TextilWirtschaft 43 vom 23.10.2003 Seite 020
Fashion
Punk in der Kasse
Diesel-Party in Hamburg. Minis, Leggings, Stulpen, Neonfarben. Durchgestufte Fransenfrisuren zu punkigen Outfits und Nietenstiefeln. Sportliche Streifen zu Netzshirts und schmalen Hosen. Die 80er Jahre sind angekommen. Jetzt geht der Punk ab. Punk Light. Ein wilder Mix, ein kreatives Durcheinander. In der Welt der Fashion-Victims.
Die Realität sieht anders aus. Im Straßenbild ist der Look der 80er noch nicht wirklich sichtbar. Das Publikum im jungen Markt hält sich bis dato noch zurück - und zwar nicht nur bei der Aufnahme der neuesten Mode-Trends, sondern auch bei den Ausgaben für neue Herbstware. "Es läuft jetzt ganz gut, aber man merkt schon, dass die Kunden sparsamer geworden sind", heißt es aus einem Jeans- und Streetwear-Laden in Dresden. Zwar zieht der Umsatz im Oktober vielerorts jetzt deutlich an, doch der Start in die Saison verlief im Schnitt enttäuschend.
Preis oder Individualität. Auch bei den jungen Leuten sitzt das Geld nicht mehr so locker. Und wenn, dann profitieren die am meisten, die entweder mit guten Preisen oder mit betont individuellen Sortimenten werben, am besten mit beidem. Da sind zunächst die Vertikalen. Bei H&M Deutschland hat selbst der extrem heiße Sommer nicht zu Minus geführt, die Umsätze hierzulande blieben im dritten Quartal (31.8.) mit rund 430 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahresquartal unverändert. Geschäftsführer Hans Andersson räumt zwar ein, dass auch H&M die Konsumflaute spürt, doch der schwedische Vertikale bleibt weiterhin auf Expansionskurs. Das Konzept "Mode und Qualität zum besten Preis" greift nach wie vor. Dieses Jahr wurden 20 Filialen eröffnet, Ende des Jahres werden es insgesamt 240 sein. Potenzial sieht Andersson vor allem in Spezial-Konzepten. Momentan gibt es in Deutschland zehn Young Fashion Concept Sores mit der Linie Divided für 17- bis 25-Jährige - Tendenz steigend.
Auch die Kette Mango, die auf eine Zielgruppe zwischen 20 und 40 Jahren fokussiert, aber auch stark von Teenagern frequentiert wird, baut ihre Präsenz in Deutschland aus. Seit 1996 wurden 34 Filialen eröffnet, vier kommen dieses Jahr dazu. Auch C&A saugt Honig aus dem jungen Markt. Die Linie Clockhouse steht zurzeit für einen Anteil von gut 10% am Gesamtumsatz (2,8 Mrd. Euro). Der Umsatz von Zara Deutschland ist im Geschäftsjahr 2002/03 flächenbereinigt um 9% auf 127 Mill. Euro gewachsen. Langfristig kann sich der Otto-Konzern 200 Filialen vorstellen, derzeit sind es 24.
Was offenbar auch in diesem Herbst zu Vorteilen der Vertikalen im Wettbewerb führt, ist ihre Fähigkeit zur schnellen Reaktion. Sie haben aktuelle Themen vor anderen am POS. "Wir brauchen vier Wochen, bis ein Trend in die Läden kommt, und zwar vom Designerbrett bis zur Auslieferung", sagt Andersson. Das sieht man auch in den Filialen: H&M hängt voll mit 80er-Themen, mit Farbe und mit 60er-Elementen wie Pucci-Muster oder Grafik-Drucke in schwarz-weiß. Auch wenn Andersson glaubt, dass die 80er eine zwar jetzt "steil aufsteigende, insgesamt aber zunächst noch schmale Bewegung" bleiben wird, fährt H&M momentan ganz gut damit. Auch bei Mango läuft das Thema an, "vor allem Miniröcke und die 80er Punky-Richtung", wie Area Manager Petra de Waal Malefijt berichtet. Umsatz bringen auch "Tutti-Frutti"-Farben wie Pink, Birne-Grün, Orange, Fuchsia, Blau-Türkis kombiniert mit Schwarz und Weiß.
Punk ist nicht alles. Nicht überall wird das Geschäft mit 80s- und 60s-Styles gemacht. Viele Jeans- und Streetwear-Läden haben für die Herbst/Winter-Saison vorsichtig eingekauft und das Thema in ihrem Sortiment noch nicht sonderlich berücksichtigt. Dementsprechend das Bild in den Läden: Es dominieren Oliv, Erdtöne, Beige und Schwarz. Und viele Händler bereuen ihre Vororder bislang keineswegs. Denn viele der jungen Kunden, so heißt es, reagieren nach wie vor noch eher zurückhaltend auf modische Aufsteiger wie Mini, schmale Hose und Legging.
Deshalb setzen die Händler Farbe und Trendthemen dosiert ein, und wenn dann über die günstigen Bestseller-Linien Vero Moda und Only, die kurzfristige, trendige Flash-Programme anbieten. En gros spielen aber die neuen Styles eine eher untergeordnete Rolle. "Schmale Hosen verkaufen sich überhaupt nicht. Vielen sind sie einfach zu eng unten, oder sie haben nicht die richtige Figur für die schmale Silhouette", sagt Tara Kamps von 1000 Fliegende Fische in Köln. "Leggings laufen ganz langsam an", meint Eva Jedele von Buster in Freiburg. Oversized-Shirts und Oberteile mit Neon-Details würden als Ausgeh-Items vereinzelt gekauft - schließlich kann man die mit legeren Jeans kombinieren. Im Accessoires-Bereich, der allgemein sehr stark beurteilt wird, trauen sich die jungen Kunden mehr: Hier greifen sie schon mal zu Schweißbändern in knalligen Farben, Stulpen in Neon, gestreiften Strümpfen und Nietengürtel. Aber bei vielen Händlern hört man: "Geld verdienen wir nicht mit den 80ern, das Thema ist momentan nur etwas für Fashion-Victims."
Modisch bereits weiter sind Läden, die ihr Sortiment auf hochwertigere Designer-Namen wie D&G aufbauen, etwa Apartment 20 in München. Oder Beck in München, der neben Miss Sixty, Diesel und Levi's auch junge Designer-Linien wie Paul Smith, Hugo, Patrizia Pepe und Just Cavalli führt. Hier fragen High-Fashion-Kunden nach Micro-Mini und farbiger Legging. Doch die Mehrheit im jungen Markt glaubt, dass die 80er erst im Frühjahr/Sommer 2004 richtig ankommen.
Das Geschäft springt an. Bis dahin wollen die meisten im jungen Handel ihr Geschäft mit gängigen Themen wie Cord, Military und Sport-Style machen. Und der Umsatz steigert sich jetzt auch endlich. "Seit zwei Wochen fühlen wir eine steigende Tendenz", sagt Michael Miraky von Doubleight in Hamburg. Der Oktober lässt die Einzelhändler wieder hoffen - und in der dritten Woche schlägt sich das Gefühl auch in Zahlen nieder (TW-Testclub-Zahlen: 1. Oktoberwoche -9%, 2. Woche -6%, 3. Woche +6%). "Es läuft endlich besser. Aber die Leute geben keinen Euro zu viel aus und kaufen sehr bewusst ", sagt Tara Kamps. Das kann Konstanze Irmici, Einkäuferin bei Beck für den jungen Bereich, nur bestätigen. Sie will in den nächsten Saisons den Unterbau stärken, sprich die mittlere Preisschiene mit Firmen wie Fornarina, Nolita, Franklin & Marshall und Rare gegenüber den teureren Designer-Namen ausbauen. Ein überzeugendes Preis-Leistungs-Verhältnis sowie gute Passformen seien wichtiger denn je, heißt es querbeet im jungen Handel.
Mit dem zuletzt doch spürbaren Einzug kühlerer Temperaturen zieht auch die Nachfrage nach winterlichen Themen an. Vor allem Winterjacken verkaufen sich gut, wobei die kurze Form im Bomberjacken-Stil klar vor der längeren Parka-Variante liegt. Die Farben sind im Jacken-Bereich meist gedeckt, bei den kurzen Jacken dominiert Oliv. "Generell laufen Olivtöne sehr gut. Das Military-Thema ist noch nicht durch", sagt Julius Miu von Projekt 3 in München. Auch die tot gesagte Cargo-Hose lebt im Handel länger, allerdings in der cleaneren Variante mit weniger Taschen und Details. Cord ist immer noch ein Thema, von der Hose im Herrenschnitt mit französischen Taschen bis zur Jacke mit Kuschelkragen. Strickjacken mit Reißverschluss laufen rauf und runter und in allen Farben, wie die sportliche Trainingsjacke, dicke Rollis und Ringelpullis. Und während die schmale Hose propagiert wird, kaufen die Kunden immer noch lieber die ausgestellte Boot-Cut-Form, oft in Denim. "Das Denim-Geschäft hat wieder sehr gut angezogen. Wir müssen bereits nachbestellen", freut sich Regina Bongartz von Linientreu in Mönchengladbach.
Das Credo. In einem Punkt ist sich der junge Handel offenbar einig: Nur wer individuell bleibt und sein Konzept stetig erneuert, kann im Wettbewerb überleben. "Man muss sich noch deutlicher von den immer gleichen Angeboten abheben", meint Eva Jedele. Die Kunden sind auf der Suche nach etwas Besonderem, dafür geben sie auch Geld aus, heißt es unisono im jungen Markt. Die Jagd nach frischen Labels soll den eigenen Vorsprung sichern. "Coole, kleine Firmen wie Alprausch, Gsus und Blutsgeschwister lockern das Sortiment auf und sorgen für Abwechslung", darauf setzt Tara Kamps. Hauptsache "cool, sexy und sportlich".
Die Fashion-Victims auf der Diesel-Party haben den Mix vorgemacht. Erlaubt ist, was gefällt, alles wird wild kombiniert: Stulpen, Sport, Netz, Punk, Nieten. Glänzende Materialien zu bunt-gestreiften Strümpfen, Lack-Mini zum Nummern-Shirt. Der Stil der 80er Jahre lebt neu auf, komplett anders interpretiert - und bleibt somit interessant, nicht nur für Mode-Freaks.
Sonja Ragaller
Bildunterschriften
Killah Die Dauerbrenner. Über die Ladentheke laufen immer noch Themen wie sportliche Trainingsjacken und Hosen in Baumwolle oder auch Nicki, Workerhosen in Denim und Cord, Winterjacken in Bomberjacken-Form oder in der Parka-Variante und Strickwesten mit Reißverschluss. Dominant sind gedeckte Farben wie Oliv, Beige, Schwarz, aber auch Orange. Replay Vagabond AEM'KEI Madonna G-Star Die Aufsteiger. Minirock, Legging, schmale Hose, Oversized-Shirt, Neon und Nieten, bunte Strümpfe und Stulpen. Die Mode-Freaks stürzen sich auf die neuen Themen - und mixen alles wild durcheinander. Farbe und Punk, Sport und Mini schließen sich nicht mehr aus. Erlaubt ist, was gefällt - und das sind die 80er ganz neu interpretiert: Sportlich, lässig und sexy. Mango Orimono Vero Moda Only Miss Sixty
Autor
- Ragaller, Sonja
Land
- Bundesrepublik Deutschland
Unternehmen/Institution
- C & A Mode KG
- Hennes & Mauritz GmbH H&M
- Mango Deutschland GmbH
- Otto Handelsgruppe
Marke
- Clockhouse
Schlagworte
- Bekleidung-Young Fashion
- Trend
- Unternehmen-Outletanzahl
Illustration
- mehrere Fotos
