Kennen Sie den Rocksaum-Index? Der angeblich in den 1920er Jahren von einem US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler entwickelte Indikator besagt, je kürzer die Röcke, desto besser die Konjunktur. Eine Regel, die sich empirisch jedoch nicht einwandfrei belegen lässt. Zum Glück, sonst stünden uns schwere Zeiten bevor. Denn der wadenlange Rock wird schon seit einigen Saisons von den internationalen Designern gepusht. Ein Trend, der polarisiert. Auch in der Redaktion. Für und Wider den wadenlangen Rock.


PRO

Knubbelknie adieu!

Gudrun Allstädt, Ressortleiterin DOB
Gudrun Allstädt, Ressortleiterin DOB
Bald ist Schluss mit Knubbelknien. Der Mode sei Dank! Sie wissen nicht, was Knubbelknie sind, auf Englisch übrigens ähnlich unschön „knobbly knees“ genannt? Dann setzen Sie sich mal an einem sonnigen Tag in eine beliebige, bundesdeutsche Fußgängerzone und harren der Dinge: Binnen weniger Minuten werden sie an Ihnen vorbeiziehen, die Frauen jeden Alters in kurzen Röcken. Und mit ihnen Hunderte von fleischigen Knien, die unter ästhetischen Gesichtspunkten besser verdeckt gehörten. Was selbst blickdichte Strumpfhosen im Winter nicht gänzlich verbergen können, das wird demnächst der wadenlange Rock wohltätig verhüllen. Seit gut drei Jahren wird er von Marc Jacobs, Chloé, Lanvin und etlichen anderen der internationalen Designer-Riege propagiert. Jetzt ist der Markt reif dafür.
Schließlich kehrt auch der Langschaftstiefel aufs modische Parkett zurück. Und Langschäfter zum Midi-Rock, das war stets ein populäres Duo. Wichtig dabei: Die Taille muss betont sein. Dann wirkt ein Bleistiftrock in Wadenlänge genauso charmant wie ein ausgestellter Rock mit Kellerfalte und Schubtaschen.

Zugegeben, weit schwingende Glockenröcke in Tweed sehen nur an blutjungen Bohnenstangen gut aus. Alle anderen wirken darin wie Miss Marple auf Verbrechersuche. Aber was geht über einen tiefschwarzen Pencilskirt zu Rolli und eleganten Pumps? Dank hohen Schlitzes oder kleinen Godets zugleich rattenscharf und bewegungsfreundlich. Und was ist cooler als ein Faltenrock zum schlichten Reiterstiefel? Endlich könnte mal etwas Abwechslung ins Modebild kommen: Nicht immer nur Hängerchen aus Pseudo-Seide, möglichst kurz, über Leggings und Röhren. Oder ein naives Miniröckchen zum Ankleboot. Jetzt kann sich eine erwachsene Frau wieder ordentlich anziehen. Gerüstet für alle Gelegenheiten. In aller Form – und für alle Formen.



CONTRA

Mädels, rafft die Röcke!

Nadine Lohner, Redakteurin Top Fashion
Nadine Lohner, Redakteurin Top Fashion
Manche Dinge sollten in Frieden ruhen. Wie etwa der Humpelrock, den der französische Modedesigner Paul Poiret zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts um die Beine der Damen schlang – konisch geschnitten, mitunter fessel-, mindestens wadenlang. Doch gerade er scheint aktuell für viele internationale Modehäuser als Inspiration zu dienen. Für die Wadenlänge. Ob Rock oder Kleid: spätestens in der kommenden Herbstsaison rutscht der Saum bedenklich nach unten. Ein tiefer Fall, meine ich. Inklusive: Trippelschritte. Exklusive: Bewegungsfreiheit. Ganz so als ob man auf der Inspirationsreise in die Vergangenheit den harten Kampf der Frauen für die Modefreiheit ausgeblendet hätte: für die Hose, den Bikini oder den Minirock – und nicht zuletzt gegen das Korsett.

Herrje, es war ein hartes Stück Arbeit, so weit zu kommen. All’ diese Kämpfe macht die Wadenlänge nun zunichte. Dabei braucht die Welt doch Frauen, die sich bewegen können – gerade in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit. Und zwar nicht nur zwischen U-Bahn, Auto und Flugzeug. Die Ansprüche sind auf vielen Ebenen gestiegen. „Flexibilität“, beruflich wie privat, ist nicht umsonst das Schlagwort meiner Generation. Und diese kann ein wadenlanges Kleid oder ein Rock nicht leisten. Mag es zu Poirets Zeiten üblich gewesen sein, der Dame galant zur Hand zu gehen, steht heutzutage niemand mehr vor dem geparkten Auto parat, um bei Kind und Einkaufstüten behilflich zu sein. Wir sind auf uns gestellt. Frauen sollten deshalb voraus gehen, und nicht mit kleinen Schritten der Entwicklung hinterher trippeln. Deshalb mein Appell: Mädels, rafft die Röcke!