Es gab eine Zeit, da konnten die Frauen es sich im Lagenlook bequem machen. Röllchen am Bauch? Egal. Ein bisschen viel Po? Macht nix. Kräftige Oberschenkel? Was soll’s! Layering hat’s gerichtet: Kurz über Lang, Tailliert über Weit – unter dem lockeren Lagenlook mit Tuniken und langen Cardigans ließ sich jeder kleine Makel vollkommen und doch trendig verbergen. Dann kam die Ära der Chinos – und die Wahrheit ans Tageslicht. Denn die baumwollenen Casual-Hosen rundeten manchen Hintern nicht aufs Vorteilhafteste. Allerdings mit großer Nonchalance und Lässigkeit. Dazu ein kurzes, tailliertes Jäckchen – so der Trendlook für zwei Sommer. Von denen einer, nämlich der aktuelle, einfach nicht richtig kommen will und doch schon fast vorbei ist. Zumindest für Mode-Einkäufer.

Stets müssen sie vorausdenken. Konkret, ins nächste Jahr. Fest steht: Mit den Chinos hat es sich ausgehypt. Stattdessen feiert die Röhre fröhliche Urständ. Ähnlich wie der Minirock ist sie sowieso stets ein Publikumsliebling. Und jetzt geradezu unschlagbar, wo sie super-, mega-, hyper-stretchig wird. Sie presst unübertrefflich alles zusammen (wohin auch immer) – und ist doch so bequem wie neue Leggings oder Schlafanzughosen. Trend und Markt scheinen also aufs Feinste übereinzustimmen.

Kommt etwa der Notfallpulli? Topshop
Kommt etwa der Notfallpulli? Topshop
Doch eine Frage bleibt: Wie geht das mit den modischen Boxy-Pullis zusammen, mit den kurzen, kastigen? Wie sieht das aus zu kragenlosen Chanel-Jäckchen und den taillenkurzen Boule-Jacken? An einer langbeinigen 17-Jährigen mag das attraktiv – speziell auf High Heels wirken. Aber schon bei einer etwas fleischigeren, kurzbeinigen Größe 38 kann der Look demonstrativ körperbetont wirken. Ganz zu schweigen von einer 40-jährigen in Größe 42 – sollen wir uns das noch in anderen Größen ausmalen? Zwar ließe sich im Notfall auf etwas geräumigere und längere Boyfriend-Blazer zurückgreifen. Doch viele Frauen finden sie extrem uncharmant. Und bei den modisch vereinzelt propagierten Gehröcken/Indoormänteln zeigen sich die Hersteller bemerkenswert resistent gegenüber Innovationen. Sie kommen wie Alibi-Teile, selten verführerisch daher.

Bleiben eigentlich nur die Seidenblusen und fließenden Jersey-Tops, um einen zarten Mantel des Verhüllens über pralle Partien zu legen. Leider sind sie soo lang oft dann doch nicht. Allenfalls die neuen Vokuhila-Oberteile – vorne feminin-kurz, hinten flattrig-lang – könnten als Bedeckerli funktionieren. Aber ehrlich gesagt, da sind wir wieder beim guten alten Lagenlook. Da wäre es ja fast neuer, wenn die Frauen mal wieder zum Pulli greifen und ihn sich um den Po binden. Diesen Notfall-Pulli, den hatten wir immerhin seit den 90ern nicht mehr.
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Gudrun Allstädt, Ressortleiterin Damenmode, Redaktion TextilWirtschaft