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TextilWirtschaft 07 vom 14.02.2008 Seite 032

Business

DIE NEUE HANDELSMACHT

Kaum ein anderer Markt scheint derzeit so vielversprechend wie Indien. Mehr als eine Milliarde Einwohner, eine junge Bevölkerung und die rasant wachsende Wirtschaft locken immer mehr internationale Marken und Einzelhändler auf den Subkontinent.


Flughafen Mumbai, Donnerstag morgen, 3 Uhr. Uwe Schröder und Dieter Holzer fliegen zurück nach Hamburg. Den ganzen Tag lang waren die beiden Tom Tailor-Chefs in einem Besprechungsraum ihres Hotels. Ein Termin jagte den nächsten. "Der indische Markt ist sehr dynamisch, deshalb wollen wir unbedingt bald hier starten", sagt Holzer. Im Hotel haben sie sich mit verschiedenen, potenziellen Partnern getroffen, die ihnen den Weg in den Markt ebnen sollen. Abends in der Hotelbar haben Schröder und Holzer dann noch zufällig Troels Holch Povlsen getroffen, Gründer und Chairman der dänischen Bestseller-Gruppe. Dessen Indien-Pläne sind schon sehr konkret. Zwei Tage zuvor hat er sie erstmals präsentiert, beim India Fashion Forum in Mumbai, dem jährlichen Stelldichein der nationalen und internationalen Modebranche.

Seit geraumer Zeit geben sich die Vertreter internationaler Marken und Filialisten in den indischen Einzelhandels-Hochburgen die Klinke in die Hand. Sie wollen nicht mehr länger nur ein-, sondern auch verkaufen, auf einem Markt, der mit 1,1 Milliarden Menschen mehr als doppelt soviele Einwohner hat wie die EU. In dem das Durchschnittsalter mit 25 Jahren deutlich unter dem in Deutschland (42) liegt. Und dessen Wirtschaftswachstum seit Jahren nur eine Richtung kennt: steil nach oben.

Indien lockt. Zum Beispiel Bestseller. Troels Holch Povlsen, der selbst sieben Jahre in Kolkata gelebt hat, will noch in den nächsten Wochen die ersten Geschäfte eröffnen. "Wir starten vorerst ausschließlich mit unserem Menswear-Label Jack&Jones. Die Stores werden zwischen 300 und 600m² groß sein", sagt Povlsen. Innerhalb der nächsten sechs Monate sind fünf Läden geplant, zunächst vor allem in der Metropolregion Mumbai. Für das Geschäft in Indien wird ein Joint Venture gegründet, an dem Bestseller mit 51% die Mehrheit halten wird. Im indischen Einzelhandel läuft nichts ohne einheimische Partner (siehe Kasten S.36).

"Indien ist ein schwieriger Markt, aber wir sind überzeugt von den Potenzialen", sagt Povlsen. Als Vorbild dürfte der chinesische Markt gelten, wo die Bestseller-Gruppe bereits 1800 Läden betreibt.

Bestseller wird in Indien auf viele alte Bekannte treffen, mit denen man sich auch in anderen Märkten duelliert. Esprit zum Beispiel hat 2005 einen Distributionsvertrag über sieben Jahre mit dem indischen Partner Madura Garments abgeschlossen. Der erste Laden wurde 2006 eröffnet, heute gibt es 30 Esprit-Stores. 2007 wurde auch die Marke edc eingeführt. Bis Ende dieses Jahres sollen zehn edc-Läden eröffnen, bis 2011 sollen es insgesamt 50 sein. Offensichtlich hat Esprit bei der Wahl ein gutes Händchen gehabt. "Unsere Pläne wurden seit unserem Markteintritt weit übertroffen. Wir hatten eigentlich mit 50 Läden in den ersten fünf Jahren gerechnet, jetzt werden wir wohl bei 200 landen", sagt Thomas Grote, President der Marke Esprit. "Die Geschäfte in Indien laufen super", sagt Grote. Zwar sei die Flächenproduktivität deutlich geringer als in Europa, die Kosten aber auch. "Der einzige limitierende Faktor ist derzeit die Verfügbarkeit von Verkaufsfläche", so Grote.

Das Gedränge um Flächen dürfte weiter zunehmen. Zwar haben große Player wie H&M und Inditex derzeit keine konkreten Indien-Pläne, dafür aber etliche andere internationale Marken. Hier nur ein kleiner Auszug der jüngsten Nachrichten: French Connection hat gerade einen 500m² großen Store in der Shopping-Mall Select CityWalk (Delhi) eröffnet. Guess ist in der Ambi Mall in Gurgaon gestartet. Das italienische Jeans-Label Gas ist schon mit sechs Läden und in 90 Multibrand-Stores vertreten. Innerhalb der nächsten zwei Jahre sollen es 26 Franchise-Geschäfte und zehn eigene Flagship-Stores sein.

Längst etabliert ist der Klassiker unter den Jeansmarken: Levi's. 14 Jahre nach dem Start betreibt das Unternehmen heute 250 Geschäfte im ganzen Land. "Innerhalb der nächsten fünf Jahre soll diese Zahl auf über 1000 wachsen", sagt Aaron Boey, Geschäftsführer Levi's Asia-Pacific.

Große Ambitionen hegt man auch bei Kanz. Der KOB-Hersteller aus Neufra ist zwar erst seit ein paar Monaten in Indien aktiv, betreibt aber gemeinsam mit der Partnerfirma Prateek schon zehn Verkaufspunkte. Vom 15m² großen Shop-in-Shop bis zum 100m²-Laden. Bis Ende des Jahres sollen es laut Geschäftsführer Kemal Bender sogar rund 100 Verkaufspunkte werden. Zu den Kanz-Mitbewerbern zählen vor allem einheimische Marken, aber auch der britische Filialist Mothercare. "Indien ist ein Zukunftsmarkt. Die Inder investieren sehr viel Geld in ihre Kinder", sagt Bender. Das Geschäft lohne sich auch, weil Kanz im Inland produziert und damit die Einfuhrzölle entfallen.

Äußerst verlockend ist der gigantische indische Markt auch für die großen, internationalen Handelskonzerne. Marks&Spencer zum Beispiel ist via Franchising aktiv. Carrefour und Wal-Mart würden lieber heute als morgen starten. Während ausländische Monolabel-Stores gang und gäbe sind, machen es die indischen Gesetze den Multilabel-Händlern aber besonders schwer (siehe Kasten S. 36). Der Markt ist fest in einheimischer Hand. Und so werden beide Konzerne wohl zunächst mit Großhandel bzw. Cash&Carry-Märkten starten müssen. Ein Geschäftsmodell, mit dem die Metro Group schon seit 2003 in Indien aktiv ist.

Bislang betreibt der Düsseldorfer Konzern zwei Großmärkte in Bengaluru und einen in Hyderabad. In diesem Jahr sollen Eröffnungen in Mumbai und Kolkata folgen.

Nicht nur ausländische SB-Warenhäuser, auch Department Stores sucht man bislang vergeblich in Indien. Zu den großen Warenhäusern zählen einheimische Ketten wie Ebony, Globus, Lifestyle, Pantaloons, Shoppers Stop und Westside.

Hoch im Kurs steht der indische Markt auch bei Luxusanbietern. Ob Burberry, Gucci oder Zegna. Sie sind fast alle da. Louis Vuitton wird demnächst seinen mit 300m² bislang größten Store in der Emporio Mall in Delhi eröffnen, die Indien-Premiere von Hermès wird noch in diesem Jahr erwartet.

Escada hat 2007 den ersten Store eröffnet, gemeinsam mit dem Partner Brand House Retails, einer Tochter des Stoff-Konzerns SKNL. Heute gibt es zwei Escada-Läden in den Mumbai-Stadtteilen Bandra und Colaba, einen im Shangri-La-Hotel in Delhi.

Luxushandel findet in Indien häufig in den Hotels statt, zunehmend entstehen aber auch Luxus-Malls. In Delhi soll in diesem Jahr das Emporio-Center eröffnen, in Bangalore startet UB City.

Die Erwartungen an den indischen Markt sind riesig. Das tatsächliche Volumen ist derzeit aber noch vergleichsweise gering. Nach Angaben des India Retail Reports 2007 lag das Volumen für Bekleidung und Accessoires im Jahr 2006 bei umgerechnet 17 Mrd. Euro. Allerdings ist dieser Wert seit 2004 um über 20% gewachsen. Tendenz weiter steigend. Ein interessantes Detail: Indien ist nach Angaben der Unternehmensberatung McKinsey der einzige bedeutende Markt, in dem mehr Geld mit Männer- als mit Frauenmode verdient wird. Der mit Abstand wichtigste Einkaufsposten bei den Frauen ist Schmuck.

Immer noch sind viele Inder aber bitterarm und können überhaupt nichts einkaufen. Experten gehen davon aus, dass 40% der Bevölkerung, also rund 440 Millionen Menschen, kein verfügbares Einkommen haben und von der Hand in den Mund leben.

Trotz Armut und trotz Tradition zählt Indien aber schon heute zu den größten Einzelhandels-Märkten der Welt. Die Unternehmensberatung Ernst&Young geht davon aus, dass die Mittelschicht aus 220 Millionen Indern besteht, bis 2010 soll ihre Zahl gar auf 320 Millionen wachsen. Insider behaupten, dass sich 50% des relevanten Einzelhandels in den beiden größten Städten Delhi und Mumbai abspielen.

Wenn es um den indischen Markt geht, dann wird unterschieden in unorganisierten Straßen-Markt und den organisierten Markt nach westlichen Standards. Der Anteil des organisierten Marktes ist nach Angaben des India Retail Reports 2007 im Bereich Textilien und Bekleidung von 2004 bis 2006 von 14% auf 20% gestiegen. Sein Anteil wird, da sind sich alle Experten sicher, weiter stark ansteigen. Überhaupt, zeigt sich der Modesektor als einer der dynamischsten im indischen Einzelhandel. Allein 2006 stieg die Zahl der Neueröffnungen um sage und schreibe 113%. Verblüffend: Im selben Zeitraum erhöhte sich die Zahl der Verkaufsflächen nur um 14%. Das Angebot kann mit der Nachfrage also nicht Schritt halten.

Hier liegt ein Knackpunkt, der vielen Akteuren starke Kopfschmerzen bereitet: die sehr hohen Mieten. Laut einer Studie von Jones Lang LaSalle sind die Mieten in allen Metropolen in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Spitzenreiter bei den Mieten ist Delhi. In der Hauptstadt haben sich die Ladenmieten seit 2004 glatt verdoppelt, auf umgerechnet monatlich rund 70 Euro pro Quadratmeter.

Insider berichten sogar von noch höheren Zahlen. Punit Agarwal, Indien-Partner von Marc Cain (siehe Kasten S.35), spricht von Preisen zwischen 60 und 200 Euro pro Quadratmeter. Noch weiter geht Thorsten Allenstein: "Die Mieten in den Top-Städten sind auf einem Niveau wie in London, Tokio oder New York", sagt der Indien-Geschäftsführer von Triumph.

Einen wirklichen Überblick über den Immobilien-Markt hat wohl niemand. Einig sind sich aber alle darüber, dass das Problem dringlicher wird. "Die Mieten sind in den vergangenen Jahren explodiert und liegen heute bei 20 bis 30% vom Umsatz im Modeeinzelhandel", sagt Ireena Vittal vom Beratungsunternehmen McKinsey.

Auch deshalb wird in den nächsten Jahren eine Flut neuer Shoppingcenter erwartet. Und das in einem Land, in dem erst 1999 mit dem Ansal Plaza in Neu-Delhi die erste Shopping-Mall überhaupt eröffnet wurde. Jetzt warten zahlreiche Entwickler mit noch zahlreicheren Projekten auf. Einer der größten Projektentwickler des Landes ist DFL. Innerhalb der nächsten acht bis zehn Jahre will das Unternehmen rund 100 Malls in 60 Städten bauen.

Ein weiterer großer Player namens EWDPL gibt an, 33 neue Center in elf Staaten zu bauen. Aktiv im Immobilien-Sektor sind auch die Handelsunternehmen selbst. Das zur Future-Group (u.a. Pantaloons) gehörende Immobilienunternehmen Kshitij will in den nächsten Jahren 50 Malls mit einer Verkaufsfläche von 1,5 Millionen Quadratmetern bauen. Und der zu Provogue, einer der größten indischen Modemarken, gehörende Projektentwickler Prozone will in den nächsten Jahren 1 Mrd. Dollar in über 50 Einkaufszentren investieren.

Der Einzelhandel boomt, also zieht die Immobilien-Branche mit. Nach Berechnungen von Jones Lang LaSalle wird sich das Wachstum der Verkaufsflächen in Einkaufszentren in den sieben wichtigsten Städten innerhalb von zwei Jahren fast verdreifachen. Laut Ernst&Young gab es 2003 ganze 158 Malls in Indien. 2010 sollen es bereits 600 sein. Das Ende der Fahnenstange dürfte das aber noch längst nicht sein.

JÖRG NOWICKI

"JEDES JAHR 70 BIS 100% WACHSTUM"

Wir wachsen in Indien jedes Jahr zwischen 70 und 100%", sagt Thorsten Allenstein. Der 39-Jährige ist verantwortlich für die Geschäfte von Triumph in Indien und Sri Lanka.

Seit 1998 ist Triumph auf dem Subkontinent aktiv. Damals wurde ein Joint Venture mit einem indischen Partner gegründet. Gemeinsam baute man in der Millionenmetropole Chennai ein Werk.

2002 wollte Triumph nicht mehr nur seine Kollektionen in Indien herstellen, sondern sie auch dort verkaufen. Eine Vertriebsgesellschaft wurde gegründet. Der Erfolg stellte sich schnell ein. Triumph musste nicht bei Null anfangen. Durch graue Kanäle war die Marke schon lange vor dem offiziellen Start auf den Markt gelangt. "Wir sind heute im organisierten Retail die Nummer eins vor den Marken Enamor und Lovable", sagt Allenstein. Es gibt Büros in Mumbai, Delhi, Bengaluru, Kolkata, Chennai. Showrooms gibt es dort nicht. "Wir müssen selbst raus zu den Kunden."

Die Pflege der Kundenbeziehungen ist für Allenstein und sein Team nicht immer einfach: "Durch den wirtschaftlichen Aufschwung boomt auch der Arbeitsmarkt. Die Leute wechseln häufig und damit auch die Ansprechpartner in den Firmen. Bei dem Filialisten Shoppers Stop hatten wir es in den vergangenen zwei Jahren mit vier verschiedenen Einkaufsteams zu tun." Shoppers Stop gehört neben der Warenhaus-Kette Lifestyle zu den wichtigsten Triumph-Kunden.

Die Ware für den indischen Markt wird in Indien produziert. Mit Blick auf weiteres Wachstum in der Zukunft wurde gerade ein neues Werk aufgebaut, diesmal in Eigenregie. Es liegt ebenfalls in Chennai, nur zwölf Kilometer vom anderen Werk entfernt. Schritt für Schritt wird die Kapazität derzeit hochgefahren, die offizielle Eröffnung ist im Mai. Bei voller Auslastung sollen irgendwann 5000 Menschen auf dem 57000m² großen Gelände arbeiten. Gerne würde Allenstein auch Baumwolle direkt in Indien einkaufen. "Das scheiterte bislang an unseren hohen Umwelt- und Sozialstandards, die die Lieferanten nicht einhalten konnten."

Der Aufbau der neuen Produktionsstätte hat Allenstein in den vergangenen zweieinhalb Jahren beschäftigt. Jetzt ist der gebürtige Duisburger zurück in Mumbai und kann sich wieder stärker dem Aufbau der Marke widmen. An 600 Verkaufspunkten ist Triumph mittlerweile in Indien vertreten, ausschließlich über Wholesale. Nur in Mumbai gibt es einen Franchise-Store. Das Wachstum via Franchising sei aber zu beschwerlich. Deshalb will man jetzt ein landesweites Joint Venture gründen, bei dem Triumph mit 51% die Mehrheit halten soll. Die Suche nach einem Partner läuft, im zweiten Quartal soll eine Entscheidung fallen. "Wir wollen in diesem Jahr 30 bis 50 Läden eröffnen", sagt Allenstein. 100 bis 250m² sollen sie groß sein und vor allem in den sechs großen Metropolregionen Mumbai, Delhi, Bengaluru, Chennai, Hyderabad und Kolkata liegen. "Hier spielt sich 95% des organisierten Retails ab", sagt Allenstein. Triumph wird sich beeilen müssen. Denn längst haben auch die Mitbewerber das riesige Land auf ihre Expansionslisten gesetzt. Ob La Senza, Women'Secret, Aubade oder Etam: Sie alle testen derzeit den indischen Markt. no

VON PARTNERN UND FAN-GEMEINDEN

Punit Agarwal ist stolz. Stolz darauf, dass er von Marc Cain als Partner für den indischen Markt ausgesucht wurde. Jetzt steht er in "seinem" Laden in der Gulmohar Road in Mumbai. 79m² Verkaufsfläche, in einem modernen Gebäude, absolut CI-gerecht. Im April 2007 wurde das Geschäft eröffnet. Im Stadtteil Juhu, in dem es laut Agarwal jede Menge wohlhabender Einwohner gibt. Auf Anhieb ist das freilich nicht zu erkennen. Einsam steht der Marc Cain-Store da, rechts und links viel Schutt und Asche.

2006 war das Marc Cain-Management auf Einladung des Gesamtverbands Textil+Mode in Indien. Das Ziel: Partnersuche. Tagelang wurde gecastet, schließlich fiel die Wahl auf Agarwal. Für Marc Cain kein unbekannter Partner. Seit mehreren Jahren erledigt Agarwals Firma in Mumbai Stickereien für das Bodelshausener Label, genauso wie zum Beispiel für Marina Rinaldi und Max Mara.

Mit den Ergebnissen seit der Eröffnung ist Agarwal zufrieden. Eigentlich sogar sehr zufrieden: "Ich weiß, dass wir mit unserem Laden mehr Umsatz machen als Escada mit seinen zwei Geschäften in Mumbai zusammen."

Ungefähr alle zwei Monate ist Agarwal in Deutschland. Zum Einkaufen bringt er seine Frau mit, die den Laden führt. Mit den Passformen gebe es keine Probleme. Auch Winterware verkaufe sich gut in einer Stadt, in der es selbst nachts nie kälter als 10 Grad ist. "Hotels, Taxis und Büros sind stark klimatisiert. Deshalb brauchen die Inderinnen genauso Strickjacken wie die Deutschen", sagt Marc Cain-Geschäftsführer Norbert Lock. Überhaupt, die Kollektion komme gut an. "Weil wir für Farbe und Frische stehen. Graue Kollektionen wie St. Emile oder René Lezard dürften es schwerer haben."

Die Preise im Marc Cain-Store sind höher als in Deutschland, bedingt durch Zölle und Steuern. "Wenn ein Teil bei uns 349 Euro kostet, dann sind es in Indien umgerechnet 379 oder 389 Euro", sagt Lock.

Ähnlich wie in Deutschland will sich Marc Cain auch in Indien eine treue Fan-Gemeinde aufbauen. Dafür muss nun erst mal ins Image investiert werden. Marc Cain schaltet u.a. Anzeigen in der Vogue, die ebenfalls gerade auf dem indischen Markt gestartet ist. Außerdem werden aktuell sechs Großplakate in der Stadt belegt. Kosten pro Stück und Monat: 5000 bis 7000 Euro. Und am 22. Februar ist Marc Cain Sponsor der sogenannten Luxury Extravaganza, einer Millionärsmesse im Grand Hyatt Hotel in Mumbai. Weitere Stores in Mumbai und den anderen Großstädten sind auch geplant.

Norbert Lock: "Indien wird boomen. Wir sind hier zwar noch nicht richtig angekommen, aber schon gelandet." Auch in China habe man eine gewisse Anlaufzeit benötigt. 2002 gestartet, betreibt Marc Cain dort heute 16 Geschäfte. Noch verbuche man die Aktivitäten in Indien unter dem Aspekt Zukunft. "Wir müssen heute nicht davon leben, morgen oder übermorgen kann es aber interessant sein." no

"HANDEL WIRD VOM STAAT GESCHÜTZT"

Dr. Jörg Podehl ist Partner der Sozietät Peters Rechtsanwälte, Düsseldorf, und Mitautor des Buches "Rechtsfragen des Indiengeschäfts" (Verlag Recht und Wirtschaft, Frankfurt)

TW: Für ausländische Einzelhändler ist es schwierig, in Indien zu investieren. Warum?

Es geht dem Staat darum, die unzähligen kleinen indischen Läden, die sogenannten Mom&Pop-Stores, vor ausländischer Konkurrenz zu schützen. Seit nunmehr 15 Jahren wird die Wirtschaft zwar schrittweise liberalisiert. Der Einzelhandel wird aber immer noch besonders vor ausländischen Direktinvestitionen geschützt.

2006 gab es eine einschneidende Erleichterung. Was steckt dahinter?

Seit 2006 können ausländische Einzelhändler und Marken direkt in Indien investieren, indem sie Joint Ventures gründen. Sie dürfen dabei bis zu 51% der Anteile halten. Erlaubt sind aber nur Monolabel-Stores.

Was ist bei einem Joint Venture in Indien zu beachten?

Inder sind Weltmeister in der Selbstdarstellung. Viele Unternehmen lassen sich blenden und suchen sich womöglich den falschen Partner aus. Unbedingt notwendig in einem Joint Venture-Vertrag ist deshalb eine sogenannte No-Objection-Clause. Ohne sie ist ein etwaiger Ausstieg aus dem Vertrag sehr schwierig.

Die Eröffnung von Monolabel-Stores ist also einfacher geworden. Was ist mit Multibrand?

Dieses Geschäft liegt quasi komplett in indischer Hand. Als Ausländer kann man hier nur via Franchising aktiv werden, oder indem man einem indischen Partner eine Lizenz erteilt.

Und wie sieht es aus mit Großhandel?

Hier gibt es keine Restriktionen. Deshalb kann zum Beispiel auch die Metro-Gruppe in Indien eigene Cash&Carry-Märkte eröffnen. Das Geschäftsmodell Cash&Carry wird als Großhandel betrachtet und ist ohne Auflagen möglich.

Rechnen Sie mit einer weiteren Liberalisierung im indischen Einzelhandel?

Irgendwann sicher, aber der Zeitpunkt ist ungewiss. Aktuell erwarte ich keine großen Veränderungen. Fakt ist, dass man derzeit ohne einen lokalen Partner im Einzelhandel nicht aktiv sein kann. Für die langfristige Entwicklung des Einzelhandels in Indien ist das sicher negativ.

HERR KOHLI HAT DAS GLÜCK GEFUNDEN

Es ist eine dieser Geschichten, wie sie wohl nur noch in sogenannten Emerging Markets möglich sind. Koutons Retail India Limited ist der am schnellsten wachsende indische Modefilialist. Dafür ist das Unternehmen beim India Fashion Forum gerade mit dem Preis "Most admired fashion group of the year" ausgezeichnet worden.

Innerhalb von vier Jahren hat das Unternehmen fast 1100 Geschäfte eröffnet. Koutons steht sogar im Limbic Book of Records, dem indischen Pendant zum Guiness-Buch der Rekorde. Warum? Weil am 5. Oktober 2006, also an einem einzigen Tag, 104 Filialen auf einmal eröffnet wurden.

Gegründet wurde das Unternehmen 1991. Der Mann dahinter: DPS Kohli. Er startet mit einer Jeans-Kollektion namens Charlie. Einige Jahre später gründet er eine weitere Marke: Koutons. Beide Marken richten sich mit mittelmodischen und preisgünstigen Kollektionen ausschließlich an Männer.

2004 beschließt Kohli, die Kollektionen nur noch in eigenständigen Läden zu verkaufen. Damals waren es ganze 74. Heute gibt es 600 Koutons- und 550 Charlie Outlaw-Stores. "Wir konnten vor allem durch Franchising so schnell wachsen", sagt Kohli. Rund 90% der Geschäfte werden von Partnern betrieben. Die Franchise-Geschäfte sind zwischen 80 und 100m² groß, die eigenen Flagship-Stores haben eine durchschnittliche Fläche von 500m². Während der Großteil der Branche auf Outsourcing setzt, geht Koutons einen anderen Weg. Verpackung und Finishing liegen zu 100% in Koutons Händen. 65% der Kollektionen werden in eigenen Fabriken hergestellt, insgesamt betreibt das Unternehmen 37 Produktionsstätten. Allein 21 davon befinden sich in Gurgaon, in der Nähe von Delhi. Um auch in Zukunft weiter zu wachsen, wagt sich Koutons in neue Produktgruppen. Seit Oktober wird in einigen Stores DOB verkauft, auch Kinderbekleidung wird derzeit getestet. Ebenfalls im Oktober ist der "indische H&M", wie das Unternehmen in den Medien gerne genannt wird, an die Börse gegangen. Das Interesse war riesig, die Papiere waren 46-fach überzeichnet. Koutons hat einen sagenhaften Aufstieg hinter sich. In den vergangenen drei Jahren ist der Umsatz um 100% gewachsen, der Gewinn sogar um 200%. Und auch im laufenden Jahr sollen die Erlöse um 100% steigen, auf rund 140 Mill. Euro. no

Indien

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SHOPPINGCENTER-BOOM - Entwicklung der Verkaufsfläche in Einkaufszentren in den sieben wichtigsten Städten in Mill. Sq. ft

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DIE MIETEN STEIGEN RASANT - Die Entwicklung der Mieten in Rupien (INR), pro Sq. ft, pro Monatin den wichtigsten Städten

DIE MIETEN STEIGEN RASANT - Die Entwicklung der Mieten in Rupien (INR), pro Sq. ft, pro Monatin den wichtigsten Städten
Bildunterschriften

Indiens Handelslandschaft ist vielfältig: von einfachen Stoffmärkten (o.li.), über moderne Einkaufszentren wie Shoppers Stop in Mumbai (u.re.) bis zum berühmtesten Hotel des Landes, Taj Mahal Palace in Mumbai (u.li.), in dem diverse Luxuslabels ihre Läden eröffnet haben. Rechts oben: eines der kulturellen Wahrzeichen Indiens, das Taj Mahal in Agra. Fotos: Nowicki (3), Indisches Fremdenverkehrsamt Thorsten Allenstein: "Wir wollen in diesem Jahr 30 bis 50 Läden eröffnen." Triumph-Modenschau beim India Fashion Forum in Mumbai. Deutsch-indische Partnerschaft: Marc Cain-Geschäftsführer Norbert Lock und Punit Agarwal wollen weitere Geschäfte eröffnen. Glanz und Elend: Der Marc Cain-Store in der Gulmohar Road in Mumbai. 600 Koutons-Läden gibt es bereits in Indien. Der Mann mit der glücklichen Hand: DPS Kohli hat innerhalb von vier Jahren fast 1100 Geschäfte eröffnet.

Autor

  • Nowicki, Jörg

Länder

  • Bundesrepublik Deutschland
  • Indien

Unternehmen/Institution

  • Ernst & Young AG
  • Koutons Retail India Ltd.
  • Marc Cain GmbH
  • Triumph International AG

Person

  • Podehl, Jörg

Branche

  • P5600 Bekleidungsartikel & Schuhe, Einzelhandel

Schlagworte

  • Außenhandel mit Land
  • Bekleidung-allgemein
  • Immobilie-Miete
  • Vertrieb-Einkaufszentrum

Illustrationen

  • 1 Landkarte
  • mehrere Fotos
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