Gastbeitrag von Architekt Wolfgang Christ

„Die Zeit ist reif für ein Deutsches Handelsmuseum”

Foto: Joachim Zimmermann
Wolfgang Christ ist Architekt, Städteplaner und Hochschullehrer.
Wolfgang Christ ist Architekt, Städteplaner und Hochschullehrer.

Vor dem Hintergrund zunehmender Digitalisierung des Handels und der politischen Diskussion in Berlin um den Wiederaufbau des Karstadt-Warenhauses am Hermannplatz in den Vorkriegsdimensionen (70.000m²) plädiert Wolfgang Christ für die Gründung eines Deutschen Handelsmuseums. Ein Gastbeitrag.

1994 wird Amazon von dem Computerspezialisten Jeff Bezos gegründet. Das Online-Zeitalter des Einzelhandels startet. Kürzlich konnte man erfahren, dass Amazon und Microsoft zusammen auf einen Börsenwert von mehr als zwei Billionen Dollar kommen und damit mehr wert sind, als alle 763 börsennotierten deutschen Unternehmen zusammen. Auf den Plätzen drei bis fünf folgen Apple, Alphabet (Google) und Facebook. Die Big Five werden im Juli 2019 mit 4,3 Billionen Dollar bewertet. Das größte börsennotierte deutsche Unternehmen ist SAP mit 139 Mrd Euro. Willkommen in der Gründerzeit der Digitalisierung.


25 Jahre sind in der noch jungen Geschichte des Online-Handels eine Ewigkeit. Ein Vierteljahrhundert ist in der Geschichte der Handelskultur nicht mehr als ein Wimpernschlag. Wenn man die Gründung der ersten Handelsplätze aus denen sich Märkte, Messen und schließlich Städte bilden, ins achte Jahrhundert datiert, können wir von mehr als eintausend Jahren Handelsgeschichte sprechen. Und seitdem gilt der in der Lutherzeit geprägte Spruch: Handel ist Wandel.

Revolutionen im Handel haben sich integrieren lassen

In der Regel heißt das: Neue Akteure treten auf den Plan, Konkurrenz belebt das Geschäft, die Karten werden neu gemischt. Es bedeutet aber nie: Tabula Rasa, alles auf Anfang. Revolutionen im Handel haben sich stets evolutionär an Ort und Stelle integrieren lassen. Selbst als Mitte des 19. Jahrhunderts von Paris aus das Warenhaus die Städte erobert und den Handel aus der Epoche des Kaufmanns in das Zeitalter der Konzerne katapultiert, ist und bleibt der Handel da, wo er seit dem Mittelalter hingehört: in der Stadt und deren Mitte(n). Selbst als es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts  die Shopping- und Fachmarkt-Center auf die grüne Wiese zieht, gilt in der autogerechten Stadtlandschaft  nach wie vor das „Prinzip Mitte“.

Gleichwohl: für Viele heißt „in die Stadt gehen“ auch heute noch ganz selbstverständlich, einkaufen zu gehen. Stadt und Handel sind in Europa, historisch wechselseitig geprägt, zwei Seiten einer Medaille. Unser Bild der Stadt ist untrennbar mit Handel verbunden.

Leerstand wird zum Phänomen der Mitte

Digitalisierung ist in Deutschland vor allem ein Thema der IT-Branche, Stichwort Industrie 4.0, Smart Home und Smart City. Dazu passend entwickeln ein Dutzend Fraunhofer-Institute die sogenannte Morgenstadt (www.morgenstadt.de). Doch im Gegensatz zu den immer noch utopisch anmutenden Visionen der datengerechten Stadt trifft die digitale Transformation des Einzelhandels jeden Einzelnen schon heute unmittelbar und überall: Wenn Traditionsgeschäfte schließen; Markennamen aus den Fußgängerzonen verschwinden; die Kundenfrequenz in den Lauflagen kontinuierlich sinkt. Oder wenn in Dörfern nach dem Lebensmittelladen auch Bäcker und Metzger aufgeben. Wenn nach Bahnhöfen und Postämtern nun vermehrt alte Gasthöfe, Bankfilialen und sogar Kirchen geschlossen werden, wird Leerstand zum unübersehbaren Phänomen der Mitte.

Handel ist Wandel, auch heute. Doch diesmal ist alles anders. Es geht in vielerlei Hinsicht an die Substanz. Die Wurzeln unserer Stadtkultur werden gerade gekappt. Die Digitalisierung bringt das Aus für die scheinbar ewig gültige „topologische Bindung“ der Handelskultur: Handel war immer konstitutiv  an einen Ort gebunden, hatte eine unverwechselbare Adresse, war fest verankert an einem Platz, in einer Straße, in einer Lage – ob in der Mitte, am Rand oder in der Peripherie. Zur Ware musste man sich auf den Weg machen. Handel musste daher stets sichtbar sein. Handelsarchitektur war immer beides: Medium der Kundenansprache und Marke der Kundenbindung. Waren mussten für das Spiel von Angebot und Nachfrage reizvoll präsentiert werden, sei es auf dem Marktplatz, in der Einkaufsstraße, im Geschäftshaus, im Warenhaus oder in der Mall. Händler sind die Dienstleister für Markt und Mitte. Stadt ohne Handel, Handel ohne Händler? Undenkbar!

Wegscheide von analoger und digitaler Handelskultur

Die Zeiten ändern sich: Nichts spricht gegen die Annahme, dass auf absehbare Zukunft der Anteil des Online-Handels am gesamten Einzelhandelsumsatz zunehmen und der des stationären Handels abnehmen wird. Ebenso unstrittig ist die Erkenntnis, dass der Handel der Zukunft in jeder Hinsicht datenbasiert sein wird: Gute Zeiten für Ingenieure, schlechte Zeiten für Innenstädte.

Wir befinden uns an der Wegscheide von analoger und digitaler Handelskultur. Es wirken Technologien, die wir nicht wirklich verstehen, die von Marktkräften gesteuert werden, die wir nicht kontrollieren und die Veränderungen hervorrufen, die als disruptive Innovation gefeiert oder  als destruktive Gewalt gefürchtet werden. Es ist an der Zeit, sich mehr Klarheit über den Lauf der Dinge zu verschaffen. Wir müssen Distanz gewinnen, laufend Gewinn und Verlust bilanzieren und schauen, wohin die Reise geht oder gehen sollte. Ein Blick nach Großbritannien führt vor Augen, wie dramatisch bereits die Lage der Highstreet ist – und wie trügerisch die Hoffnung, die Bricks & Mortar-Shops mit Hilfe von Brückenstrategien wie Click & Collect in die Online-Ökonomie mitnehmen zu können.

In einer Gründerzeit wird stets Zukunft neu programmiert. Widerstand ist eine natürliche Reaktion. Während die einen an der großartigen neuen Zeit bauen, kämpfen die anderen gegen den Untergang der guten alten. Die Erfahrung lehrt, dass die Moderne kein Selbstläufer ist. Fortschritt ist das Ergebnis von Versuch und Irrtum. Die Gleichung „Handel ist Wandel“ geht auch umgekehrt auf: Wandel ist Handel. Die Kultur der Veränderung ist die treibende Kraft in der langen Kulturgeschichte von Markt, Messe, Mitte und Mall.

Handel ist die Avantgarde der Moderne

Der Handel ist die Avantgarde der Moderne. Kaufleute sind berufsbedingt weltgewandte Botschafter des Neuen, immer auf der Suche nach Marktlücken und Startvorteilen. Vor allen anderen erkennen sie oft als erste die Chancen neuer Technologien. Die Handelsarchitektur wurde so zur Ikone des Fortschritts. Zum Beispiel beim Warenhaus. Da kam sehr früh schon alles zusammen, was das Industriezeitalter möglich gemacht hatte: Elektrifizierung, Beleuchtung und Lichtreklame, Telegraph und Telefon, Fahrstuhl und Rolltreppe, Eisenskelett- und Stahlbetonbauweise. Vor allem platzierte der Handel als einzige Funktion im Prozess der modernen Stadtentwicklung seine jeweils neuesten Konzepte und  Formate kontinuierlich in der Mitte der Stadt.

Die Mitte ist der kulturell, ästhetisch und materiell reichste Raum, den die Gesellschaft als Ganzes besitzt. Und gerade jenes urbane Milieu, das mit Geschichte und Identität, Gemeinde und Heimat, Baukultur und Schönheit assoziiert wird und das viele als kollektives Eigentum begreifen, gerät nun in den konfliktträchtigen Transformationsprozess der „Digitalen Agenda“ – mit offenem Ausgang.

Der Diskurs über die Zukunft von Stadt und Handel im Zeitalter der Digitalisierung hat gerade erst begonnen. Mit dem Wandel kennt sich der Handel aus wie keine zweite Institution der Moderne. Wäre es da nicht ganz praktisch, den reichen Erfahrungsschatz der Handelskultur für die Bewältigung der Herausforderungen der digitalen Wende produktiv nutzbar zu machen? In keinem Wirtschaftszweig ist die digitale Transformation fortgeschrittener und vielerorts krisenhaft spürbar. Ist das nicht Grund genug, den Online-Handel als Paradigma der laufenden Veränderungen zu begreifen und zum Ausgangspunkt für Lösungsstrategien zu machen?

Wenn wir die Chancen der Digitalisierung maximieren und die Risiken minimieren wollen, müssen wir den Diskurs der „Digitalen Agenda“ aus den Elfenbeintürmen der Industrie, Wirtschaft und Forschung befreien und auf eine breite öffentliche Basis stellen. Das geht nur mit Hilfe attraktiver Angebote und einer Projektphilosophie, die Vernunft und Gefühl adressiert; Zukunft in Gegenwart und Geschichte verankert; Mitdenken, Mitgestalten und Miterleben für alle zum Ereignis werden lässt und alle Medien gleichwertig integrieren kann. Kurz und gut: Die Zeit ist reif für ein Deutsches Handelsmuseum!

„Museumsreif“ ist ein Synonym für Wert und Werte

„Museumsreif“ ist eine ambivalente Qualität. Wir bewahren in Museen Dinge der Vergangenheit auf, die es wert sind, vor dem Vergessen gerettet zu werden. Ganze Epochen etwa der Natur- oder Kunstgeschichte können besichtigt werden. Museen sichern und pflegen das kulturelle Erbe. Auf diese Weise sind sie sowohl für das Individuum, wie für die Gesellschaft als Ganzes, identitätsstiftend. In dieser Absicht wird den Museen des 19. Jahrhunderts eine herausgehobene städtebauliche Stellung zugewiesen, etwa in Berlin auf der Museumsinsel, in Wien an der Ringstraße oder in Paris im Schnittpunkt der Boulevards. In jedem Fall ist die Architekturtypologie von Museum und Warenhaus zum verwechseln ähnlich. In beiden Fällen geht es um  ein Maximum an Präsentation und Repräsentation.

„Museumsreif“ ist heute eher ein Synonym für Wert und Werte. Die Autoindustrie hat dies frühzeitig erkannt und mit der Autostadt in Wolfsburg und der „BMW Welt“ in München eine „kombinierte Ausstellungs-, Auslieferungs-, Erlebnis-, Museums-, und Eventstätte“ geschaffen. Produkt, Architektur und Landschaft bilden ein Gesamtkunstwerk. Die Museumswelt wird zum Markenbotschafter. Weltweit erleben wir einen Boom der Typologie „Museum und Marke“, bei dem sich idealerweise beide Seiten in ein Medium der Kunst verwandeln, so zum Beispiel das von Frank O. Gehry gestaltete, 2014 eröffnete Louis Vuitton-Museum im Bois de Boulogne in Paris.

Der Handel ist museumsreif

Der Handel ist schon lange museumsreif. Es dürfte kein Dorf-, Stadt-, oder Heimatmuseum geben, das nicht stolz auf seinen lokalen Tante Emma-Laden wäre. Auch für Teilaspekte der Handelskultur existieren Museen. Zum Beispiel  das Deutsche Verpackungs-Museum und das Deutsche Apotheken-Museum in Heidelberg; das Deutsche Schuhmuseum im pfälzischen Hauenstein; das Deutsche Hutmuseum in Lindenberg im Allgäu oder das 2015 eröffnete Europäische Hansemuseum in Lübeck.

Museen sind Publikumsmagnete. 2017 zählten ca. 6800 Museen in Deutschland 114,4 Millionen Besucher. Ein Deutsches Handelsmuseum fehlt bislang. Das ist umso erstaunlicher, da es sich beim Groß- und Einzelhandel mit zwei Billionen Euro um den umsatzstärksten Wirtschaftszweig handelt, der mehr als sechs Millionen Menschen beschäftigt. Allein zum Zweck der Selbstvergewisserung und Selbstdarstellung nach innen und nach außen hätte es längst ein zentrales Museum geben müssen, in Größe und Anspruch vergleichbar dem der Wissenschaft und Technik gewidmeten Deutschen Museum in München: Das Museum als Schaufenster des permanenten „Handel ist Wandel – Wandel ist Handel“ . 

Museen kombinieren immer schon Freizeit mit Bildung und Ausbildung. Insbesondere die Kunstgewerbemuseen sind von Anfang an zugleich Ausbildungsstätten für das Handwerk und die Industrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Heute sind Museen auch Forschungszentren und Zukunftswerkstätten. Zum Beispiel in Vorarlberg, wo der vom Schweizer Architekten Peter Zumthor entworfene „Werkraum“ in Andelsbuch einerseits die „Ausstellungsvitrine“ des designorientierten Handwerks ist, zugleich aber viel mehr: Werkstatt, Schule, Treffpunkt, Festsaal, Restaurant, Café, Bibliothek, Verlag, Shop, Archiv, Lager und nicht zuletzt Ortsmittelpunkt.

Handelskultur erlebbar machen

Ein Deutsches Handelsmuseum müsste sich in der weltweiten Museumslandschaft behaupten. Das dürfte angesichts der ökonomischen Potenz des Wirtschaftszweigs Handel kein materielles Problem sein. Entscheidend sind Selbstverständnis, Profil und Botschaft der Institution. Ein Blick auf die aktuelle Entwicklung der Museumskultur deutet auf einen weiteren zukunftsrelevanten Punkt hin. Der Standort prägt den Charakter! Das Anforderungsprofil sollte entsprechend anspruchsvoll sein:  eine zentrale, urbane Lage; ein städtebaulicher Kontext mit Handelsgeschichte(n); eine einladende Atmosphäre, die Gesprächskultur und Kreativität befördert; eine Architektur, die Raum für Neues lässt und Authentizität ausstrahlt; eine Aura, die hilft, Handelskultur erlebbar zu machen. 

 Ein idealer Ort für ein Deutsches Handelsmuseum das den Namen verdient, wäre das Karstadt-Haus am Hermannplatz in Berlin-Neukölln in seiner historischen Dimension. Ende der 1920er Jahre nach dem Vorbild amerikanischer Warenhäuser erbaut und mit ca. 70.000 m² Nutzfläche das größte Warenhaus des Kontinents, nach dem Krieg gesprengt, in Teilen erhalten und nun in der Planung für einen Wiederaufbau mit gemischten Nutzungen.

Karstadt am Hermannplatz in Berlin war mit 70.000 m² Verkaufsfläche vor dem Krieg das größte Warenhaus Europas. Hier eine Aufnahme von 1935.
imago images / Arkivi
Karstadt am Hermannplatz in Berlin war mit 70.000 m² Verkaufsfläche vor dem Krieg das größte Warenhaus Europas. Hier eine Aufnahme von 1935.
„Großstadt – Weltstadt – Karstadt“ lautete seinerzeit der programmatisch-selbstbewusste Werbeslogan. Das Haus wurde zeitgleich mit dem U-Bahn-Knoten geplant und gebaut und verfügt bis heute über einen eigenen U-Bahn-Zugang.

Hermannplatz und Karstadthaus repräsentieren in dem vom Berliner Stadtbaurat Martin Wagner komplett neu geschaffenen Ensemble eines „Weltstadtplatzes“ die Vision der Moderne von der städtebaulichen Einheit aus Mobilität, Stadt, Handel und Urbanität. Diese und einige Merkmale mehr sprechen für den Standort und diese weltweit einzigartige Immobilie. Ein Deutsches Handelsmuseum am Hermannplatz in Berlin wäre ein doppeltes Statement: für den Handel in seiner historischen Rolle als stadtbildende Kraft und in seiner aktuellen Verfassung als Spielfeld digitaler Transformation. Die Zeit ist reif! Und solch eine Gelegenheit kommt so bald nicht wieder.

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