Hypnotische Synthesizer-Klänge, viel Gold und mittendrin Anna Dello Russo in einem schwarzen Latex-Minikleid und schwindelerregenden Overknee-High Heels, die sich lasziv auf riesigen Klunkern räkelt. Das knapp dreiminütige Video mit dem Titel „Fashion Shower" ist auf YouTube schon mehr als 370.000 mal geklickt worden. Viel, für ein Musikvideo, das eigentlich gar keines ist. Die Schmuckstücke hat die 50-Jährige für H&M kreiert. Es ist die zwölfte Kooperation des schwedischen Modekonzerns, aber die erste, die nicht mit einem Designer entworfen wurde, sondern mit ihr, Anna Dello Russo. Studierte Kunsthistorikerin und Literaturwissenschaftlerin, 18 Jahre lang Fashion Editor der Vogue Italia sowie der L’Uomo Vogue, derzeit Editor At Large und Kreativ-Consultant für die japanische Vogue, Stylistin und Kreativ-Consultant für Designer und Modehäuser, deren Namen sie nicht verrät.

Dello Russo ist sicherlich eine der schillerndsten, schrägsten und polarisierendsten Persönlichkeiten unter den Stylisten. Ihre Popularität ist beispielhaft dafür, wie sich die Sichtweise auf den Beruf verändert hat. Spielte sich die Arbeit von Stylisten in der Vergangenheit eher hinter den Kulissen ab, rückten sie mit der zunehmenden Demokratisierung der Mode im Netz, durch Blogger, die ihnen Aufmerksamkeit schenkten, immer mehr in den Fokus. The Sartorialist-Erfinder Scott Schuman nannte Dello Russo einmal „einen der charmantesten Charaktere in der Fashion-Welt.”

Dennoch ist Anna Dello Russos Karriereverlauf kein Einzelfall. Vom Stylisten zum Fashion-Superstar. So hört sich auch der Lebenslauf von Nicola Formichetti an. Der Sohn einer japanischen Stewardess und eines italienischen Piloten erlangte 2009 als Stylist von Lady Gaga größere Bekanntheit. Seine schrägen Looks und Outfitvorschläge wie das Fleischlappenkleid, das die Sängerin 2010 bei den MTV Video Music Awards trug, katapultierten sie auf den Modepop-Olymp und verschafften Formichetti noch mehr Aufmerksamkeit. Genug, um noch im gleichen Jahr vom Pariser Modeunternehmen Thierry Mugler zum neuen Kreativ Director ernannt zu werden.

Von der Promi-Stylistin mit eigener Reality-Show zur Designerin hat es Rachel Zoe geschafft. Über ihr Catwalk-Debüt auf der New York Fashion Week wurde im Voraus viel diskutiert. Fans freuten sich auf die Kollektion, Kritiker standen der Size-Zero-Stylistin skeptisch gegenüber. Wie auch immer, modisch gesehen  zeigte sie, dass entspannter Glamour mehr sein kann als ein Boho-Maxidress. Ihre unaufdringlichen Hollywood-Glamour Entwürfe mit 60ies Einfluss wurden als tragbar bewertet. Noch etwas früher als Rachel Zoe und Nicola Formichetti machte sich die New Yorkerin Patricia Field einen Namen als angesehene Stylisten. Sie bewies, dass hinter der Arbeit eines Stylisten mehr steckt, als nur eine schnöde Anziehhilfe. Ihre außergewöhnlichen Kostüm-Kreationen verliehen der Serie „Sex & the City” erst den nötigen Fashion Glamour-Faktor und machten die Protagonistinnen der Show zu Mode-Ikonen.

An den Lebensläufen der Star-Stylisten lässt sich ablesen, dass es keinen schnurgeraden Ausbildungsweg zum Stylisten gibt. Bevor sie bekannt wurde arbeitete Patricia Field als Kostümbildnerin, Nicola Formichetti als Verkäufer und Rachel Zoe bei diversen amerikanischen Magazinen. Wie groß die Nachfrage nach einer geregelten Ausbildung ist, zeigt das Beispiel der AMD Akademie Mode & Design, die erstmals ab Oktober in Berlin, München und Hamburg einen Lehrgang mit Schwerpunkt Styling anbietet. Der dreimonatige Basiskurs soll Teilnehmern Einblick in die Aufgaben des Stylisten und verwandter Berufe geben und Grundlagen der Fotografie, Modegeschichte, Produktion, Trend-Recherche, Ästhetik, Gestaltungslehre, Form-, Farb- und Materialkunde vermitteln. Zum Abschluss erstellen die Teilnehmer in einem Fotoshooting-Projekt eine eigene Bildermappe. Für Absolventen soll darüber hinaus eine einwöchige „Masterclass“ mit den Schwerpunkten Mode-, Medien-, Produkt- oder Food-Styling angeboten werden.

Wer sich noch nicht an einen Lehrgang herantraut, kann auch erstmal ein bisschen schmökern. Im Oktober gibt es auf dem Buchmarkt in Sachen Styling gleich zwei Neuerscheinungen. Katie Baron: „Stylisten. Die Meister der Inszenierung“, Collection Rolf Heyne für 39,90 Euro und Luanne McLeans „Contemporary Fashion Stylists“, Vivays für 24,95 Euro.