TextilWirtschaft 38 vom 17.09.2009 Seite 064
Fashion
GDS Düsseldorf
Ein hartesStück Arbeit
Der Schuhhandel geht mit Bedacht in die nächste Saison. Und hat entsprechend hohen Informationsbedarf. Die GDS versucht dem mit Vorträgen und Workshops entgegenzukommen. Modisch schlägt die Casualisierung voll durch. Alles ist gewaschen, geused, geknautscht. Auf hohem Niveau.
Romy Schoenberg hat wenig Zeit. Die Einzelhändlerin aus Saarbrücken hat sich einen straffen Plan für die GDS gemacht. Zuerst die kleinen authentischen Marken wie Biviel, die waren dieses Frühjahr bereits sehr erfolgreich. Dann ein paar Eyecatcher zu den Krempelhosen - beim ersten schnellen Durchgang durch die White Cubes hat Romy Schoenberg schon ausgefallene Schaft-Sandaletten bei der Agentur Marc Zimmermann gesehen. Schließlich unbedingt Übergangsware. "Unsere Kunden müssen die Schuhe sofort anziehen können", sagt Schoenberg. Mehr denn je, nicht nur in Saarbrücken, wird überprüft, welche Themen Verkaufsschlager waren, um daraus Schlüsse für die nächste Order zu ziehen. Gleichzeitig werden die Sortimente auf den Kopf gestellt, neu überdacht. Ein hartes Stück Arbeit. Denn der Schuhmarkt braucht nach einem turbulenten ersten Halbjahr - Februar schlecht, der Mai komplett weggebrochen, frühe Reduzierungen auf breiter Front - die richtigen Themen zum richtigen Zeitpunkt. Wie der Modehandel auch.
Und so ist der Informationsbedarf groß an den drei Messetagen in Düsseldorf. Der Ausbau des Informationsprogramms für die Händler hat sich als richtiger Schritt erwiesen. Trendvorträge wie die TW-Orderinfo am Freitagmorgen und die Modeschauen sind stärker als sonst besucht. "In Krisenzeiten müssen Einkäufer und Einzelhändler besonders gut informiert sein, um die richtigen Orderentscheidungen zu treffen", sagt GDS-Director Kirstin Deutelmoser.
Zwar kamen mit 28500 Besuchern rund 4500 weniger als im Vorjahr zu den Schuhmessen GDS und Global Shoes, dennoch zieht der Veranstalter Messe Düsseldorf eine positive Bilanz: "Angesichts der aktuellen Marktlage sind wir mit dem Verlauf der Messen zufrieden. Die beiden Veranstaltungen haben sich als eine feste Bank in unruhigen Zeiten präsentiert", sagt Deutelmoser.
Die Industrie jedenfalls klagt nicht über mangelnde Frequenz. Viel mehr Sorgen bereitet ihr weiterhin der Export-Markt. "Die Lage ist immer noch angespannt. Wir rechnen wieder mit einem Minus bei den Ausfuhren" , sagt Achim Gabor, Vorstandsvorsitzender der Gabor Shoes AG. Das Unternehmen aus Rosenheim musste im ersten Halbjahr ein Umsatzminus von 6% hinnehmen. Dies ist vor allem auf den eingebrochenen Export zurückzuführen. Insgesamt hat die deutsche Schuhindustrie laut HDS (Bundesverband der Schuhindustrie) im ersten Halbjahr ein Umsatzminus von 10% auf 1,09 Mrd. Euro verzeichnet. Dabei gingen die Umsätze im Export um 17,7% zurück.
Dennoch sprechen einige Anbieter auf der GDS schon vorsichtig von einer Wende: "Die ersten Aufträge, die hier aus Asien, Osteuropa und dem nahen Osten eingehen, machen Mut", heißt es bei Lloyd. Die Signale seien deutlich positiver als noch vor sechs Monaten. Auch Sioux-Geschäftsführer Klaus Schinle ist zuversichtlich: "Osteuropa ist nach wie vor schwierig, aber insgesamt haben wir jetzt etwa ein Pari und wollen wieder wachsen." Auch bei van Bommel ist man angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen zufrieden: "Wenn es so weitergeht, bleiben wir auf Vorjahresniveau", sagt CEO Reynier van Bommel.
Ein raues Klima herrscht weiterhin im Top-Genre: " Wir kämpfen alle um die gleiche Torte, die immer kleiner wird", sagt Patrick Coppolecchia-Reinartz, der mit seiner Agentur D-tails unter anderem Fratelli Rossetti in Deutschland vertritt. "Das Spiel wird schwieriger." Das Spiel wird schwieriger, das ist auch das richtige Schlagwort für den Handel. Noch einmal Ballerinen? Jetzt auf Blau setzen? Sind die extrem hohen Absätze verkäuflich?
Natürlich bleiben kommerzielle Themen wie Sneaker und Ballerinen die Basis des Geschäfts. Sie werden zum Sommer erneuert durch Vintage-Finishes, durch Leder, die wie natürlich gealtert wirken. Leisten, die extrem beansprucht aussehen. Sacchetto-Verarbeitung, verwischte Oberflächen, geölte Partien, knautschige Stellen. Ballerinen dürfen weich und flexibel sein. Sneaker dagegen sollen zum kommenden Sommer mehr nach Schuh als nach Turnschuh aussehen. "Edelsneaker fehlen uns seit Saisons. Ich brauche einen Bikkembergs in Feminin, einen Hogan in Aggressiv", sagt Julian Rellecke von Scarpe mit sechs Läden in NRW. "Auch an den Sneaker wachsen eben die Ansprüche", so Schoenberg. Davon profitieren Anbieter wie Fossil. Produktmanager Bernhard Krienen: "Sehr gut kommen neue Interpretationen mit detailliert gearbeiteten Farb- und Materialkontrasten an. Beispielsweise Canvas-Sneaker mit Lederpartien."
Urban Rock ist das Styling-Thema, an dem sich Modehändler abarbeiten. "Es gibt immer noch das starke Bedürfnis, sich zeigen zu wollen. Die schmale Hose ist wieder stärker, die Schultern werden betont, dazu ein bisschen Bling Bling. Für unseren Schuhladen haben wir fast nur Modelle mit Nieten gekauft. Ballerinen, Römer, Sommer-Boots - alles mit Nieten übersät. Das wird nächste Saison erst richtig losgehen", sagt Mirela Stanoiu von Emma und Donna in Hannover, die im August ihren ersten Schuhladen eröffnet hat. "Für uns kommen die Impulse zurzeit von den US-Kollektionen." Steve Madden. Sam Edelman. Nur zwei Namen, die für den sexy Look aus Amerika stehen. Megahohe Peep-Boots, strassbesetzte Römer. Ohnehin gab es seit langem nicht mehr so viele Interpretationen eines Themas. In irgendeiner Form treten Gladiatoren-Styles in allen modischen Kollektionen auf. "Unkomplizierte, flache Römer sind Volumenartikel. Wichtig sind die hohen Plateau-Styles. Die am Fuß was hermachen und den Knöchel betonen", sagt André Lösekann von Brooks in Bielefeld. Die besten Kollektionen aus seiner Sicht: Vic Matié, N.D.C., Pura Lopez, Chie Mihara, Pantanetti und Appepazza.
Noch einmal offene Ware nach dem schwierigen Sommer? Das ist ein weiterer Knackpunkt. "Bei den Schuhen klappt der frühe Verkauf noch sehr gut, weil die Kundin weiß, dass sie nur am Beginn der Saison die große Auswahl hat. Für uns sind Schuhe die Befeuerung der textilen Sortimente", sagt Hans-Peter Vankerkom von Hagemeyer in Minden.
Aber auch der Schuhfachhandel merkt immer deutlicher, dass er Mode gut verkaufen kann. Die Glaubenskriege zwischen rund oder spitz, hoch oder flach sind irrelevant geworden. Wichtig sind die Strömungen in der Mode und welche Schuhe man dazu anbietet. Und so gehen auch Fachhändler ungewöhnlich offen auf Trendthemen wie Python und Peep-Boots zu. "Erstaunlicherweise greifen jetzt auch die breiter aufgestellten Händler nach ziemlich extremen Modellen. Unser hoher Römer ist der Bestseller", sagt Hanspeter Blattmann von Stuart Weitzman. Python wird durchweg akzeptiert, ob Ballerina oder Pumps. Bunte Schlangenprägungen werden als gute Alternative gesehen, Farbe neu ins Sortiment zu bringen. Denn das Thema Farbe wird stärker diskutiert als geordert. Neben Standardfarben haben sich die Naturtöne etabliert. Als Highlight wird die Blaupalette gespielt. Bei Jette beispielsweise gehört Petrol zu den Favoriten. "Pauschal kann man sagen: Je hochwertiger das Sortiment, desto weniger wird Farbe geordert", sagt Andreas Klautzsch von K&S. Er verkauft vor allem Taupe gut, an Blautönen und Pastellen wird genippt.
Einzig neues Aufsteigerthema sind Schaft-Sandaletten, neue Typen zwischen Sandale, Pumps und Ankle-Boot mit Ein- und Ausschnitten. Mit schmalen Manschetten oder extrem breiten, die wie Stulpen den Knöchel oder Spann umspielen. Bei Scholl Studio laufen vor allem die Modelle mit Knöchelbetonung, die ornamental oder in einem Stück hochgearbeitet sind. "Modisch gesehen passen die Hochfront-Typen und Schaft-Sandaletten zu den Krempelhosen, aber sie liefern auch ein Preis-Argument. Man bekommt hier mehr Schuh fürs Geld", sagt Regine Bauer von Görtz in Hamburg. Preise werden ohnehin sensibel diskutiert. Ulrich Hauer von Cinque: "Die Preislagen werden ganz genau verglichen." Bei Sneakern ist bei 69 Euro Schluss, heißt es bei Jette. Alicja Krum von der Agentur Agents of ergänzt: "Man muss etwas bieten in diesen Zeiten. Wir haben bei Strenesse die Preise gesenkt, das ist uns gut bekommen." Nicht nur Peter Werdich von Werdich in Dornstadt will das Angebot in der Spitze ausdünnen, zu Gunsten mittlerer und unterer Preislagen.
Währenddessen drängeln sich mehrere Einkäuferinnen um die Taschen bei Moma und können ihre Begeisterung kaum zurückhalten. Eine berichtet, dass sie - mühsam überredet - zwei Modelle für ihr Geschäft in Kiel geordert hatte und sie sie schon während des Auspackens verkauft hat. VK ab 500 Euro.
Bei den jungen Schuhanbietern bestimmen bewährte Themen das Ordergeschehen. "Der junge Markt geht definitiv auf Sicherheit", bestätigt Niño Hampf von Diesel. Sneaker und alles mit vulkanisierten Sohlen bleibt dabei das Topthema. Innovation kommt hier über neue Vintage-Finishes, überfärbte Optiken und innovative Waschungen. Auch Nullsohlen gewinnen weiter an Bedeutung. Wie im gesamten Markt darf es neben den Basic-Farben wie Natur- und Grautönen durchaus mal Farbe sein. Auch hier werden Blautöne gut besprochen.
Auch den Ballerina für den jungen Markt schreiben die Einkäufer noch lange nicht ab. "Ballerinen sind immer noch der Hammer", heißt es bei Bloch genauso wie bei Buffalo. Hier sorgen neue Oberflächen wie Snake-Prägungen, Metallics oder frische Farbe für Erneuerung. Auch Peep-Toe-Ballerinen oder Dekoration über Blüten-Applikationen stehen für eine gewisse Innovation. Auf breiter Front ein Thema wie auch im restlichen Markt sind Gladiatoren- oder Römersandalen.
Neben diesen als sicher geltenden Themen suchen die Einkäufer, wenn auch in kleineren Dosen, auch nach individuelleren Dingen. Neue Labels, die man nicht an jeder Ecke findet. Neue Bootsschuhe oder mal ein Sneaker im 80er-Basketball-Stil für Jungs oder Plateau-Pumps für Mädels. Selbst ein Ankle-Boot für den Sommer darf für viele nicht fehlen. Schließlich braucht man im Sommer auch geschlossene Schuhe.
Was liegt bei den Männern im Trend? "Ganz klar Vintage", sagt Lloyd-Designer Ulrich Becker-Steinberger. "Das setzt sich jetzt im breiten Markt durch." Generell wird bei den Männern wieder viel mehr über Materialien diskutiert und weniger über Leisten. Leder wird gewalkt, geprägt, bedruckt. " Wir merken, dass unheimlich viele Einkäufer bei unseren Vintage-Desert-Boots stehen bleiben und sie genau unter die Lupe nehmen", ergänzt Dick de Bruijn vom holländischen Label Blackstone. Auch Detlef W. Stichling von Prime Shoes spürt verstärkte Aufmerksamkeit: "Vintage-Optiken werden sehr gut angenommen - das merken wir auch im Lagergeschäft." Gleichzeitig warnt er: "Der Verbraucher muss das Thema richtig erklärt bekommen, nicht zuletzt auch in punkto Pflege."
Ein Megatrend, der den breiten Markt weiterhin fest im Griff hat: Sportivität. Das Thema bleibt auf hohem Niveau und mischt sich noch stärker mit Klassik zu einer Semi-Sportivität: klassische Leisten für Schuhe mit Working-Charakter. "Das passt zum jungen Anzug genauso wie zu Vintage-Jeans", sagt Becker-Steinberger.
"Die Übergänge sind heute fließend", ergänzt Michael Weyergans von Camel active. "Es geht immer wieder um Leichtigkeit und Bequemlichkeit, vom Bootsschuh über klassisch anmutende Barfußschuhe bis hin zu technischen Geschichten." Auch bei Sioux trägt man diesem Trend Rechnung und hat den Casual-Part deutlich ausgebaut. "Das Thema bewegt sich draußen am besten", ist Geschäftsführer Klaus Schinle überzeugt. Davon profitieren natürlich auch modische Sport-Brands wie Hummel. "High Cut-Modelle in Grün, Pflaume und Zitronen-Gelb liefen überraschend gut", sagt Ingo Jost, hierzulande verantwortlich für den Vertrieb von Hummel.
Ein echter Gewinner dieser Orderrunde: der Bootsschuh. "Wir haben ihn seit sieben Jahren im Programm, jetzt ist er weltweit auf dem bisherigen Höhepunkt", sagt Gabi Heiniger, die mit der Agentur Ventrella das belgische Label N.D.C. in Deutschland vertritt. Auch Peter Werdich ist überzeugt: "Das Thema Bootsschuhe ist nicht zu unterschätzen."
Selbst im hohen Genre verbindet sich Klassik mit Sportivität. "Wir konzentrieren uns bei der Zahl der Leisten und gewinnen mehr Raum für Kreativität in den Details: die Kombination aus Leder- und Gummiböden für jung interpretierte Klassiker. Versteckte Gummiband-Einsätze, moderner Materialmix und hochwertige Sportschuhe mit Sacchetto-Verarbeitung - das kommt gut an", heißt es bei Doucal's. "Klassik bleibt im Schrank", sagt auch Patrick Coppolecchia-Reinartz und meint es buchstäblich. Von Fratelli Rossetti zeigt er stattdessen Bootsschuhe aus edlem Hirsch- und lässige Schnürer aus Antilopen-Leder. "Da siehst du jeden Kratzer, den das Vieh abbekommen hat. So etwas finden unsere Kunden geil."
In der modischen Spitze ist man wieder einen Schritt weiter: Zu gekrempelten Hosen werden klassische, rundere Schuhe vom Typ Alden gesehen. Entweder barfuß getragen oder mit farbigen Socken. Das Geschäft dreht sich weiter. Dafür wird hart gearbeitet. AL, BO, CW, EM, JJ
Bildunterschriften
Timberland Boot Company Die gut besuchten Trendvorträge zeigen, wie groß der Informationsbedarf ist. Vintage legt sich über alles. Bootsschuhe und Sneaker kommen in gewaschenem Leder. Vudu Das dominate Thema: Betonung auf Spann und Knöchel. Guess Christian Villwock, Anita Hass, Hamburg: " Die GDS bietet mir ein übersichtliches Angebot an attraktiven Kollektionen zu Anfangspreislagen. Zum Sommer habe ich beispielsweise Ash und Minnetonka geordert." Mirela Stanoiu, Emma/Donna/Shoehouse, Hannover: "Wir haben fast nur Modelle mit Nieten gekauft. Ballerinen, Römer, Sommer-Boots - alles mit Nieten übersät. Das wird jetzt erst richtig losgehen." Romy Schoenberg, Fifty-6, Saarbrücken: " Anspruch legt sich über alles. Auch der Anspruch an Sneaker ist getiegen. Wir brauchen edle Sneaker von Schuhherstellern, Frauen wollen sportlich und sexy aussehen." Julian Rellecke, Scarpe, Münster: " Ballerinen darf man nicht ignorieren. Viele Frauen brauchen den Ballerina, weil sie sonst nicht wissen, was sie zu ihrem lässigen Outfit anziehen sollen." André Lösekann, Brooks, Bielefeld: "Für die Damen habe ich dieses Mal auch in den Hallen 3 und 6 nach Lieferanten gesucht, um niedrigere Anfangspreislangen zu ergänzen und um meine Kalkulation zu verbessern." Regine Bauer, Görtz, Hamburg: "Modisch gesehen passen die Hochfront-Typen zu den Krempelhosen, aber sie lieferten auch ein Preis-Argument. Man bekommt hier mehr Schuh fürs Geld." Peter Werdich, Werdich, Dornstadt: "Wir werden das Angebot in der Spitze ausdünnen, zu Gunsten mittlerer und unterer Preislagen. Gleichzeitig merken wir, dass wir in unseren Shoetown-Filialen wertiger verkaufen können." Hans-Peter Vankerkom, Hagemeyer, Minden: " Bei den Schuhen klappt der frühe Verkauf noch sehr gut, weil die Kundin weiß, dass sie nur am Beginn der Saison die große Auswahl hat." Der Megatrend Casualisierung hat den breiten Markt weiterhin fest im Griff. Grotesque Die Blaupalette von Petrol bis Marine wird als gute Ergänzung zu Naturtönen besprochen. Scholl Studio Sportivität verbindet sich mit Klassik. Blackstone
Autoren
- Allstädt, Gudrun
- Bachmann, Oliver
- Emig, Silke
- Juric, Jelena
- Wickerath, Christel
Land
- Bundesrepublik Deutschland
Schlagworte
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