Als Blick in die Glaskugel beschreibt Mayouri Sengchanh ihre Arbeit. Die 36-jährige Trendanalystin sprach auf der VMM-Tagung über die aktuellen Ergebnisse ihrer Arbeit.
Mayouri Sengchanh
Mayouri Sengchanh



TW: Was sind Makrotrends?

Mayouri Sengchanh: Der demographische Wandel. Dann natürlich die neue Art der Kommunikation durch soziale Medien, aber auch technische Innovationen wie High-Tech-Lösungen. Und natürlich die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen.

TW: Also auch die Euro- und Finanzkrise?

In jedem Fall. Die Eurokrise macht uns den Job sehr schwer. Viele Unternehmen konzentrieren sich auf Bewährtes. Es wird wenig ausprobiert und riskiert. Dabei ist es natürlich gerade jetzt sehr wichtig, eine positive Botschaft zu senden. Ich sage oft zu den Unternehmen, die wir beraten: Stellen sie sich vor, sie sind in einer tiefen Wirtschaftskrise und die Modefarbe ist Schwarz. Viel Spaß! Der Neontrend, den wir in diesem Sommer gesehen haben, hat auch deswegen so gut funktioniert, weil sich die Leute einen Lichtblick gönnen wollten. Es ist kein Zufall, dass bei  Esteé Lauder, dem Unternehmen, das den Begriff des Lipstick-Index geprägt hat, ein Lippenstift in Pink der Verkaufsschlager war.

TW: Welche Rolle spielt die Mode als Impulsgeber für die Trends?


Die Mode gibt als schnellstes Impulse. Der Kollektionsrhythmus ist in der Mode am kürzesten, von daher passiert dort am meisten. Aber andere Branchen wie der Einrichtungsbereich holen auf. Ein gutes Beispiel sind da die neuen Wandtattoos, die sich schnell wechseln lassen. Immer wichtiger werden Architekten und Designer wie Zaha Hadid oder Karim Rashid, die mit einem ganz neuen Blick an die Produktgestaltung und Architektur herangehen.

TW: Inwieweit kommen Impulse auch aus den asiatischen Ländern und besonders China?

China ist Trendberatungs-Kunde Nummer eins. Aber bald brauchen sie uns nicht mehr, und der Markt wird selbst Impulsgeber sein, wie es etwa Korea schon in der Nutzung der digitalen Technologien ist. China hat uns lange beobachtet und kopiert, jetzt machen sie es selbst und steigen auch in unsere Märkte ein. Das gilt auch für Indien und Taiwan.

TW: Wie wird sich die Mode in den kommenden zwei Saisons Frühjahr/Sommer 2013 und Herbst/Winter 2013/14 entwickeln?

Vieles, was wir jetzt schon beobachten, wird sich weiter entwickeln, aber mit einem neuen Dreh. Etwa der verantwortungsbewusste Umgang mit der Natur. Die Natur zu schätzen und zu schützen, bleibt sehr wichtig, aber es wird technischer. Innovative Technologien werden im Einklang mit und aus der Natur heraus entwickelt. Schön war diese Symbiose etwa in diesem Jahr auf der Möbelmesse in Mailand zu sehen, wo Toshiba eine LED-Lichtinstallation mit künstlichem Regen verband. Das Design wird noch stärker Formen aus der Natur aufgreifen, sie aber mit modernen Technologien verbinden. Diesen Trend nennen wir Extraordinary. Dazu zählen natürlich auch die Verbindung von urbanem Leben und der Natur und der sinnliche Umgang mit ihr. Das zeigt sich vor allem im Einsatz von Oberflächen, die eine natürliche Haptik haben. Diesen Trend nennen wir Equilibrium. Ausgleich zum Leben in der Stadt suchen die Menschen auch immer stärker. Es geht darum, wieder zu lernen, unplugged zu leben. Gleichzeitig bleibt natürlich die Technologie in der Mode extrem wichtig. Innovative Materialien bieten neue Möglichkeiten für die Verbindung von Technik und Sinnlichkeit. Wir nennen das Haute Dimension. Einen weiteren Trend nennen wir Virtuoso, der stark von der asiatischen Kunst inspiriert ist. Dabei geht es nicht um Asia-Kitsch – der ist passé – sondern vielmehr um die Inspiration von der Ästhetik und der virtuosen Technik etwa von chinesischen Lackarbeiten oder der Origamifalttechnik.

TW: Wie geht es nach dem Neon-Sommer 2012 farblich weiter?

Für Frühjahr/Sommer 2013 sehen wir Neon-Pastelle mit Fluoreszenstendenzen, die mit neutralen Farben aus der Natur kombiniert werden. Daneben spielen erdige Farben wie Braun-, Ocker- und Rottöne – alle mit metallischem Akzent veredelt – eine Rolle. Vor allem für den Herbst sehen wir dann verschiedene Grau-, Bordeaux- und Edelsteintöne.
Schon während des Studiums der internationalen Wirtschaftswissenschaften am Pariser Institut Supérieur de Gestion absolvierte Mayouri Sengchanh (36) Praktika in der Modebranche. Die gebürtige Französin ist gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Dominique Cherpin Geschäftsführerin der Exalis GmbH mit Niederlassungen in Köln, Berlin und Moskau. Das Unternehmen fungiert seit 12 Jahren auch als offizielles Verbindungsbüro der Modemessen Première Vision und Pret-à-Porter Paris. Die Exalis GmbH ist außerdem Partner in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Russland für die traditionsreiche Trendagentur Carlin International.

Die Trendagentur wurde 1947 von Fred Carlin gegründet und hat ihren Hauptsitz in Paris. Angeschlossen sind weltweite Trendbüros, die bei der Identifizierung der Trends eng zusammenarbeiten, dabei gibt es ein dreistufiges System. Zunächst geht es um die Entwicklungen in den kommenden sechs Monaten. Dabei geht es um Mode, aktuelle Fernsehserien oder auch Magazine.  Die zweite Stufe sind die mittelfristigen Trends, das sind Themen, die die Gesellschaft in den kommenden 18 bis 24 Monaten beschäftigen werden. Dazu gehören Entwicklungen in der Architektur, im Design, in der Kunst, Musik und Literatur. In einem letzten Schritt werden die Makrotrends identifiziert, das sind Phänomene in der Gesellschaft, die dazu führen werden, dass sich unser Leben in den nächsten drei bis fünf Jahren verändern wird.