Pitti Uomo steht für klassische Menswear und Eleganz. Aber nicht nur. Die aktuelle Ausgabe forciert insbesondere eine neue Herangehensweise an Outdoor-Themen und functional Fashion.

Es ist eine Premiere. Zum ersten Mal hat die Menswear-Messe Pitti Uomo in Florenz (12. bis 15. Juni) dem Thema Outdoor eine eigene Halle gewidmet. Im „Sala della Ronda”, in dem schon immer progressive Kollektionen mit hohem handwerklichen Anspruch aussstellten, sind jetzt Labels gebündelt, die sich Funktionalität und Fashion verschrieben haben. Darunter Namen wie Arc'teryx Veilance, Christopher Raeburn, Mountain Research und nicht zuletzt Woolrich Outdoor, die neue Kollektion des Jacken-Spezialisten, die zusammen mit der japanischen Firma Goldwin entstanden ist. Goldwin hält unter anderem die Markenrechte für The North Face in Japan und Südkorea und ist eine feste Größe im Highend-Outdoor-Markt.

Die Messe-Macher sehen großes Potenzial in einer neuen Ansprache des Outdoor-Marktes.
Pitti Immagine
Die Messe-Macher sehen großes Potenzial in einer neuen Ansprache des Outdoor-Marktes.


Kuratiert und konzeptionell entwickelt wurde das Konzept von „I Go Out” von Woolrich-Kreativchef Andrea Canè. „Ich bin fest davon überzeugt, dass es sich hierbei um mehr als einen Fashion-Trend handelt”, sage Canè in Florenz im Gespräch mit der TextilWirtschaft. „Vor allem für jüngere Kunden, geht es um ein ganzes Lebensgefühl, das sich auch nicht nur auf Bekleidung beschränkt.” Ernährung, Reisen und natürlich Sport gehören für ihn zu einem neuen Kosmos, der das Potenzial hat, das aktuell in der Fashion-Branche dominante Thema rund um Streetwear zumindest zu ergänzen, wenn auf längere Sicht nicht sogar zu ersetzen. „Vor allem das Thema Nachhaltigkeit ist in diesem Kontext ein starkes Thema”, ergänzt Shinji Kawada, Managing Director Woolrich Japan und für die neue Outdoor-Linie verantwortlich.

Barena kooperiert mit La Sportiva und dreht Trailrunning-Schuhe auf Urban Outdoor
Barena + La Sportiva
Barena kooperiert mit La Sportiva und dreht Trailrunning-Schuhe auf Urban Outdoor


Modisch setzen die Aussteller neue Impulse. So hat der Menswear-Schneider Barena aus Venedig sich mit dem italienischen Bergschuh-Anbieter La Sportiva zusammengetan und progressive Trailrunning-Schuhe lanciert, die dem Sneaker-Hype eine neue Facette hinzufügen. In Sachen Outerwear sind insbesondere Schlupfjacken und Overshirts starke Fashion-Trends. Auch Retro-Anleihen rund um Rugby-Shirts und Bowling-Hemden, die zum Teil auf funktionalen Qualitäten umgesetzt sind, erneuern das Bild.

Woolrich Outdoor feierte Premiere auf der Messe. Und zeigte unter anderem Sport-Seersucker.
Tim Dörpmund
Woolrich Outdoor feierte Premiere auf der Messe. Und zeigte unter anderem Sport-Seersucker.


Farblich sind insbesondere Gelb und Orange als Signaltöne gesetzt. Hinzu kommen abstrahierte Natur-Motive bis hin zum Klassiker Camouflage. Beachwear-Akzente kommen über Seersucker-Fabrics, die zum Teil auch auf technischen Warentypen umgesetzt werden.

Aufgrund des hohen Potenzials, mit diesem Segment eine neue Zielgruppe anzusprechen und an sich zu binden, diskutieren die Messemacher aktuell auch denkbare Optionen, das Thema für Endverbraucher zu öffnen. Canè sieht darin großes Potenzial, da es den Zeitgeist wie kaum ein anderes Segment treffe und einen hohen Grad an Interaktion zulasse. Vorbild ist hier vor allem das Konzept der ComplexCon in den USA. Auch die Messe White in Mailand versucht aktuell hier anzuknüpfen und öffnet sich in der kommenden Ausgabe erstmals Endverbrauchern. Bei der Premiere sind 30 Brands mit von der Partie. Dazu zählen Adidas Originals, Sergio Tacchini, G-Shock, Patagonia und La Martina sowie Gabber Eleganza und White Walls Worldwide. Die Marken werden auf der White Kollektionen vorstellen und sofort dem Publikum zum Kauf anbieten.

Bisher nur für Fachbesucher. In Zukunft auch für Verbraucher? Das wird in Florenz gerade diskutiert.
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Bisher nur für Fachbesucher. In Zukunft auch für Verbraucher? Das wird in Florenz gerade diskutiert.


„Die Marken müssen heute Geschichten erzählen. Sie wollen die Millennials erreichen“, sagt White-Gründer Massimiliano Bizzi. Das traditionelle Messe-Format sei dafür nicht mehr ausreichend. Er hofft, dass auch die Einkäufer profitieren. „Durch das B2C-Format haben sie sofort ein Feedback, welche Marken gefragt sind”, sagt Paolo Ruffato, Gründer der Kommunikationsagentur Probeat, die das Konzept mitentwickelt hat. „Die Buyer erhalten so wichtige Informationen über neue Trends.”

Dem Vernehmen nach herrscht bei den Machern von Pitti Uomo allerdings Dissenz über den Ansatz, auch Konsumenten anzusprechen. Ein Befürworter ist Canè: „Das fände ich gut. Die ComplexCon ist ein Vorbild.” Die ComplexCon ist eine Mischung aus Verbrauchermesse und Festival, auf der Mode, Essen, Sport, Musik und Pop-Kultur zusammenfinden. Sie findet in Long Beach in Kalifornien statt.

Die Pitti-Veranstalter haben die ComplexCon bereits im Blick. Diskutiert werde über ein B2C-Format, räumte Pitti-Kommunikationschef Lapo Cianchi ein, der für Sonderprojekte zuständig ist: „Wir denken darüber nach. Vielleicht bewegen wir uns schon im Januar in diese Richtung.”

Allerdings tasten sich die Pitti-Organisatoren sehr vorsichtig an das Thema B2C heran. Erstens sind sie erpicht darauf, dass die Pitti ihren Charakter als B2B-Messe mit präziser Selektion der Labels beibehält. Eine Vermischung der beiden Ansätze soll vermieden werden. Zum zweiten bestehen Zweifel daran, ob Florenz sich als Stadt für ein Outdoor-Spektakel überhaupt eignet.

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