Kommentar zur Branche im Krisenmodus

Wach auf, Berlin

TextilWirtschaft

Seit einer Woche sind die Läden zu. Eine Branche im Wachkoma. Querbeet wird gerechnet, wie lange sich ein solcher Zustand halten lässt. Bis nach Ostern? Mitte Mai? Gar Sommer? Alles offen. Es fließt kein Geld. Und Rechnungen kommen von allen Seiten. Wann ist das vorbei?

Beim Bund sind Notprogramme aufgelegt. Nur: Wie herankommen an das Geld? Und vor allem: wann? Derweil tobt bereits das Werben um die Töpfe. Und da kommen sie auch schon, die Branchen, die allen anderen erst einmal im Weg stehen: Automobil, Maschinenbau, Tourismus, Luftfahrt. Handel im Allgemeinen war beim Spitzengespräch im Kanzleramt vor zehn Tagen dem Vernehmen nach kein Gegenstand ernsthafter Reflexion. Vom Modehandel nicht zu reden. Ihm fehlt, anders als etwa den Lebensmittelkonzernen, die Stimme in Berlin.


Wenn das eintritt, was viele hoffen, nämlich dass in China wieder so etwas wie Normalität eingekehrt, dann ist die exportierende deutsche Großindustrie schnurstracks in Tritt. Dann brauchen Daimler, BMW und Audi nicht sehr lange, um die Räder wieder rollen zu lassen.


Derweil dürften etliche, zuvor noch sehr gesunde Unternehmen der textilen Kette weiter in den Seilen hängen. Weil es, wegen der für diesen Markt so typischen, langen und komplexen Vorlaufphasen, nach Wochen quälender Auszeit überall an Liquidität mangelt. Wer erklärt das in Berlin?


Während vom Discount-Riesen bis zum Warenhauskonzern viele der Großen mit dem Huf scharren, um Einlass zu erhalten ins Vorzimmer der fürs Geld zuständigen Minister, droht ausgerechnet im sonst so gern und stets so hoch gelobten Mittelstand ein Desaster.
Besonders hart könnte es die treffen, die zuletzt in großen Teilen noch zum Kreis der Profitablen und Gewinner zählten: lokale Einzelhäuser, oft mit guter Bonität – historisch, kulturell, als Arbeitgeber in den Städten tief verwurzelt. Sie, quer über die Republik verteilt, in Gesamtheit aber eine echte Größe, inklusive aller Industrieverflechtungen, finden kein Gehör – vor lauter Gigantismus. Manche nennen das einen Skandal.

Wach auf, Berlin.

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