Kommentar zur Fashion-Branche im Lockdown

Hochgefährlich

TextilWirtschaft

Die Ersten haben Insolvenz angemeldet. Andere suchen ihr Heil unter einem staatlichen Schutzschirm. Die Schließung des Geschäftsbetriebs im Handel ist kaum drei Wochen alt, schon lichten sich die Reihen.

Da hilft auch nicht, dass Olaf Scholz als Finanzminister stetig neue Milliardenpakete und Kreditprogramme präsentiert. Das alles wird nicht reichen, glaubt BTE-Präsident Steffen Jost. „Viele werden es schaffen, viele aber nicht.“
Angst geht um. Der Ruf nach Hilfen tönt von allen Seiten. Zeitgleich melden sich die Mäkler, Quengler, Kritiker zu Wort. Selbst schuld! Alles hausgemacht!


Ja, sie haben recht. Bei aller Dringlichkeit der Rettung: Die Krise hat brutal ans Licht geführt, woran es nach wie vor im Kern der Branche krankt. Zu viel Ware, falsch gelenkte Ware, träge Systeme, absurd komplizierte und viel zu teure Prozesse. Statt die Märkte schlank und sauber zu führen, hat man, insbesondere im Multi-Brand-Vertrieb, ein Maß an Unschärfe und Überdistribution kultiviert, das manchen nunmehr auf die Füße fällt.


Warentausch, Warenspülung, Kommissionsgeschäfte – um geschätzt 20 % überhöhte Produktvolumina unter die Leute zu bringen, wurden Instrumentarien kreiert, die das Business- Modell Mode nicht stärkten, sondern instabiler machten. Mit Folgen, die man bereits sieht.


Auf all das wird man wieder kommen, wenn das Schlimmste vorüber ist. Hier entscheidet sich die Zukunft. Für den Augenblick ist erst mal nichts als Rettung angesagt.


Die Branche steht still. Die Folgen sind dramatisch. Geplante Umsätze werden sich nicht aufholen lassen. Sortimente werden entwertet. On hold gestellte Auslieferungen und zukünftige Warenpakete belasten zusätzlich die Liquidität. Über Monate geplante, längst in Gang gesetzte und finanzierte Produktionsprozesse lassen sich nicht schlankerhand flexibilisieren. Querbeet türmen sich die Kostenblöcke, verrücken lassen sie sich kaum.


Die Lage ist brisant. Für viele hochgefährlich. Alle tüfteln an Ideen, die Schmerzen zu verteilen. An Initiativen mangelt es nicht. Doch eines wird von Tag zu Tag mehr klar: Aus sich selbst heraus wird ein großer Part der Branche das Problem nicht lösen. Selbst Unternehmen mit robuster Bonität rutschen in die roten Zahlen. Kurzarbeitergeld, Mietminderungen, KfW-Darlehen – gut gemeint, schnell gemacht, unterm Strich indessen viel zu wenig, um die Schäden, die entstanden sind und die weiter wachsen werden, auszugleichen.


Es ist die Komplexität seiner Prozesse, die den Modemarkt zum empfindlichsten Teil des Handels in den Innenstädten macht. Und deshalb zum gefährdetsten.


Der Staat hat diesen Zustand ausgelöst. Alle haben einvernehmlich mitgemacht. Darum ist die Formel klar: Ohne Umwandlung von Krediten in Zuwendungen, ohne direkte Hilfen und die Kompensation für die bereits spürbare und zu erwartende Wertvernichtung werden große Teile der Branche das nicht überstehen. Der Ball liegt in Berlin, wieder mal.
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