Kläglich. Bemitleidenswert. Ja, gestrig – so wirken Trendsetterinnen mitunter. Nehmen wir die Schauen zum Beispiel: Supertrendy angezogen, perfekt geschminkt und die Haare cool geglättet, kommt die Crème de la Crème der Branche bei den internationalen Defilees zusammen.

Doch sobald es ein paar Treppenstufen zu überwinden gilt, beginnt der Lack zu bröckeln. Da ist's vorbei mit der neuen Eleganz. Möglichst unauffällig sucht eine Dame den Arm der anderen – oben lässig plaudernd, doch mittig krampfhaft einander stützend, nach einem Geländer greifend und unten vorsichtig tastend, hangeln sie sich durch die prachtvollen Treppenhäuser von Paris. Wo 15 Zentimeter Absatz Modegesetz sind, helfen auch ein Chauffeur und das Plateau nicht mehr. Da tritt die unerbittliche Wahrheit des fragilen Knöchels ans Tageslicht.

Hohe Absätze sind Trend. Seit Jahren. Zunächst in eingeschworen Kreisen – jetzt ziehen sie aber immer weitere. Denn schon Halbwüchsige, ja Winzlinge von acht und neun Jahren, kriegen im Fernsehen dank der unendlichen Casting-Show-Geschichte beigebracht, dass ein ordentliches Mädchen stöckeln können muss wie der nah ans Wasser gebaute Bruce Darnell oder der Schnell-Lispler Jorge, gesprochen: „Choche“. Welches Frauenbild wird da herangezüchtet?

Ehrgeizig, fleißig, vielsprachig, praktikumserprobt und trotzdem möglichst früh diplomiert sollen die jungen Frauen heute sowieso sein, wenn sie im Beruf etwas erreichen wollen. Der öffentlichen Wahrnehmung genügt das aber zusehends nicht: Am besten sollen diese inneren Werte verpackt sein in langhaarige 1,75 Meter mit professionellem Hüftschwung. Und da kommen die High Heels ins Spiel, von denen sogar mittelmodische Schuhhändler heute selbstverständlich sagen, sie gehörten ins Portfolio jeder anspruchsvollen Businessfrau...

Dann möge er die schicken, aber oft harten Teile von Zara einmal testen. Selbst die Designpreis-verdächtigen Exemplare von Dries van Noten. Mal fühlen, wie es glühendheiß brennt unter den Füßen nach einem Tag auf metropolem Pflaster. Wie jeder Schritt eine fast nicht zu überwindende Hürde wird nach mehreren Stunden auf einer Sprengung von sieben oder acht Zentimetern. Wieviel Energie, wieviel Kraft, wieviel Potenzial mag da Tag für Tag auf der ganzen Welt vergeudet werden von den Frauen - bloß um ein bisschen sexier daherzukommen?

Und: Die Hallux-Zehen von Victoria Beckham sind bester Beleg dafür, dass selbst die teuersten Designer-Stilettos auf Dauer Schaden bringen. Ist es denn tatsächlich nicht möglich, wirklichen Chic und wirklichen Komfort miteinander zu vereinbaren? Bislang jedenfalls sieht das Meiste, das mit dem Etikett „Komfort“ versehen ist, nach Granny-Schuhen aus. Oder – und das wäre der Teufelskreis, aus dem das Frauenbild sich offensichtlich noch immer nicht herauswinden kann – gehört Leid womöglich untrennbar zur Schönheit dazu? Das wäre ja der Hammer(zeh).

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Gudrun Allstädt über High Heels, Treppenstufen und die unerbittliche Wahrheit des fragilen Knöchels.