#75JahreTW: Andrew Tuck, Chefredakteur vom Lifestyle-Magazin Monocle

"Selfridges und Harrods können das besser wegstecken"

Monocle
Andrew Tuck ist Chefredakteur des internationalen Lifestyle-Magazins Monocle mit SItz in London.
Andrew Tuck ist Chefredakteur des internationalen Lifestyle-Magazins Monocle mit SItz in London.

Wie sieht die Stadt der Zukunft aus? Welche Orte sind nachhaltig und lebenswert? Wie hat sich der Handel in den Metropolen verändert? Ein Interview mit Andrew Tuck, Chefredakteur des internationalen Lifestyle-Magazins Monocle.

Textilwirtschaft: Herr Tuck, regelmäßig erstellen Sie Rankings über die lebenswertesten Städte. Ihr jüngstes betrachtete das Ganze aber aus einer neuen Perspektive. Warum?
Andrew Tuck:
Ausschlaggebend dafür war die Pandemie, die wir nicht einfach ausblenden konnten. Wir haben entschieden, dass wir nicht einfach die gleichen Kriterien ansetzen können wie sonst, während sich die Krankenhäuser füllen und ganze Städte im Lockdown sind. Punkte wie Kultur, Shopping und Nachtleben haben wir etwas außen vorgelassen und uns stattdessen auf andere Aspekte fokussiert.


Welche waren das?
Beispielsweise welche Stadt sich wie mit welchem Erfolg durch die Pandemie navigiert hat. Und welche nachhaltigen Visionen und Ziele entwickelt wurden.
Unser Autor Sebastian Schwarz ist selbst ein Fan von Kopenhagen. Nicht nur, weil man im dortigen Viertel "Fristad Christiania" hervorragende Burger essen kann, sondern auch, weil die Stadt schon Kulisse für viele fantastische Serien und Filme gewesen ist, wie etwa für "Riget" von Lars von Trier.

Gab es da große Unterschiede?
Oh ja, an einigen Orten hörte man Sätze wie: „Es wird nie mehr so wie früher.“ Oder: „Wir werden hier nie wieder so viele Touristen begrüßen wie vor der Krise.“ Doch einige Städte haben versucht, trotz Pandemie und Lockdown zuversichtlich und offen zu bleiben. Das haben wir honoriert. Und vor allem die Arbeit jener Bürgermeister, die sich Gedanken darüber gemacht haben, wo es sich lohnt, nach der Krise zu investieren. Einige haben beispielsweise Pop-ups im Freien entwickelt oder bestimmte Sektoren gefördert und unterstützt. Und natürlich kann man in einer Mega-City Dinge nicht so schnell und grundlegend verändern wie in einer kleineren beziehungsweise mittelgroßen Großstadt.

Wie Kopenhagen, das auf Platz eins Ihres Rankings gelandet ist.
Richtig. Und das aus vielen Gründen. Die Stadt ist überschaubar und hat schon lange vor der Krise vieles richtig gemacht: sich also für eine saubere Umwelt, saubere Luft und ein sauberes Stadtbild engagiert. Zudem hat die Stadt schon immer Wert auf ein gutes und sicheres Umfeld für Fußgänger und Fahrradfahrer gelegt. In London hingegen, wo ich wohne, ist man davon noch weit entfernt. Hier ist es viel schwieriger, Dinge in Bewegung zu bringen, Kultur und Gesellschaft zu verändern.


Das aktuelle Monocle-Städte-Ranking zur "Qualität of Life Studie"erschien im Sommer 2021.
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Das aktuelle Monocle-Städte-Ranking zur "Qualität of Life Studie"erschien im Sommer 2021.

Wie haben Sie für das Ranking recherchiert, wie war die Herangehensweise?
Die Hauptrecherche und Eindrücke vor Ort haben unsere Korrespondenten eingeholt. Zudem haben wir für das Ranking 40 klar überprüfbare Kennzahlen von den verschiedenen Städten eingeholt. Zum Beispiel: Wie viele Aufladepunkte gibt es für E-Autos? Wie viel Zeit benötigt ein Krankenwagen zu seinem Einsatzort? Wie lange dauert es, ein Unternehmen zu gründen und Geschäft anzumelden? Ein Hauptkriterium war auch die Willkommenskultur und Offenheit der Stadt.

Offenheit? Wie kann man das messen?
Das ist nicht einfach. Aber wir haben es versucht. Nicht mit Kennzahlen, aber über unsere Korrespondenten, die sich mit der Stadt und der Nachrichtenlage an den jeweiligen Orten intensiv beschäftigt haben und mit Fragen wie etwa: Ist es leicht für einen Migranten, sich hier zu integrieren und Fuß zu fassen? Gibt es eine sichtbare LGBTQ-Community?

Kopenhagen war schon in früheren Rankings eine Ihrer Top-Orte. Nun erneut, obwohl Sie die Maßstäbe verändert haben – ist sie also eine echte Stadt der Zukunft?
Absolut. Die Macher und Behörden arbeiten dort an langfristigen Zielen. Dänemark und Kopenhagen haben im Vergleich zu anderen Städten sehr ambitionierte Ziele, CO₂ zu reduzieren. Natürlich ist die Stadt auch sehr wohlhabend, das heißt, sie hat auch die nötigen Mittel, Dinge zu entwickeln und stringent umzusetzen. Ein weiterer Aspekt ist die Architektur. Sie ist geprägt von Gebäuden mit einem meist sehr vorteilhaften und funktionalen Design. Die Stadt hat eine Dichte, die es dennoch vielen Bürgern erlaubt, im Zentrum zu wohnen. Die Gewässer und sogar der Hafen dort sind so sauber, dass im Sommer Kinder darin schwimmen. Auch Sport- und Esskultur haben sich stark gewandelt. Die Menschen halten sich mehrheitlich fit, ernähren sich gesünder. Man hat das Gefühl, der Ort ist progressiver und grüner geworden, ohne dass die Leute ihren gewohnten Lifestyle haben ändern müssen.
„Vor allem Ladeninhaber kümmern sich um ihre Straße und ihre unmittelbare Umgebung. Ihnen ist es nicht egal, ob vor ihrer Tür ein Baum gefällt wird oder es zu viele Graffiti gibt.“
Andrew Tuck

Warum hat es eine volle Mega-City wie Tokio so weit nach vorne geschafft?
Die Stadt ist riesig, aber ein Konglomerat aus vielen kleinen Vierteln und Quartieren, in denen man sich leicht zurechtfinden kann. Ein weiterer Pluspunkt ist, es gibt sehr viele unabhängige und inhabergeführte Läden und Restaurants. Die Menschen haben den Anspruch, alles noch ein Stück besser zu machen. Auch in puncto Service.
Tokio ist zudem eine sehr sichere Stadt mit einem beachtlichen sozialen Vertrauen und Zusammenhalt. Das wissen wir von einer Mitarbeiterin, die dort seit Jahren lebt. Wenn man im Supermarkt etwas von seinem Einkauf an der Kasse liegen gelassen hat, bringen es einem Leute auf die Straße hinterher. Das soziale Miteinander ist so ausgeprägt, dass es von Seiten der Behörden oftmals genügt, die Bürger um Dinge zu bitten, anstatt sie drakonisch anzuordnen. So ein Verhalten war auch sehr hilfreich in der Pandemie.

Am Ende Ihrer Bewertung haben Sie den Städten Hausaufgaben erteilt – meistens drehte es sich dabei um Verkehr und Natur. Sind das Schlüsselthemen für die Stadt der Zukunft?
Ich denke schon. Während der Pandemie haben wir gesehen, dass Menschen leichter durch die Krise gekommen sind, wenn sie regelmäßigen Zugang zu Parks und Grünflächen hatten. Auch ein Balkon, ein Blick ins Grüne oder bloß auf einen Baum konnten sehr wohltuend sein. Das alles hat gezeigt, wie wichtig Grün und Natur in der Stadt sein können und dass beides auch ausschlaggebend für unsere mentale Gesundheit ist.
Verkehr ist ebenfalls ein Top-Thema. Doch dabei geht es nicht darum, Autos zu verbieten, um nur noch alles per Fahrrad zu erledigen. Ich glaube allerdings, dass es in Zukunft weniger individuellen Autoverkehr in den Städten geben wird. Öffentliche Verkehrsmittel und solche, die man sich teilt, werden zunehmen. Es geht nicht um Verbote oder eine Lösung, sondern um eine Balance und den richtigen Weg, auf dem möglichst viele mit einbezogen werden sollten.

Wird eine lebenswerte Stadt der Zukunft sich eher über Wohlstand oder Nachhaltigkeit definieren?
Beides schließt sich nicht aus, sondern geht Hand in Hand. Es kann nicht sein, dass nur reiche Menschen nachhaltiger leben können und wohlhabende Städte grüner werden. Außerdem sollte Nachhaltigkeit auch in unser Leben, zu unserer Lebensqualität passen. Sie sollte einen Betrag leisten, dass wir uns dort, wo wir leben, wohlfühlen.

Bleibt das Stadtzentrum künftig das Herz der Stadt?
Auch dieser Aspekt hat sich durch die Pandemie gewandelt. Vorher zog es alle ins Zentrum, Einwohner, Gastronomen und Händler. Heute ist das anders. Viele finden die Gegenden außerhalb der Stadtmitte mittlerweile attraktiver und authentischer. Natürlich sind die Mieten dort auch niedriger, und als Händler kann man dort auch etwas experimentieren.


Ihre Top-Städte gehören allerdings auch zu denen mit den höchsten Mieten.
Da haben Sie absolut recht. In normalen Zeiten wäre das auch in unserem Ranking stärker berücksichtigt worden.

Werden die Lebenshaltungskosten in nachhaltigen Städten besonders steigen?
Ja und nein. Natürlich sind Investitionen in neue und saubere Technologien, Energiequellen und moderne Wohneinheiten erst einmal kostenintensiv für jeden Bürger und jede Stadt. Nachhaltigkeit gibt es nicht umsonst. Aber die Vorteile, die wir dadurch haben, gleichen dies wieder aus. Hinzu kommt, die Kosten dieser Kraftanstrengung müssen gleichermaßen verteilt werden und können nicht von jenen erbracht werden, die es sich am wenigsten leisten können. Man sollte als Bürger nicht diszipliniert werden, wenn man sich kein E-Auto kaufen kann.
„Ich glaube, dass es die Vororte und Stadtrandlagen von dem Trend profitieren.“
Andrew Tuck

Der Homeoffice-Trend hat für viele Großstädter das Leben auf dem Land attraktiv gemacht. Ein Argument gegen die Stadt?
Eine pandemiebedingte Stadtflucht konnte man überall beobachten. Zwar schon vor der Pandemie, aber sie hat alles beschleunigt, selbst in Städten wie London und New York. Viele sind rausgezogen, um näher an der Natur zu sein und mehr Platz für sich und die Familie zu haben.
Ich glaube aber, dass es eher die Vororte und Stadtrandlagen von dem Trend profitieren und nicht die typischen ländlichen Regionen. Zeitgleich gibt es auch viele Menschen, die nur darauf warten, in die Stadt zu ziehen – beispielsweise Studenten, die endlich wieder zur Uni gehen.

Uns erwartet also ein Revival der Vororte?
Absolut. Auch mit Blick auf Kultur und Handel.

Vorort-Hype und Online-Boom. Welche Auswirkungen hat das auf die Fußgängerzonen und Innenstädte?
Man kann beobachten, dass die Frequenz in Metropolen wie London und New York immer noch nicht auf Vorkrisenniveau ist. Der Handel musste weltweit große Verluste hinnehmen. Die Pandemie hat in vielen Stadtzentren Leerstände erzeugt. Es wird dauern, bis diese Lücken wieder geschlossen sind. Luxuriöse Department-Stores wie Harrods, Selfridges oder Liberty können das besser wegstecken. Doch mittleres und unteres Segment sind nachhaltig erschüttert. Viele Konzepte sind in der Krise kollabiert.

Warum?
Ganz einfach, weil ihr Geschäftsmodell auf Masse und eine hohe Frequenz aufgebaut ist. Verkauft werden vergleichbare Basics zu einem oftmals sehr günstigen Preis.

Wird das Konsequenzen haben?
Ich glaube schon. Viele großformatige Handelskonzepte in teuren Lagen werden ihre Flächen und Immobilien umgestalten und beispielsweise einen Teil in Wohnungen oder Working-Spaces umwandeln. Das heißt aber nicht, dass ich an eine nachhaltige Ladenkrise glaube – diejenigen, die einen guten, außergewöhnlichen Job machen, werden weiter existieren.


Was macht aus Ihrer Sicht den erfolgreichen Retailer der Zukunft aus?
Sein Geschäft muss sich unterscheiden, einen USP haben, mit seiner Umgebung und seinem Umfeld verankert sein. Und natürlich muss er seine Kunden aus dem Effeff kennen und die Fähigkeit besitzen, sie zu überraschen. Das Problem ist, dass mittlerweile viele Innenstädte stark abhängig von Touristen geworden sind, die noch immer nicht zurückgekehrt sind.
„Viele Pure-Player haben mittlerweile auch Läden, weil ihnen bewusst geworden ist, wie wichtig eine physische Präsenz heutzutage ist.“
Andrew Tuck

Welche Rolle spielen Läden und Geschäfte in einer nachhaltigen, lebenswerten Stadt?
Eine große. Nun ja, ich rede jetzt nicht von austauschbaren, gesichtslosen Stores und Filialen. Aber wir sind uns doch einig, dass es großartige Läden gibt, die einen Ort überhaupt erst zu einem Anlaufpunkt machen und ihr ganzes Umfeld prägen. Das ist wunderbar. Vor allem Ladeninhaber kümmern sich um ihre Straße und ihre unmittelbare Umgebung. Ihnen ist es nicht egal, ob vor ihrer Tür ein Baum gefällt wird oder es zu viele Graffiti gibt.
Allein deswegen braucht die Stadt der Zukunft gute Stores und Händler, die mutig und erfinderisch sind und Menschen mit neuen Produkten konfrontieren. Viele Pure-Player haben mittlerweile auch Läden, weil ihnen bewusst geworden ist, wie wichtig eine physische Präsenz heutzutage ist.

Auch Sie haben ein Monocle-Café.
Richtig, wir haben es eröffnet, weil es ein physischer Ort ist, wo man in direkten Kontakt mit unserer Marke kommen kann. Und die Besucher geben uns ein Feedback. Es ist ein Dialog, der uns sehr wichtig ist.

Ihr Magazin steht für globalen Lifestyle. Reisen und Fliegen haben in der Pandemie stark nachgelassen, beides steht auch mit Blick auf den Umweltschutz in der Kritik. Wohin geht der Trend?
Ich glaube, die Lust auf Reisen wird nicht abnehmen. Das sehen wir auch an zwei Büchern, die wir während der Krise veröffentlicht haben. Das eine handelt über Japan, das andere über Italien. Beide gehören zu den am schnellsten und am besten verkauften Büchern. Ganz einfach, weil die Menschen nicht reisen durften.
Geschäftsreisen werden sicherlich auf einem niedrigen Niveau bleiben, viele haben die Vorteile von schnellen Videokonferenzen in der Pandemie kennengelernt. Wobei die Atmosphäre eines echten Meetings nicht ersetzt werden kann.

Vor kurzem haben Sie in Athen eine Konferenz zum Thema Lebensqualität veranstaltet – warum ausgerechnet Athen und nicht Kopenhagen?
Wir waren in letzter Zeit oft in Athen, dort liegt Aufschwung in der Luft. Der Wirtschaft geht es viel besser als noch vor ein paar Jahren. Viele gut ausgebildete Griechen, die während der Finanzkrise ausgewandert sind, kommen zurück. Auch die Kultur kommt dort in Schwung, es eröffnen viele neue Galerien und Institute.
Außerdem gibt es einen Trend, der griechisches Design und Handwerk propagiert. Sehen konnte man das beispielsweise auf dem Laufsteg bei Dior. In Athen lässt es sich relativ günstig leben, wohnen, es ist einfach, ein Unternehmen zu gründen und Geschäftsräume zu mieten. Die Stadt hat auch ein großes Potenzial an Fachkräften und in puncto Lebensqualität.


Welche Stadt, die Sie noch nicht kennen, werden Sie bald besuchen?
Ich habe viel Interessantes über Addis Abeba gehört.

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