Die Zeiten haben sich geändert. Die jungen Kreativen, die sich heute auf der Fashion Week in Berlin präsentieren, sind von ganz anderer Qualität als noch vor wenigen Saisons. Sie haben ihr Handwerk bei ganz großen Namen wie Jil Sander und Marc Jacobs gelernt. Und sie haben einen Plan. Einen Business-Plan. Das sieht man den Kollektionen an: bodenständig, realitätsnah, pragmatisch, tragbar. Genau so, wie es in unsere Zeit passt. Hien Le, Blame, Karlotta Wilde und Sissi Goetze gehören zu den vielversprechendsten Newcomern.

Hien Le. Er ist der neue Saubermann der Branche, lässt alles in Deutschland mit europäischen Stoffen produzieren. Und er wird seit seinem Debüt im Sommer 2010 als neues Gesicht des Berliner Minimalismus gefeiert. Zu Recht, Hien Le, der Berliner mit laotischen Wurzeln, überzeugt mit seiner Idee von Modernität und reduzierter Ästhetik. Obwohl er mit 32 Jahren noch am Anfang seiner Karriere steht, kennt er das Business genau. Er hat es aus allen Perspektiven gesehen: Schneiderlehre, Praktika bei verschiedenen Designern, PR-Agent, Moderedakteur, Designstudium. Vielleicht ist es das, was ihn so bodenständig und unprätentiös macht. Hien Le möchte Saison für Saison besser werden und nicht zwingend etwas komplett Neues machen. Ein pragmatischer Ansatz, der genau in unsere Zeit passt. Wo andere Jungdesigner experimentieren, setzt er auf Tragbarkeit. An seiner Inspirationswand hängen oft Fotos aus den Siebzigern von seiner Familie. Das Hochzeitsoutfit seiner Mutter zum Beispiel, das sich neu interpretiert und auf das Wesentliche reduziert in der Sommerkollektion wiederfindet.

Hien Le
Hien Le




Blame. Sie sind die Newcomer unter den Newcomern. Zum ersten Mal zeigte Blame in Berlin. Eine kleine Installation - aber großes Design. Was Sarah Büren und Sonja Hodzode im kleinen Zelt am Brandenburger Tor inszenierten, nahm die Zuschauer in Bann. Zauberhaft der Stiftrock in kleinem, gelben Retrodessin zum kragenlosen Top mit aquarelligem Blütenprint. Hinreißend die nudefarbenen Blusen mit zitronengelben Spitzenbesätzen. Wollmantel mit großer Schluppe in Ochsenblut, Zickzack-Pulli zum ledernen Minirock, neon-gelber Grobstrickpulli mit großen Glassteinen: Eine poetische, aber sehr zeitgemäße Kollektion für Frauen die Chloé mögen, Diane von Furstenberg, Stella McCartney und Céline, also alle richtungsweisenden Designer. Zu Recht hat Blame jüngst den Premium Young Designers Award in der Kategorie Womenswear gewonnen. Beide kommen aus gutem Hause: Sie haben für Marc by Marc Jacobs, Preen, Hugo Boss and Michalsky gearbeitet. Blame, ein schlichter Name für schlichte, lässige, sehr feminine und tragbare Designs.

Blame (Sonja Hodzode und Sarah Büren)
Blame (Sonja Hodzode und Sarah Büren)




Karlotta Wilde. Waschechte Hamburgerin ist sie, lässt der Name gar nicht vermuten. Aber ihr Stil: sehr zurückgenommen in Schnitt und Farbe, nur feine Details wie offene Kanten, dezente Materialzusammenführungen, Plissees und leichte Transparenz. Sehr wertvolle Stoffe. Die Basis für diesen Ansatz legte wohl ihr Praktikum bei Jil Sander. Dann kam ein bisschen Paris dazu, dort lebte Karlotta Wilde, bevor sie ihr Label 2010 in Berlin lancierte. Zum Winter bleibt es pur in Schwarz, Weiß und Sand. Bodenlange Plisseeröcke aus Seide und Chiffon, transparente Hemdblusen und Überwürfe, dazwischen eine soft konstruierte Jacke mit betonter Schulter. Karlotta Wilde hat bereits eine eindeutige Handschrift.

Karlotta Wilde
Karlotta Wilde

Sissi Goetze. Wenige machen es wie sie. Sissi Goetze entwirft ausschließlich Männermode. Klassische Männermode würde man aus der Ferne sagen, aber wer näher ranrückt, sieht Sakkos mit Halbarm, die man eher nicht der klassischen Konfektion zurechnen würde. Genauso wenig Seidenhosen mit hohem Bund. Es sind diese gewagten Brüche und kleinen Details wie verdeckte Knopfleisten, fehlende Revers, Zipper und Stehkragen, die die Kollektion ins Heute holen. Sissi Goetze hat das am renommierten Central Saint Martins College of Art und Design in London gelernt. Zumindest wurde hier die Basis geschaffen.

Sissi Goetze
Sissi Goetze