Wo sind all die Spießer hin? Die Bubikragen? Braven Pullunder? Nerdbrillen? Akkuraten Scheitel-Frisuren? Und korrekt gebügelten Hosen? Offensichtlich war der Look zu schnell an zu vielen Jungs und Mädchen zu sehen. Und als Rebellion der Jugend gegen ihre tätowierten und Ed Hardy tragenden Eltern hat es wohl eh keiner verstanden. Zu subtil? Also legen die Jungen einige Schippen drauf. Rebellion muss wieder sichtbarer werden. In your face. Piercings, Irokesen-Schnitt, Nieten, zerrissene Nylonstrumpfhosen, Bomberjacken, Rangers oder Dr. Martens, viel Schwarz, Leder. Stinkefinger zeigen und Zunge rausstrecken. Zumindest ein Kein-Bock-Gesicht.

Chaostage in den Modemetropolen wie Berlin und Stockholm. Manche nennen diese Leute abfällig Fashion-Punks. Sie kleiden sich wie Punks, sind aber keine. Weder hören sie Punk-Musik, noch demonstrieren sie gegen das Establishment. Pussy Riot? Nie gehört. Gut, um Politik geht es auch nicht. Es ist ein neuer Look. Zumindest erscheint er neu nach Wanderlust und Neon-Exzessen – und eben dem Spießer-Style. Und der Look macht Spaß. Man kann mit Accessoires experimentieren. Nach Lust und Laune Jacken und Hosen individualisieren. Den Nagellack ruhig abblättern lassen. Sich nicht so oft kämmen.

Für den Handel tut sich ein Trend auf, der auf den ersten Blick zu erkennen ist. Plakativ. Offensichtlich. Lange nicht so erklärungsbedürftig wie der Spießer-Look. Jeanswesten, dazu die passenden Pins und Aufnäher. Domestos-Denims und Leo-Leggings werden zu Selbstläufern. Und Slogan-Shirts. Denn was zu sagen haben die Jungen schon. Thomas Gensicke, Mitverfasser der Shell-Jugendstudie 2010 und Sozialforscher bei TNS Infratest Sozialforschung, sieht eine politische Generation heranwachsen: „Die Jugend heute hat Ähnlichkeiten mit der skeptischen Jugend der 1950er Jahre, nur dass diese nicht so flexibel war. Auf die skeptische folgte die 68er Generation. Wir wissen nicht, in welcher Form sich das neue politische Bewusstsein äußern wird. Der Wandel wird sich auch nicht langsam ankündigen, sondern abrupt kommen.“

Eine ausführliche Analyse des Trends lesen Sie in der TextilWirtschaft 49 vom 6. Dezember 2012. Die digitale Ausgabe steht bereits am 5. Dezember 2012 ab 18 Uhr als Download im iTunes-Store zur Verfügung.