#75JahreTW: Nasrin Akther, Textilarbeiterin aus Bangladesch

"Es macht mich traurig, dass unsere Sachen im Müll landen"

Sparrow Apparels
Nasrin Akther arbeitet als sogenannte Bundle Man bei Sparrow Apparels im Norden der Hauptstadt Dhaka.
Nasrin Akther arbeitet als sogenannte Bundle Man bei Sparrow Apparels im Norden der Hauptstadt Dhaka.

Unmenschliche Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit, vergiftete Flüsse und nicht zuletzt der Brand im Rana Plaza, bei dem mehr als 1000 Menschen starben: Made in Bangladesh hat in der Öffentlichkeit einen schlimmen Ruf. Wann immer es um Billigmode und Nachhaltigkeit geht, geht es auch fast immer um die Ausbeutung von Mensch und Natur in Bangladesch. Vieles daran ist wahr. Die Korruption ist hoch, die Schere zwischen Arm und Reich riesig, die Umweltverschmutzung immens.

Und trotzdem gibt es auch die andere Seite. Fabriken, in denen Menschen ganz normal und auch gerne arbeiten. Menschen, die stolze Bengalis sind und ihrer Familie ein Leben in Würde ermöglichen möchten. Sie sind das Rückgrat einer globalisierten Modebranche – kommen aber in der Berichterstattung selten vor.

Genau diese Menschen einmal kennenzulernen, mit ihnen zu reden und ihren Alltag in die Öffentlichkeit zu tragen – das war mein Wunsch für diese besondere Jubiläums-Ausgabe der TextilWirtschaft. Es geht dabei nicht darum, etwas zu beschönigen. Es geht darum, den Arbeiter*innen ein Gesicht zu geben.

Wie kommt man nun in Kontakt mit einfachen Arbeitern in einem 7000 Kilometer entfernten Land? Selbst hinfliegen scheidet in Pandemie-Zeiten aus. Bleibt nur ein Video-Meeting. Die Suche beginnt und erweist sich als hindernisreich. Die meisten Fabrikbesitzer haben Angst, ihre Leute den Fragen eines Journalisten preiszugeben.

Nach monatelangem Hin und Her erhalte ich dank der Mühen meines Kontaktmanns in der Hauptstadt Dhaka die Zusage der Firma Sparrow Apparels, einem großen Betrieb in Chandana/Gazipur, im Norden von Dhaka. 1984 gegründet, beschäftigt das Unternehmen heute über 11.000 Mitarbeiter und erlöst eigenen Angaben zufolge umgerechnet über 150 Mio. US-Dollar. Zu den Kunden zählen Filialisten wie Gap, Next, American Eagle Outfitters, Old Navy und Mango.

Ich treffe Nasrin Akther, eine ruhige, fast schüchterne Frau. Gebürtig ist die 32-Jährige aus Tekuapara, einem kleinen Dorf im Landesinneren. Seit fast elf Jahren arbeitet sie bei Sparrow Apparels, 150 Kilometer oder acht Stunden mit dem Bus entfernt von ihrem Heimatdorf. Nasrin ist seit zehn Jahren mit ihrem Mann Habib verheiratet, ihre gemeinsame Tochter Umme Habib ist sieben Jahre alt und geht zur Schule. Nasrin spricht kein Englisch. Ein externer und unabhängiger Dolmetscher übersetzt das Gespräch.

TextilWirtschaft: Was genau machen Sie bei Sparrow Apparels?
Nasrin Akther: Angefangen habe ich als Hilfsarbeiterin im Zuschnitt. Mittlerweile arbeite ich als Bundle Man, das heißt ich bin verantwortlich für die Bündelung der zugeschnittenen Stoffteile, bevor diese in die Näherei gebracht werden. Ich muss dafür sorgen, dass alle Teile beisammen und geordnet sind.

Ist Ihr Mann auch in der Bekleidungsindustrie tätig?
Ja, sogar in derselben Fabrik und in derselben Abteilung. Er ist Cutter Man, also im Zuschnitt tätig. Wir arbeiten eng zusammen. Überhaupt, die meisten Menschen, die ich kenne, arbeiten in der Bekleidungsindustrie.

Warum haben Sie sich für einen Job dort entschieden?
Ich komme aus armen Verhältnissen und bin nur bis zur 8. Klasse in die Schule gegangen. Deshalb ist die Jobauswahl nicht besonders groß. Als ich schließlich die Arbeit in der Fabrik meines Mannes gefunden habe, war ich glücklich. Jetzt können wir uns ein bisschen mehr leisten und Geld für die Ausbildung und Hochzeit unserer Tochter sparen. Es macht mich stolz und selbstbewusst, mein eigenes Geld zu verdienen.

Wissen Sie eigentlich wie viel die Sachen, die Sie produzieren, in den Absatzländern kosten?
Nein, das weiß ich nicht genau. Ich habe aber mal gehört, dass es teilweise so viel Geld ist, wie ich in einer ganzen Woche verdiene.

Und was denken Sie darüber?
Wenn die Menschen in diesen Ländern so viel Geld verdienen, dann wird der Preis wohl in Ordnung sein.

Ich rufe Sie aus Deutschland an. Woran denken Sie, wenn Sie an Deutschland denken?
Ich kenne Deutschland nur aus dem Fernsehen. Ich kann nicht glauben, wie schön und organisiert es dort ist. Ich würde gerne mal dorthin reisen und es mit meinen eigenen Augen sehen.

Waren Sie schon mal außerhalb von Bangladesch?
Nein, noch nie. Unseren letzten Urlaub haben wir in Sylhet im Nordosten von Bangladesch verbracht. Die Region ist berühmt für ihren Tee und für ihre Heiligenstätten. Normalerweise aber bleiben wir an den freien Tagen zu Hause. Ich habe wenig Zeit und kümmere mich vor allem um den Haushalt und unsere Tochter, weil ich will, dass sie gut in der Schule ist. Manchmal gehen wir abends gemeinsam essen.

Morgens vor Dienstbeginn: Nasrin Akther (2. von li.) und ihre Kolleg*innen desinfizieren sich die Hände.
Sparrow Apparels
Morgens vor Dienstbeginn: Nasrin Akther (2. von li.) und ihre Kolleg*innen desinfizieren sich die Hände.

Wie lange arbeiten die Menschen normalerweise in Bangladesch?
Bis zum Alter von 60 Jahren.

Gibt es dann eine Rente?
Nein, man muss selbst für das Alter sparen. Allerdings schreiben die Arbeitsgesetze in Bangladesch den Unternehmen vor, ab einer gewissen Betriebszugehörigkeit in eine private Rente ihrer Mitarbeiter einzuzahlen.

Im Moment wütet die weltweite Covid-Pandemie. Wie berührt Sie das als Mensch und als Arbeiterin?
Als Covid anfing, hatten wir große Angst. Einerseits davor, ob die Kunden weiter Aufträge vergeben und es noch Arbeit geben würde, andererseits hatten wir natürlich auch Angst vor der Krankheit an sich. Heute bin ich glücklich, dass wir weiterhin Arbeit haben und bezahlt werden. Die Auftragslage scheint ganz gut zu sein. In der Fabrik sind wir sehr vorsichtig, messen jeden Morgen vor Arbeitsbeginn die Körpertemperatur und desinfizieren unsere Hände. Wenn ich nach Hause komme, wechsle ich sofort meine Kleidung.

Sind Sie geimpft?
Ja, ich bin zweimal mit dem Wirkstoff von Moderna geimpft worden. Das wurde vom Arbeitgeber organisiert und war kostenlos.

Sie sagen, Sie sind froh, eine Arbeit zu haben. Wäre es denn schwierig für Sie, eine andere Arbeit zu finden?
Nein, das wäre sicher kein Problem. Ich mache meinen Job sehr gut und bin mir mittlerweile sicher, auch einen neuen Job finden zu können. Aber im Moment möchte ich gar nicht woanders arbeiten.

"Man sollte unsere Mode nicht einfach wegwerfen. Das macht mich traurig, weil wir in den Fabriken so viel Energie in die Fertigung stecken."
Sparrow Apparels
"Man sollte unsere Mode nicht einfach wegwerfen. Das macht mich traurig, weil wir in den Fabriken so viel Energie in die Fertigung stecken."
Wenn Sie die freie Wahl hätten, was wäre Ihr Traumjob?
Am liebsten wäre ich Dichterin oder Journalistin.

Mögen Sie Ihre jetzige Arbeit?
Ja, ich bin zufrieden. Ich werde gut bezahlt, und auch die Feiertage werden uns alle zugestanden.

Sie arbeiten in der Fabrik für unterschiedliche Unternehmen und Marken. Welche ist Ihnen am liebsten?
Das kann ich nicht sagen. Unser Hauptkunde ist Gap, die Marke gefällt mir.

Haben Sie sich jemals gefragt, warum westliche Länder die Menschen in Bangladesch brauchen, damit die ihnen ihre Bekleidung nähen?
Nein, daran habe ich noch nie gedacht. Ich glaube, das ist so, weil wir Bengali unsere Arbeit gut machen.

Mögen Sie die Kleidungsstücke, die Sie täglich in der Fabrik fertigen?
Ja, sehr.

Tragen Sie sie auch selbst?
Nein, niemand in Bangladesch trägt so etwas. Ich würde mich nicht wohlfühlen und die Leute auf der Straße wären wohl geschockt. Es gibt in Bangladesch auch keine Geschäfte mit westlichen Marken oder Produkten.

Sparrow Apparels beschäftigt über 11.000 Menschen. Zu den Kunden zählen Filialisten wie Gap, Next, American Eagle Outfitters, Old Navy und Mango.
Sparrow Apparels
Sparrow Apparels beschäftigt über 11.000 Menschen. Zu den Kunden zählen Filialisten wie Gap, Next, American Eagle Outfitters, Old Navy und Mango.

Ist Ihnen bewusst, dass für viele Menschen auf der Welt die Bekleidung aus Bangladesch sehr preisgünstig ist und sie sie oft nur wenige Male oder auch gar nicht tragen und dann wegschmeißen?
Nein, das wusste ich nicht. Das macht mich traurig, weil wir Arbeiter in den Fabriken so viel Energie in die Fertigung stecken. Man sollte unsere Mode nicht einfach wegwerfen.

Gefällt Ihnen Ihre Arbeit eigentlich? Wie haben sich die Arbeitsbedingungen in den vergangenen Jahren verändert?
In den letzten zehn Jahren haben sie sich verbessert. Die Löhne sind gestiegen, die Arbeiterrechte sind gewachsen. Wir bekommen Hilfe und haben interne Trainings, in denen wir über unsere Rechte aufgeklärt werden. Und in der Fabrik sind fast täglich Einkäufer, die nach dem Rechten sehen.

Europäische Kleiderschränke sind oft zum Bersten voll. Wie viele Kleidungsstücke besitzen Sie selbst? Und was für Sachen sind das?
Ich trage traditionelle Saris und habe insgesamt sieben Outfits. Ich gehe alle drei bis vier Monate zum Markt, kaufe Stoffe und bringe sie dann zum Schneider. Der orangene Sari, den ich heute für dieses Interview trage, ist eher ein Stück für besondere Anlässe und hat 1500 Taka (15 Euro, Anm. d. Red.) gekostet. Einfachere Modelle kosten etwa 600 Taka.

Wie viel Geld verdienen Sie in der Fabrik?
Ich bekomme ein Festgehalt von 14.000 Taka im Monat (140 Euro, Anm. d. Red.). Mein Mann bekommt 15.000 Taka, weil er etwas höher qualifiziert ist.

Immer wieder wird der Branche vorgeworfen, dass von den Umsätzen zu wenig Geld bei den Fabriken und bei den Beschäftigten bleibt. Hier eine Aufstellung von Clean Clothes Campaign.
Clean Clothes Campaign
Immer wieder wird der Branche vorgeworfen, dass von den Umsätzen zu wenig Geld bei den Fabriken und bei den Beschäftigten bleibt. Hier eine Aufstellung von Clean Clothes Campaign.

Haben Sie die Möglichkeit auf Aufstiegschancen? Möchten Sie das überhaupt?
Ja, ich glaube schon, dass das möglich ist. Und ich würde wirklich gerne mehr lernen und eine Karriere machen.

Müssen Sie Steuern auf Ihr Einkommen bezahlen?
Nein, erst ab einem höheren Gehalt.

Halten Sie Ihr Gehalt für gerecht?
Ja.

Wie sind Ihre Arbeitszeiten?
Wir arbeiten acht Stunden pro Tag und haben eine Stunde Mittagspause. Wir arbeiten sechs Tage in der Woche. Freitags ist bei uns frei. Gelegentlich müssen wir Überstunden machen, aber eher selten und höchstens zwei Stunden.

Was ist, wenn Sie krank sind? Werden Sie trotzdem bezahlt?
Ja.

Wie viele Urlaubstage bekommen Sie?
13 Tage pro Jahr, hinzu kommen Feiertage, an denen nicht gearbeitet wird.


Wie und wo wohnen Sie?
Wir haben eine kleine Wohnung gemietet, die fünf Minuten von der Fabrik entfernt liegt. Mein Mann, meine Tochter und ich leben zusammen in einem Raum. Es gibt eine kleine Kochnische und die Toilette ist auch separat. Wir haben fließendes Leitungswasser. Die Miete beträgt 1500 Taka (15 Euro, Anm. d. Red.) pro Monat.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich hätte gerne ein eigenes Haus und würde gerne reisen, um zu sehen, wie andere Menschen leben. Aber beides wird wohl nicht in Erfüllung gehen.

In Deutschland wird viel über die schädlichen Auswirkungen der Textilindustrie in diskutiert. Wie sehen Sie das?
Ja, der negative Einfluss ist mir bewusst. Besonders in den Wäschereien ist es sehr giftig. Bei uns gibt es aber eine große Kläranlage, in der alles gesammelt und gereinigt wird.

Was ist mit dem Klimawandel, von dem Bangladesch besonders stark betroffen zu sein scheint?
Ja, das stimmt, ich wohne sehr nah am Fluss und da sind Überflutungen schon immer eine Bedrohung. Aber eigentlich ist das kein Thema, das mich besonders beschäftigt.

Ist Ihnen bewusst, dass Made in Bangladesh in den Augen westlicher Verbraucher oft ein Makel ist, weil sie es mit schlechten Arbeitsbedingungen und nicht zuletzt mit dem tragischen Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza assoziieren?
Ich verstehe nicht, dass Made in Bangladesh so einen schlechten Ruf hat. In vielen Fabriken sind die Bedingungen gut. Die Menschen sollten einfach mal kommen und die Situation mit eigenen Augen sehen. Ich wünsche mir, dass die Marken weiterhin in Bangladesch produzieren lassen, damit ich meinen Job behalte und für meine Tochter sorgen kann.

Sind Sie in den sozialen Medien aktiv und verfolgen dort auch diese Diskussionen?
Nein, ich spreche kein Englisch und interessiere mich auch nicht für soziale Medien. Außerdem besitze ich kein Smartphone.

Sie haben viel von Ihrer Tochter gesprochen. Wünschen Sie sich, dass sie auch einmal in der Bekleidungsindustrie arbeitet?
Nein, ich möchte, dass meine Tochter eine berühmte Ärztin wird. Am besten eine Frauenärztin, die sind sehr wichtig in Bangladesch. Dann kann sie Menschen helfen und ich wäre stolz auf sie.

Autor Jörg Nowicki war positiv überrascht über das Selbstbewusstsein seiner Gesprächspartnerin: "Ich mache meine Arbeit gut und würde sicher auch einen anderen Job finden."

Zum Jubiläum der TextilWirtschaft haben wir ganz bewusst den Austausch mit denen gesucht, die sich nicht inmitten der Mode bewegen – aber der Mode viel zu sagen haben. Mehr Portraits und Interviews finden Sie hier. Die gesamte Ausgabe:
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