#75JahreTW: Automobil-Manager Jürgen Stackmann

"Mehr als Stackmann brauche ich nicht"

James Cheadle
Automobil-Manager Jürgen Stackmann war im VW-Konzern Markenvorstand Volkswagen PKW.
Automobil-Manager Jürgen Stackmann war im VW-Konzern Markenvorstand Volkswagen PKW.

Automobil-Manager Jürgen Stackmann sieht Parallelen zwischen Auto- und Modehäusern. Gute Mitarbeiter auf der Verkaufsfläche hält er in beiden Branchen für unverzichtbar.

Helle Chino, hellblaues Hemd, blaues Sakko. Der groß gewachsene Manager Jürgen Stackmann (60) erscheint leger gekleidet und gut gelaunt zum Gespräch. Jürgen Stackmann? Die Assoziation zum gleichnamigen Modehaus in Buxtehude ist richtig. Er ist der jüngere Bruder von Dieter Stackmann (73), der zusammen mit seinem Sohn Fabian (34) das norddeutsche Einzelhandelsunternehmen betreibt. Der Name Stackmann hat nicht nur in der Fashion-Branche einen guten Klang. Aufmerksame Leser der Wirtschaftspresse kennen den Namen auch im Zusammenhang mit Automobilfirmen. Nach einer Banklehre in Hamburg und anschließendem BWL-Studium graduierte er mit einem Doppel-Diplom in Betriebswirtschaftslehre und Marketing. Danach entschied sich der Akademiker für die Autobranche, anstatt im elterlichen Unternehmen zu arbeiten.


Aus Aversion zum Modehandel? Stackmann lacht. „Keineswegs. Ich verstehe mich mit meiner Familie bestens und mag die Mode-Branche. Mit dem Modehaus bin ich ja aufgewachsen. Aber mit Dieter war die Führungsposition damals bereits schon sehr gut besetzt. Und ich habe es ja im Autosektor nicht schlecht getroffen“, sagt er schmunzelnd.

Den letzten Satz kann man als norddeutsches Understatement oder ironisch verstehen. Denn Stackmann hat eine glänzende Karriere gemacht. Er begann 1989 bei Ford, 2010 wechselte er zum Volkswagen-Konzern. Dort war Stackmann unter anderem Vertriebsvorstand von Skoda, CEO bei Seat und zuletzt in Wolfsburg Markenvorstand Volkswagen PKW mit Verantwortung für Vertrieb, Marketing und After Sales. Vor einem Jahr verließ er das Unternehmen.

Im Modehaus aufgewachsen

Wie hat er in der Kindheit das Modehaus Stackmann wahrgenommen? „Unser Wohnhaus befand sich gegenüber des Geschäfts. Wir Kinder sind zum Teil im Modehaus aufgewachsen, und wie das in Familienunternehmen so ist, wurde über Mode, Modehandel, Kunden und Mitarbeiter von früh bis spät gesprochen. Als Unternehmer gibt es halt keine echten Pausen – man ist dann auch als Kind immer irgendwie ‚on duty‘.“

Durch das elterliche Unternehmen kenne er den Multilabel-Modehandel relativ gut und sehe zum Teil Parallelen zur Automobilbranche. Welche das seien? Die Mitarbeiter beispielsweise. Sie seien in beiden Branchen enorm wichtig. Ein Autohaus müsse heute ebenso wie ein Modehaus eine Dachmarke sein. Die Mitarbeiter im Verkauf und Service seien beim Kontakt mit den Kunden Repräsentanten des Unternehmens. Der persönliche Kontakt sei ein wichtiger Baustein zum Aufbau einer langjährigen Kundenbeziehung und ein wesentlicher Baustein des Einkaufserlebnisses. „Nicht nur bei Stackmann, auch in vielen anderen guten Modehäusern bestehen langjährige, fast freundschaftliche Kontakte zwischen Verkaufsmitarbeitern und Kunden. Ein modernes erfolgreiches Modehaus bietet ein Gesamterlebnis und eine persönliche kompetente Beratung – das sind die zwei Hauptgründe dafür, stationär und nicht online einzukaufen.“

In Autohäusern sei das aber wohl noch die Ausnahme, wendet er ein. Als Kunde stehe man zu häufig noch allein in pompösen Gebäuden und sehe allenfalls geschäftig tuende Leute in Büros hinter Glasscheiben. Stackmann leugnet das nicht. „Ja, das kommt zuweilen vor. Gibt es aber im Modehandel auch. Das sind schlecht geführte Häuser in beiden Branchen, die in nächster Zukunft durch den stärker werdenden Wettbewerb und die sich ändernden Vertriebswege unausweichlich aus dem Markt ausscheiden werden.“

Vertriebswege und Erlebniswelten

Wir sprechen über Vertriebswege. Im Modehandel hat sich die Umverteilung vom stationären Handel zum Online-Vertrieb durch die Corona-bedingten Lockdowns beschleunigt. Bahnt sich das auch beim Autoverkauf an? „Die Entwicklung gibt es bereits seit Jahren. Autokäufer informieren sich schon jetzt fast zu 100 % intensiv online. Der Handel mit Gebrauchtwagen hat sich schon stark auf Internet-Plattformen verlagert. Immer mehr Kunden kaufen Gebrauchtwagen inzwischen, ohne sie live gesehen zu haben, und lassen sich ihr Fahrzeug liefern. Bei den Neuwagen überwiegt noch das Live Erlebnis“, sagt Stackmann. Werden Autohäuser dadurch überflüssig? „Nein, das denke ich nicht. Ich sehe da eine Parallele zu Modehäusern. Die wird es auch bei weiter steigendem Online-Anteil noch geben. Doch Autohäuser werden sich ebenso wie Modehäuser weiter verändern müssen. Sie werden zu Schnittpunkten zwischen der realen Welt und dem Internet und müssen persönliche Erlebnisse bieten, die es halt online nicht gibt.“

Mit Hilfe von Verkaufsmitarbeitern? „Auch. Sicher kann man im Internet Produkte hervorragend und emotional präsentieren. Letztlich aber brauchen wir den Verkäufer, der im Autohaus ebenso wie im Modehaus den Kunden berät und schließlich in seiner Kaufentscheidung bestärkt und sinnvoll ergänzt.“

Ob er sich vorstellen könne, dass ein guter Verkäufer im Modehaus auch ein guter Automobilverkäufer sei? „Aber ja, da sehe ich kein Problem. Die Kernkompetenz von Verkäufern ist es, Spaß zu haben am Umgang mit Menschen. Fachwissen kann man auf Schulungen erwerben.“ Ob Autohäuser bei zunehmendem Bedarf an guten Verkäufern zu Wettbewerbern von Modehäusern werden? „Ja, theoretisch vielleicht. Der Wettbewerb um wirklich begeisternde und kompetente Verkäufer und Berater läuft ja branchenübergreifend. Allerdings habe er aber noch nicht gehört, dass die Autobranche gezielt aus einem Modehaus abgeworben hat – könnte aber eine gute Idee sein!“, sagt der Manager lachend.

Stackmann hat im Laufe seiner Karriere in vielen europäischen Ländern gelebt. Gibt es ein Modegeschäft, in dem er besonders gerne einkauft? „Beruflich habe ich fast ausschließlich Anzüge getragen. Privat mag ich es gepflegt leger. Ganz ehrlich, mehr als Stackmann brauche ich nicht. Das heimische Kaufhaus war immer meine First Choice!“

stats