#75JahreTW: Künstler Stefan Sagmeister

Aufstand gegen alles Schwarze und Graue

James Braund
Stefan Sagmeister ist vieles: Grafikdesigner, Typograf, Künstler. Er selbst bezeichnet sich als Designer. Der gebürtige Österreicher lebt und arbeitet in New York.
Stefan Sagmeister ist vieles: Grafikdesigner, Typograf, Künstler. Er selbst bezeichnet sich als Designer. Der gebürtige Österreicher lebt und arbeitet in New York.

Prädestiniert für diese TW, weil er sich als Künstler wie jeder Mode-Schaffende mit dem Verständnis von Ästhetik beschäftigt. Aber auch, weil seine familiären Bande in die Branche reichen. Ein kreativer Austausch mit Stefan Sagmeister.

Wenn ich meine berufliche Tätigkeit mit ein paar Schlagworten beschreiben sollte, dann wäre das so, dass ich versuche, Dinge zu gestalten, die den Betrachter/innen entweder helfen oder sie erfreuen. Wenn sie beides tun, dann ist mir etwas Gutes gelungen.

Der Versuch, die Herzen der Benutzer mit Design zu berühren, ist immer eine gute Idee.

Schönheit ist für mich
eine Kombination von Gestalt, Farbe, Materialität, Komposition und Form, die meine ästhetischen Sinne anspricht, speziell mein Sehen.

Mode ist für mich eine der schwierigsten angewandten Kunstformen für die Gestalter/innen, weil sie sich eng am Körper abspielt und dadurch multiple persönliche Aspekte des Benutzers mit einfließen müssen. Nur Schmuck ist noch schwerer, weil der noch enger am Körper ist.

Kunst bedeutet für mich die Möglichkeit, eine neue, eigene Welt aufzubauen, dem Publikum die Möglichkeit zu geben, diese Welt zu erfahren und sie mit der eigenen, erfahrenen Welt zu vergleichen. Wenn die Kunst gut ist, kann dieser Vergleich das eigene Leben bereichern.

Meinen eigenen Kleidungsstil würde ich beschreiben als einen Kampf gegen die Farbphobie, als Aufstand gegen alles Graue und Schwarze.

Auf diese drei Kleidungsteile kann ich in keinem Fall verzichten: Auf meinen Mantel mit der Libelle von Valentino, die verlängerte Jeansjacke von Junya Watanabe und die Unterhosen von Mack Weldon.

Der Look von dem kleinen New Yorker Label Bode fasziniert mich, weil fast jedes Teil ein Einzelstück ist und die Aufmerksamkeit und Liebe, die die Designerin in jedes Stück steckt, in den Endresultaten immer noch ganz klar erkennbar sind.

Die Ära, in der wir jetzt gerade, in diesem Moment, leben, finde ich besonders spannend, weil sie in vielen Fällen viel besser ist als jede Ära in der Vergangenheit. Wir sind uns alle darüber einig, dass das Leben besser ist als der Tod, gesund zu sein besser ist, als krank zu sein, wir sind lieber satt als hungrig, es ist feiner, in einer Demokratie zu leben als in einer Diktatur. All diese Dinge wurden gemessen, und alle sind heute im Durchschnitt viel besser als früher. Da gibt es die einfachen Dinge wie das grauenhafte Essen im Österreich der 70er Jahre, da kann ich mich selbst noch daran erinnern: schrecklich fettige Wiener Schnitzel mit dem schlimmsten Kartoffelsalat. 100 Jahre davor gab es für 90% der Bevölkerung überhaupt nur Grießbrei und Kartoffeln. Keine Orangen, kaum Früchte, nichts Frisches – weil ohne Kühlschränke.

Kunst und Mode sind sich so ähnlich, weil sie beide – was deren Markt anbelangt – von der Qualität des Brandings abhängig sind. Bei einem täglichen Produkt wie Butter oder Mehl ist die Markenversion vielleicht doppelt so teuer wie die nicht gebrandete Version. Bei einer Damenhandtasche kann das 40 Mal so teuer werden – die 8000 US-Dollar Hermès-Version versus die 200 US-Dollar Kopie derselben. Der zeitgenössische Kunstmarkt erreicht hier eine Spitze mit der 91 Mio. US-Dollar Jeff Koons Balloon Dog versus der 2000 US-Dollar Kopie – und ist damit gut 40.000 Mal so teuer.

„Mein bestes Cover, weil es die Emotion der Musik ziemlich genau trifft.“
Stefan Sagmeister
„Mein bestes Cover, weil es die Emotion der Musik ziemlich genau trifft.“
Musik und Mode sind so unterschiedlich, weil die Musik so viel wunderbarer und emotionaler ist als die Mode.

Das Modebild in meiner Wahlheimat New York würde ich so beschreiben: Jeder zieht an, was er will, und allen anderen ist es egal.

Das Modebild in meiner Heimat Bregenz würde ich indes so beschreiben: Jeder wählt das konservativste Teil der maximal sich noch leistbaren Marke, die ein gut sichtbares, aber dezent angebrachtes Logo aufweisen kann. Allen anderen ist das egal.

Als Modedesigner faszinieren mich: Rei Kawakubo, Emily Adams Bode, Pierpaolo Piccioli.

Ich kenne die TextilWirtschaft durch meine Eltern, die ein Kleidergeschäft hatten, das in der Zwischenzeit von meinen Brüdern, Schwägerinnen und Neffen geführt wird.

Ich assoziiere mit der TextilWirtschaft das Büro meines Vaters.

Wenn ich ein Cover für die Jubiläumsausgabe der TextilWirtschaft entwerfen sollte, dann würde das in etwa so aussehen: Ahh, ich nehme seit zwei Jahren keine kommerziellen Aufträge mehr an und habe deshalb leider keine Ahnung, wie dieses Cover aussehen würde.

Die künstlerischen Arbeiten von James Turrell inspirieren mich, weil sie mit relativ minimalen Mitteln unglaubliche Schönheit erreichen. Ich war vor einigen Wochen in seinem Skyspace in Lech in Österreich und war, obwohl ich schon mindestens ein Dutzend Mal davor dort war, wiederum absolut hingerissen.

Ein Album, das ich mir immer wieder anhören kann, ist „Push the Sky Away“ von Nick Cave & The Bad Seeds. Aber da gibt es noch viele, viele andere auch...

Mein Lieblingsalbum einer vergleichsweise unbekannten Künstlerin ist derzeit „Ecstasy in the Shadow of Ecstasy“ von Michelle Gurevich.

Das beste CD-Cover, das ich bisher entworfen habe, ist das „Feelings“-Cover für David Byrne und das Boxset „Once in a Lifetime“ für die Talking Heads, weil beide die Emotion der Musik ziemlich genau treffen.

Wenn ich nicht als Designer tätig wäre, dann als eine andere Art von Designer, vielleicht Mode oder Produktdesign.

Ich komme zu neuer Inspiration, wenn ich beim Reisen arbeite. Ich beantworte diese Fragen aus einem gerade frisch bezogenen Apartment in Mexico City – hier funktioniert die Inspiration ausgezeichnet.

Mein Lieblingsort in New York ist mein Schlafzimmer, weil dort circa 75 Gemälde hängen, die in meinem Leben Wichtigkeit erlangt haben und mit einer weiten Aussicht über ganz New York konkurrieren.

Der einfachste Weg, um glücklich zu sein, ist, glücklich geboren zu werden. Circa 50% von dem, was uns glücklich macht, ist in unserer DNA verankert. Darüber hinaus funktioniert für mich tägliche, morgendliche körperliche Anstrengung sehr gut. Das war für mich früher Joggen und wurde jetzt durch die Virtual Reality-App Supernatural ersetzt. Leider ist dieselbe wegen der vertrottelten Musikrechte nur in den USA erhältlich.

Auf der Wunschliste meiner Reisedestinationen steht Uruguay ganz oben weil’s derzeit in Lateinamerika überall vor guten Ideen brodelt und es mir in Mexico, Guatemala, Costa Rica, Ecuador, Kolumbien, Chile, Peru, Argentinien und Brasilien auch schon so gut gefallen hat.

Mit dieser/diesem Celebrity würde ich mich liebend gerne mal einen Abend lang austauschen: Nick Cave, weil er gute Musik macht und ein gutes Herz hat.

In Zukunft muss sich Mode in diese Richtung entwickeln: Viel weniger Teile und die wenigen viel sorgfältiger gestaltet und produziert – das würde ich mir wünschen. Wer nicht glaubt, dass das die richtige Richtung ist, sollte sich bitte vor Augen führen: Nokia hatte Hunderte Modelle pro Jahr, Apple drei. Wo ist Nokia?

Zum Jubiläum der TextilWirtschaft haben wir ganz bewusst den Austausch mit denen gesucht, die sich nicht inmitten der Mode bewegen – aber der Mode viel zu sagen haben. Mehr Porträts und Interviews finden Sie hier. Die gesamte Ausgabe: Jetzt im E-Paper lesen

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