Verdammt lang her. Und noch ein bisschen länger: Es sind fast Jahrzehnte, seit ein Mantel die Knie bedecken durfte. Zwar dehnte sich Wolle in den jüngsten Saisons immer weiter aus. Modisch – und stilistisch. Doch dabei ging es tendenziell eher in die Horizontale als in die Vertikale. Also: Mäntel wurden breiter, geräumiger. Sie zeigten Kimono- und Fledermaus-Ärmel. Doch längentechnisch blieben sie oberhalb des Knies. Sogar deutlich. Eine minimale Alltagstauglichkeit muss ein Produkt für Draußen schließlich aufweisen, will es sich gegen Daune behaupten.

Und die lautet bislang für den Mantel: Wenn schon Wolle, dann wenigstens so kurz, dass es beim Einsteigen ins Auto kein Kuddelmuddel gibt und nichts beim Kuppeln und Gasgeben stört. Also ist der Wollmantel – als urbanes, modernes Teil – kurz. Er ist höchstens gefordert, Blazer oder längere Tunika zur schmalen Hose zu bedecken. Gegen eisige Winde rund um Knie und Wade ziehen die Frauen sowieso andere, allseits bekannte Hightech-Register. Wolle in Lang? Jägersgattinnen-Montur.

Bis jetzt. Denn Stella McCartney propagiert mehr Länge. Genauso wie Carven. Wie Max Mara, No. 21 und Marc Jacobs. Es sind strenge Blazermantel mit Nadelstreifen. Retro-romantische Mary-Poppins-Teile mit schwingendem Rock. Oder schulterbetonte O-Shapes, die sich sanft nach unten verjüngen. Im Zusammenspiel mit Pencilskirt und längeren, ausgestellten Röcken gewinnen diese neuen Mäntel an Relevanz. Gucken hier unter dem Saum zehn Zentimeter vom Rock hervor, sieht es modern aus. Nicht aber bei einem Carcoat.

Trendaffine Frauen in Großstädten demonstrieren das schon. Schließlich geht auch diese Tendenz weder an modischen Vertikalen von H&M bis Zara noch an Contemporary Labels wie Just Female vorbei. Blickdichte Strumpfhose dazu ist klar. Wie der Herrenschnürer. Mit hautfarbenem Strumpf zum Sneaker oder Creeper aber wirkt es deutlich avantgardistischer. Was dieses Thema auch zugegebenermaßen ist. Allerdings mit Schubkraft aus zweierlei Richtungen. Erstens praktisch: Wie wohltuend sind solche Großraum-Mäntel in zugigen Zügen nicht nur zur Winterzeit. Zweitens gefühlig: Wie cool sehen sie wieder aus. Man muss einfach lang genug warten.