Christine Hager ist neue Vorstandsvorsitzende des German Council of Shopping Centers. Sie folgt auf Klaus Striebich, der satzungsgemäß nach acht Jahren im Vorstand ausscheiden musste. Der Verband wurde als Interessenvereinigung für Einkaufszentren gegründet, sieht sich aber mittlerweile mit mehr als 750 Mitgliedsunternehmen als Lobbyvereinigung für die gesamte Branche an der Schnittstelle von Immobiliensektor und stationärem Einzelhandel.

TextilWirtschaft: Frau Hager, was sehen Sie als die größte Herausforderung für den stationären Einzelhandel?
Christine Hager: Das sind natürlich die Digitalisierung und der steigende Online-Anteil. Der stationäre Handel muss wieder stärker mit dem auftrumpfen, was er am besten kann: Erlebnis, Beratung, Service, die Sinne ansprechen. Dafür muss meiner Meinung nach mehr in die Mitarbeiter und deren Ausbildung investiert werden. Ein toller Ladenbau alleine bringt keine Kunden, es sind vor allem die Menschen.



Was ist auf Sortimentsseite wichtig für einen vitalen Handelsstandort?
Wichtig sind Angebote für den kurzfristigen Bedarf wie Lebensmittel und Drogerieartikel. Sie sind online nicht so stark vertreten und bringen den Centern regelmäßige Frequenz. Wichtig ist auch eine moderne Gastronomie. Wünschenswert wäre es, wenn die Restaurants in Einkaufszentren auch nach Ladenschluss noch öffnen könnten. Das würde einen Standort beleben.



Ändert sich durch den wachsenden Online-Handel der Branchenmix in den Malls?
Nein, insgesamt sicher nicht. Mode, Schuhe, Sport, Lebensmittel, Drogerie, Bücher - all das wird es auch künftig in einem Center geben. Allerdings ändern sich die Flächenanforderungen. Unterhaltungselektronik-Filialisten wie Saturn und Media-Markt zum Beispiel benötigen heute keine 8000m² großen Geschäfte mehr.

Ein großer Vorteil des Online-Handels ist die Angebotsvielfalt und Lieferfähigkeit. Wie kann der stationäre Handel mithalten bzw. davon profitieren?
Ich bin ein großer Fan der Idee der digitalen Mall, wie sie die ECE verfolgt. Die Kunden erwarten die Verfügbarkeit der Ware und wollen wissen, ob die gewünschten Produkte im Center vorhanden sind. Voraussetzung dafür ist der Austausch von Daten. Der Handel sollte seine Bestände deshalb nicht nur Amazon zur Verfügung stellen, sondern auch den Einkaufszentren. Dieser Austausch gemeinsam mit dem Ausbau von Entertainment in den Centern sind wichtige Faktoren für die Zukunft.

Welche Funktion können die Einkaufszentren künftig noch einnehmen?
Ich könnte mir vorstellen, dass sie zu Logistikzentren werden. Denkbar wären zum Beispiel zentrale Annahmestellen, an denen die Kunden ihre Bestellungen abholen können - natürlich mit einem Link zu den stationären Läden in den Centern.

Die Digitalisierung treibt den Wandel in immer schnelleren Zyklen voran. Sind da 10-Jahres-Mietverträge für Läden noch zeitgemäß?
Nein, sicher nicht. Kürzere Mietverträge sind sicher richtig und nicht nur für den Mieter vorteilhaft, sondern auch für den Vermieter. Beide können dadurch flexibler auf Marktveränderungen reagieren. Ein Problem ist das für die Investoren und Eigentümer.

Die dürften sich auch nicht gerade über das zunehmende Drängen des Handels auf Mietsenkungen freuen. Sind die Mieten im Sinkflug?
Im Sinkflug nicht, aber tendenziell gehen sie sicher nach unten. Ein Trend sind auch kürzere Laufzeiten und die zunehmenden Vereinbarungen von umsatzabhängigen Mieten.

Gibt es angesichts dessen überhaupt noch Platz für neue Shopping-Center in Deutschland?
Es werden sicher nur noch sehr wenige neue Center entstehen. Der Markt braucht sie nicht mehr. Es gibt auch kaum noch neue Projekte. Es geht eher darum, alte Einkaufszentren zu revitalisieren und fit für die Zukunft zu machen. Aktuell zum Beispiel das Rhein-Ruhr-Zentrum, das als das letzte der fünf größten deutschen Center in die Zukunft geführt werden soll. Übrigens eines der Projekte in meiner Funktion als Geschäftsführerin bei der Redos-Gruppe.

Sind Sie privat eigentlich konsequente Offline-Shopperin?
Nein, auch ich bestelle online. Allerdings vor allem Dinge, bei denen das Angebot im stationären Handel häufig nur gering ist, Haushaltswaren und Küchenbedarf zum Beispiel. Mode kaufe ich am liebsten in einem inhabergeführten Geschäft in meiner Heimatstadt Leichlingen: Shoes&More. Das ist jedes mal ein tolles Erlebnis. Ich werde freundlich begrüßt, es gibt einen Kaffee und natürlich persönliche Beratung.

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