Adidas ist der beliebteste Modearbeitgeber Deutschlands. Was macht die Jobs in Herzogenaurach so begehrt? Ein Interview mit Top-Personalerin Aki Ben-Ezra.


TextilWirtschaft: Seit sieben Jahren ist Adidas im Ranking der Arbeitgeber die Nummer eins. Was machen Sie anders als andere Firmen?
Aki Ben-Ezra: Das Besondere bei uns ist, dass wir versuchen, den Gründergedanken auch in unserem internationalen Großkonzern weiter umzusetzen. Auch haben wir seit 2015 eine dezidierte People Strategy, die direkt aus unserer Unternehmensstrategie „Creating the New“ abgeleitet ist. Unsere gesamte Personalarbeit fußt dabei auf vier Säulen:


  • 1. Förderung aller Aktivitäten, die Talente anziehen, entwickeln und halten.
  • 2. Diversity und Inklusion – in der Konzernzentrale arbeiten Mitarbeiter mit mehr als 100 verschiedenen Nationalitäten.
  • 3. Erhalt der besonderen Kultur und des guten Betriebsklimas.
  • 4. Führung mit flachen Hierarchien entsprechend der Unternehmenskultur.

Gerade beim Führungsstil gab es ja bei Adidas große Veränderungen. Was haben Sie konkret getan?
Wir haben alle existierenden Führungsformate eingestampft und uns ein neues globales Führungsleitbild gegeben. Weltweit wurden die Mitarbeiter gefragt, wie sie sich gute Führung bei Adidas vorstellen. Daraus haben wir Verhaltensweisen speziell für Führungskräfte entsprechend unseren allgemeinen Verhaltensweisen, dem CCC-Konzept: Creativity, Collaboration, Confidence, abgeleitet. Das ist unser Leitfaden für die Auswahl und Beurteilung unserer Führungskräfte.


Das heißt, bei Adidas bewerten die Mitarbeiter ihre Chefs?
Auch. Wir haben eine ausgeprägte Feedback-Kultur. Monatlich finden anonyme Mitarbeiter-Befragungen statt, an denen sich regelmäßig etwa 15.000 Beschäftigte beteiligen. Da wird auch speziell zum Thema Führung gefragt. Daraus leiten wir dann ganz konkrete Verbesserungsmaßnahmen ab. Mitarbeiter können Führungskräften auch über ein Leistungsbeurteilungssystem Feedback geben.




Was wurde denn in letzter Zeit beispielsweise auf Mitarbeiterwunsch verändert?
Kommunikation und Klarheit gehören zu den wichtigsten Themen für unsere Mitarbeiter. Es hat sich zum Beispiel gezeigt, dass große Mitarbeiterversammlungen da nicht immer ideal sind. Konkret wurden vermehrt kleinere Runden von Führungskräften für den Dialog mit Mitarbeitern angeboten wie zum Beispiel Frühstücks-Meetings. Außerdem treffen sich Mitarbeiter und Führungskräfte mindestens einmal monatlich, um über Ziele und Themen, die sie bewegen, zu sprechen.


Und was bewegt Sie zurzeit in der Personalarbeit?
Die Suche nach Talenten. Der Markt ist hart umkämpft. Vor allem im Digitalbereich konkurrieren wir mit großen, zahlungskräftigen Firmen beispielsweise aus der Automobilbranche um den Nachwuchs. Viele junge Menschen finden auch die Karriere in einem Großkonzern nicht mehr so spannend und wollen beispielsweise lieber selbst gründen oder zu einem Start-up gehen.


Das heißt, die Leute rennen Ihnen trotz Ihrer Arbeitgeber-Bewertungen – wie auch jüngst im Trendence Absolventenbarometer – nicht die Tür ein?
Wir haben tatsächlich jedes Jahr mehr als eine Million Bewerbungen auf unserer Karriere-Seite im Internet. Adidas ist vor allem als Marketing- und Sales-Unternehmen bekannt. Für Jobs im Supply-Chain-Bereich und in der Entwicklung hingegen weniger.


Vor allem im IT-Bereich haben ja die meisten Textiler Probleme, geeignete Leute zu finden. Wie machen Sie das?
Extra für diese Zielgruppe haben wir ein Trainee-Programm und spezielle Kampagnen entwickelt. Wir suchen vor allem branchenübergreifend im Internet und in einer ganz anderen Sprache. Das ist ja eine ganz eigene Klientel. Linkedin und Facebook sind für uns auch sehr gute Recruiting-Quellen.


Wie läuft das Auswahlverfahren bei Adidas?
Zuerst schauen sich die Recruiter natürlich die Unterlagen und die Zeugnisse an. Es folgt ein Screening – eine Vorauswahl per Telefon oder Videointerview. Danach finden Face-to-Face-Interviews mit mehreren Führungskräften statt. An Fallbeispielen testen wir dann, wie Bewerber Problemstellungen lösen und sich in konkreten Situationen und bei der Teamarbeit verhalten. Auch prüfen wir, ob sie zu unserem CCC-Konzept, unserer Unternehmenskultur und in die jeweiligen Mitarbeiter-Teams passen.


Zu den wenigen Kategorien, die Ihre Mitarbeiter in unserer Befragung nicht so gut beurteilen, gehört das Betriebsklima. Hier ist Adidas auf Rang fünf. Woran liegt das?
Das überrascht mich ehrlich gesagt, da vor allem die Arbeitsatmosphäre und die Kultur in unserer monatlichen Mitarbeiterumfrage die meist genannten Faktoren sind, die Adidas als guten Arbeitgeber ausmachen.


Sie sehen keinen Verbesserungsbedarf?
Es gibt immer etwas zu verbessern – deshalb führen wir unsere Mitarbeiterumfrage auch in sehr engen Abständen durch. Kultur bzw. kreatives Arbeitsumfeld ist eine der vier Säulen unserer People-Strategy. Dafür investieren wir relativ viel. Unter anderem wird derzeit eine neue Konzernzentrale in Herzogenaurach gebaut. Im ersten Quartal 2019 werden 2000 Mitarbeiter dort extrem moderne Arbeitsplätze beziehen.


Zalando baut gerade ein neues Bürogebäude mit flexiblen Arbeitsplätzen, in dem kaum ein Mitarbeiter einen festen Platz haben wird. Sieht Ihre neue Zentrale auch so aus?
Flexibilität ist auch bei uns extrem wichtig, schon allein, weil wir so schnell wachsen. Wir wollen den Mitarbeitern die maximale Freiheit geben, so zu arbeiten, wie sie es gerade brauchen. Hierfür bieten wir eine große Auswahl an Arbeitsmöglichkeiten. Es gibt kleinere Meeting-Räume, Team-Räume, Projekt-Räume und viele Freiflächen. Gearbeitet wird flexibel und aufgabenbasiert.


Welche Flexibilität bieten Sie denn Ihren Mitarbeitern bei Arbeitszeit und -ort?
Wir haben flexible, auf Vertrauen basierende Arbeitszeiten. Arbeitszeitkonten und Auszeiten sind über mehrere Monate möglich, genauso wie Off-Campus-Working. Und es ist auch gewünscht, dass die Leute zwischendurch unser Sportangebot wahrnehmen.


Das führt direkt zum Thema „Gute Work-Life-Balance", bei dem Adidas in dem Ranking der TW-Studie von Brax überholt wurde. Was bieten Sie in diesem Bereich Ihren Mitarbeitern?
Neben den absolut flexiblen Arbeits- und Auszeiten bieten wir viele Programme für die Integration von Beruf und Familie sowie familienorientierte Dienstleistungen. Es gibt auf dem Campus zwei Kindergärten, einen mobilen Friseur und Physiotherapie. Wir bieten auch Ferienbetreuung für Mitarbeiterkinder und einen Vermittlungsservice für haushaltsnahe Dienstleistungen wie Pflegeservice, Handwerker sowie Kinderbetreuung. Die Mitarbeiter können Essen aus der Kantine mit nach Hause nehmen, und in dem neuen Konferenzzentrum wird es sogar eine firmeneigene Bäckerei geben.


Gleich nach dem Betriebsklima und dem guten Gehalt kommt für die Mitarbeiter die Sicherheit der Arbeitsplätze. Warum wird die Brax, Olymp, Kik und Betty Barclay eher attestiert als Adidas?
Wir wachsen seit Jahren um mehrere hundert Mitarbeiter in Deutschland, nicht nur in der Konzernzentrale, sondern auch im Retail-Bereich. Und wir bauen keine Stellen ab. Das macht uns doch zu einem sicheren Arbeitgeber oder nicht?


Am weitesten hinten mit Rang zehn ist Adidas ausgerechnet beim Zukunftsthema „Soziale Verantwortung“.
Das ist schade, denn hier machen wir besonders viel und das nicht erst seit gestern. Als globales Sportartikelunternehmen sind wir davon überzeugt, dass wir durch Sport Leben verändern können. Im September 2017 wurden wir zum 18. Mal in Folge in die Dow Jones Sustainability-Indizes aufgenommen. Wir beteiligen uns an vielen sozialen Projekten und haben z.B. eine Kooperation mit der Organisation „Parley for the Ocean“, die Plastikmüll aus den Ozeanen fischen. Aus rund elf Plastikflaschen wird so ein neuer Schuh.


Überrascht es Sie auch, dass Adidas bei der Frage nach dem Verkauf attraktiver Produkte hinter PVH und Breuninger liegt?
Da haben wir gelacht. Adidas kann man ja schließlich auch bei Breuninger kaufen. Und da sprechen die Unternehmenszahlen und die Zahl unserer jährlichen Produktinnovationen doch für sich.


Was tun Sie, um auch 2019 wieder die Nummer eins in unserem Ranking zu sein?
Wir arbeiten permanent an allen vier Säulen unserer People Strategy. Das Thema Sport bleibt natürlich die Nummer eins. Wir launchen dieses Jahr ein neues Lernprogramm und legen unsere Entwicklungsprogramme wieder neu auf. Neu ist auch unser Harvard-Programm für obere Führungskräfte. Wir schicken 200 Leute für eine Woche nach Boston an die Harvard Business School für ein Programm, welches speziell für Adidas mit den Profis vor Ort entwickelt wurde.

Lesen Sie mehr zum Arbeiten in der Fashion-Branche im detaillierten Bericht zur TW-Studie Working in Fashion 2018 ab Mittwoch, 23. Mai, 18 Uhr, in der TextilWirtschaft auf dem Smartphone oder Tablet für Android sowie iOS und ab Donnerstag, 24. Mai, in der gedruckten Ausgabe.

Außerdem gibt es erstmals einen  fast 500 Seiten starken Expertenband zur Studie für alle HR-Profis. Er kann für  498 Euro plus MwSt. mit dem Kennwort „WIF 2018“ unter der Email-Adresse: redaktiontw@textilwirtschaft.de. bestellt werden.

Mehr zu den Studien, Markt- und Imageanalysen der TW erfahren Sie unter texilwirtschaft.de/research.
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