Jeans sind extraweit. Es geht nicht mehr nur um Sex sells. Zwischen die Calvins und die nackte Haut kommt jetzt auch ein neuer Anspruch.

Couture, aber neu

Parallel und damit passend zu den Couture-Schauen lanciert der Belgier „By appointment“, eine ganz neue Maßschneider-Serie des amerikanischen Unternehmens.
Calvin Klein
Mit Samt, Federn, Glitzer. Eine Hommage an die amerikanische Frau und die amerikanische Mode“, wie es der Designer selbst formuliert. Handwerk auf höchstem Niveau. Die Amerikaner mit einem neuen modernen Couture-Appeal.

Starke Persönlichkeit, aber mit Einfühlungsvermögen.

He did it again. Er hat es bei Jil Sander bewiesen, genauso wie bei Dior. Und jetzt tut er es bei Calvin Klein. Er modernisiert und aktualisiert eine Marke, ohne ihre DNA zu zerstören. Die Handschrift eines Hauses bleibt immer sichtbar, ob der Minimalismus bei Sander oder die französische Eleganz bei Dior.
Dennoch schafft er es, die Kollektionen deutlich zu modernisieren und seine eigene Design-Ästhetik einzubringen. Dem Belgier gelingt immer wieder eine Symbiose aus seiner eigenen Persönlichkeit und der der jeweiligen Marke. Er ist selbstähnlich, wiedererkennbar und doch wandelbar. Eine Persönlichkeit mit hoher Sensibilität.

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Ausbaufähig. Der US-Bekleidungskonzern PVH will die Marke Calvin Klein zu einem 10 Mrd. Dollar-Geschäft ausbauen. Bereits heute würden die Retail-Umsätze der Marke weltweit bei rund 8 Mrd. Dollar (7,15 Mrd. Euro) liegen, so CEO Emanuel Chirico.