Während die Order für Herbst/Winter 2012 noch in vollem Gange ist, machen sich die Kreativen schon Gedanken über die Trends fürs Frühjahr 2013. „Schluss mit Retro”, heißt die neue Devise. Nachdem jahrelang alles, was irgendwie von Opa und Oma kam, trendy war, propagieren die Trend-Experten des Deutschen Modeinstituts (DMI) jetzt eine stärkere Hinwendung zur Zukunft. Die Retro-Obsession sei lediglich die Flucht vor der ausstehenden Erneuerung, diagnostiziert Journalist und Zeitgeist-Experte Jeroen van Rooijen und fordert: „Der Griff in die Archiv-Kiste spendet zwar Trost, aber jetzt muss eine Mode für morgen entwickelt werden.” Darauf aufbauend hat das Trendboard des DMI die fünf Themen Transactive, Transvision, Transpose, Transculture und Transmission entwickelt.



Frankie Morello (links), Byblos
Frankie Morello (links), Byblos



TRANSACTIVE steht in der DOB für Sportivität im Alltag. Die Grundsilhouette ist körperbetont mit natürlicher Schulterlinie. Neu ist die Verbindung femininer Schnittformen mit femininen Drucken auf technischen Geweben, verarbeitet mit sportiven Details. Eine große Rolle spielen dabei hochelastische Stretch-Stoffe, Mesh, Gaze, Techno-Tüll und Nylons, Gebondetes, Neopren und transluszente Farben.
In der HAKA finden sich vor allem viele Einflüsse aus dem Hochleistungssport wieder. Eine große Portion Funktionalität hält über diverse vom Sport entlehnte Details Einkehr in die Kombinationen. Glänzende Zipperpolos korrespondieren zu matten Chinos. Großräumige Techno-Parkas und Schlupfblousons in knalligen Farben stehen für eine entspannte Passform, die auch über weitere Hosen mit kleinen Bundfalten gespielt wird. Natürliche Nuancen erden die Looks. Tunnelzüge und Gürtel geben der Silhouette trotz großer Lässigkeit den entscheidenden Schliff.





Dries van Noten (links), Diane von Furstenberg
Dries van Noten (links), Diane von Furstenberg



TRANSVISION ist die Suche nach visionärer Eindeutigkeit, nach minimalistischer Klarheit und kühn-kühlem Futurismus. Realismus und Poesie verbinden sich auf neue Art. Frauen suchen nach der Lässigkeit maskuliner Klassik und gehen mit dieser Grenzüberschreitung spielerisch um. Neue Volumen für schlichte Silhouetten und fließende Warentypen setzen Zeichen für die Zukunft. Urbane Basics wirken neu, wenn sie in schräger Farbigkeit zueinander umgesetzt werden.
In der HAKA geht es beim Thema Transvision um mehr Volumen bei den Stoffen, um das Spiel mit Schwarz und Weiß um die Kombination neutraler Farben. Sarouel-Hosen, softe Stiefel und große Shopper-Taschen verleihen den Looks eine gewisse Minimal-Attitüde. Viel Veloursleder und zurückhaltende Dessins kennzeichnen fließende Jackets und Shirts.  





Louis Vuitton (links), Prada
Louis Vuitton (links), Prada



TRANSPOSE ist der Moment von Inszenierung und Posen, von bewusster Dramatik und grafischer Überzeichnung. Leitbilder sind der Modernismus der 50er Jahre und die Aufbruchstimmung der 60er Jahre. Der Look in Candyfarben ist preppy und spielt mit ironischer Verdrehung. Hier gibt es noch einmal den Blick zurück zu runden Silhouetten, überschnittenen Schultern, verkürzten Ärmeln, Plissees, Volants und Markisenstreifen. Aber auch hier sind es die betont modernen Materialien, die das Thema erst zeitgemäß interpretieren. 
In der Männermoder wird Preppyness beim Thema Transpose neu interpretiert. Es geht um einen spielerischen, teils ironischen Umgang mit pastelligen Candy-Colours. Anzüge und Hosen in runtergedimmten Pastellen. Menthol, helles Blau, sanftes Rot. Auffällige Golfschuhe werden barfuß und zu verkürzten Hosen getragen. Schlank geschnittene Jersey-Blazer werden zu lockeren Chinos kombiniert. Die Draufgabe: viele Tücher in sämtlichen Farben.





Lanvin (links), Bottega Veneta
Lanvin (links), Bottega Veneta



TRANSCULTURE fügt scheinbar Fremdes lässig zusammen. Die Reise führt von Afrika über Polynesien bis nach Ozeanien. Dabei wird ein freies Patchwork der Kulturen, ein Potpourri der Souvenirs und Destinationen gespielt. Ethnische Dessins gehören genauso dazu wie romantische Postkarten aus Übersee. Hauptsache, es ist nicht auf eine einzige Richtung festgelegt. Individuell werden lose Formen und schmale Hosen auf ganz eigene Weise interpretiert. Dabei spielen Akzente in Gold eine große Rolle, die gemeinsam mit Summerdarks und ausgewaschenen Gewürztönen leuchten können. Accessoires sind hier ein besonders starkes Feld mit großformatigem Schmuck, sowie Schuhen und Taschen aus robustem Leder und Holz-Details.
In der HAKA wird das Thema auf urban gedreht. Es geht um eine neue, städtische Eleganz, die mit Einflüssen aus den verschiedensten Kulturen spielt. Warme Brauntöne kehren mit voller Wucht zurück in den Kleiderschrank der Männer. Rot, Terracotta und Gold stehen für das Farbspiel der Richtung Transculture. Gezielt platzierte Animal-Prints setzen Akzente. Kräftiges Tuareg-Blau und frische Gelbtöne sind die Highlights im ansonsten warmen, harmonischen Farbspiel.





D&G (links), Isabel Marant
D&G (links), Isabel Marant



TRANSMISSION meint die richtige Kleidung für unterwegs. Das moderne Leben ist ein mobiles Leben, es ruft nach Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Sinnbilder dieses Daseins sind moderne Nomaden und Urban Traveller. Sie leben auf Achse, manchmal openair und outdoor. Contemporary Tramper kennen Szenekneipen und Clubs. Diese Gruppe nur „Öko“ zu nennen, greift zu kurz, sie sind ganz selbstverständlich von Greenfluence geprägt. Modisch wird maximaler, individueller Ausdruck gezeigt mit einer Basis in Denim. Sportswear-Parkas, Lederjacken, Fransenwesten, bunte Tücher, Grobstrick und Gummistiefel – das ist der Look. Hinzu kommen Logo-Shirts, Batik-Prints und sommerliche Shorts.
In der Männermode wird hier einem casual-dominierten Hedonismus gefrönt. Männer toben sich aus, tanzen in karierten und überprinteten Hemden. Kein Thema für Bedenkenträger. Hier wird das Ego in den Mittelpunkt gerückt. Selbstbewusste Konzertgänger tragen Cargo-Bermudas, diverse Patch-Teile, vielfarbige Mokassins, farbiges Camouflage und tiefe V-Ausschnitte. Abseits des ganzen Trends hin zu Urbanität kann sich hier der gute alte Vintage-Gedanke voll entfalten.



Mehr zum Thema und weitere Einschätzungen der Trendexperten des Deutschen Modeinstituts (DMI) lesen Sie in der TW 5 ab Seite 166.