Be fast or be last

Standert Bicycles

Sind Rennräder die neuen Sneaker? Max von Senger ist mit seiner Berliner Radmarke Standert Bicycles Impulsgeber einer wachsenden Community, die ihre Wattzahlen genauso im Blick hat wie die Farbe der Jerseys und die Länge der Socken.

Wissen Sie, was ein Drop Ride ist? Es handelt sich um eine Rennrad-Gruppenausfahrt, bei der ein (sehr) hohes Tempo gefahren wird. Wem die Kraft ausgeht, der wird zurückgelassen, gedroppt. Ein bisschen wie ein informelles Rennen.

Jeden Donnerstag geht so ein Drop Ride vom Showroom der Radmarke Standert Bicycles in Berlin aus. Das Prinzip ist: Jeder darf mitfahren, aber nicht jeder kann mithalten. Was bitter klingt, macht auch den Reiz des Ganzen aus.

Max von Senger, Gründer und Inhaber von Standert Bicycles in Berlin
Max von Senger, Gründer und Inhaber von Standert Bicycles in Berlin
Standert Bicycles
"Wenn man Bock hat, kommt man jede Woche und versucht es immer und immer wieder", sagt Gründer und Inhaber Max von Senger. "Wir hatten schon Leute, die den Kurs über zwei Jahre gefahren sind und dann irgendwann richtig stark wurden." Inklusiv auf der einen Seite – jeder kann kommen. Exklusiv, mit keinem Geld zu bezahlen, auf der anderen Seite – nicht jeder kommt mit.

Was man mit Geld jedoch schon kaufen kann (wenn auch aufgrund stockender Supply Chains aktuell mit absurd langen Lieferzeiten), ist ein schnelles Fahrrad. Das fährt den Drop Ride zwar nicht von alleine, kann aber helfen, im Feld zu bleiben. Von Senger ist mit Standert Bicycles seit neun Jahren im Genre der schnellen Fahrräder aktiv – und so wichtiger Dreh- und Angelpunkt einer dynamischen, vielfältigen und wachsenden Szene geworden.
Treffpunkt für die Szene: Der Showroom von Standert in der Berliner Friedrichstraße.
Treffpunkt für die Szene: Der Showroom von Standert in der Berliner Friedrichstraße.
Standert Bicycles


Gestartet als Berliner Bike-Space mit Fokus auf Single Speed-Rädern, ein bisschen vielleicht vergleichbar mit einem Bike-Café und Workshop wie Look Mum No Hands in London, wurde aus dem Konzept nach und nach eine eigenständige Radmarke.

Zunächst war die Adresse vor allem wichtiger Fixpunkt für die Berliner Radkurier- und Fixed Gear-Szene. "Die Philosophie des Ladens hat sich eher an einem Skate-Shop orientiert", sagt von Senger. Treffpunkt für Gleichgesinnte, Laden fürs Equipment, Ort für den Espresso und das Bier vor, nach oder zwischen Touren. Oder, wie Max von Senger sagt: "Ein Ort, an dem man abhängt und sein Ding macht."
Zwischen Tattoo und Trikot passt kein Blatt. Schon gar nicht das große. So mögen es Roadbike-Ästheten.
Zwischen Tattoo und Trikot passt kein Blatt. Schon gar nicht das große. So mögen es Roadbike-Ästheten.
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Von Senger ist studierter Designer und hat seine Liebe zum Rennrad über die Gestaltung entdeckt. Während des Studiums, entwarf er sein erstes Rad, mit dem er den Grundstein für die heutige Marke legte, obwohl das in der Ausprägung nicht genau so geplant war. Schließlich ging es um die Szene, ums Radfahren und den kreativen Austausch.

Vom Fixie zum Rennrad

Wöchentliches Highlight im Standert-Kosmos der ersten Tage waren informelle Radrennen von U-Bahn-Station zu U-Bahn-Station unter der Headline AGW – Any Given Wednesday. Kaum Regeln, stattdessen Kräftemessen nach dem Prinzip: Be fast or be last.

Zunächst wurde mit Fixies gefahren, später auf Rennräder umgeschwenkt. Inzwischen ist Standert aus den DIY-Anfängen herausgewachsen, längst auch über die Filterblasen von "Die Hard"-Großstadt-Radfahrern hinaus bekannt, mit international wachsender Anhängerschaft. Deutschland und die deutschsprachige Region sind die stärksten Märkte, inzwischen werden aber auch in den USA, in Asien und Australien Bikes der Marke gefahren, obwohl es außer dem Showroom in Berlin und dem Webshop noch keine eigene Vertriebsstruktur gibt.

Keine Kompromisse

Dass Standert trotz Wachstums eine hohe Glaubwürdigkeit in der Community hat, verdankt die Marke ihrer Historie und der klaren Philosophie bei Produkt, Vertrieb und Kommunikation sowie dem Engagement in der Szene. Trends werden auch mal bewusst ignoriert (E-Bikes), aber auch schnell aufgegriffen und konsequent bespielt (Gravel-Bikes). Es gilt noch das Bike-Shop-Motto: Sein Ding machen. Dass das Unternehmen bisher unabhängig und ohne Investoren arbeitet, dürfte ebenfalls ein Grund dafür sein.

Die Räder von Standert tragen eingängige Namen - wie das Gravel-Modell "Erdgeschoss".
Die Räder von Standert tragen eingängige Namen - wie das Gravel-Modell "Erdgeschoss".
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Der Fokus von Standert liegt auf hochwertigen Rädern mit Stahlrahmen. Dazu muss man wissen: Stahl gilt unter vielen leistungsorientierten Radfahrern als Liebhaber-Werkstoff. Gerade im Bereich Rennrad ist Carbon für viele das Maß der Dinge. Dass es aber eben Stahl statt Carbon ist, aus dem Standert seine Rahmen fertigen lässt, liegt an der Design-Philosophie und dem persönlichen Geschmack von Max von Senger, der die Entwicklung der Räder verantwortet. "Mir gefallen Optik, Haptik und auch Eigenschaften wie die Elastizität von Stahl als Rahmenmaterial einfach besser als die Plastik-Anmutung von Carbon."

Auch aus Nachhaltigkeits-Sicht spricht mehr für Stahl als für Carbon, so Senger. Stahl lässt sich in der Regel einfach und besser reparieren und zudem am Ende des Lebenszyklus auch wieder recyceln. "Tatsächlich ist es so, dass bereits ein hoher Anteil des Stahls, der aktuell im Umlauf ist, ohnehin schon recycelt ist", sagt von Senger. Ein Carbon-Rahmen, der einen Knacks abbekommen hat, gilt in der Regel wiederum als verloren und muss komplett ausgetauscht werden.

Weiteres Markenzeichen von Standert sind zudem aufwendige Lackierungen. Releases werden regelmäßig um Limited Editions bei den Colourways ergänzt.

Von Senger richtet sich mit Standert ans Premium-Genre, jedoch noch deutlich unterhalb des kompletten Luxusbereichs, in dem Fahrräder so viel wie Kleinwagen kosten. Preise für Kompletträder (es werden auch Rahmensets verkauft) bewegen sich je nach Modell und Ausstattung im mittleren vierstelligen Bereich. Wem das viel vorkommt, der sollte wissen, dass die preislichen Grenzen im Radmarkt nach oben offen sind. Also: Standert ist vielleicht nicht gerade etwas für Einsteiger, aber auch keine Summe, die Radbegeisterte abschrecken würde.

Im Gegenteil. Schon vor den aktuellen pandemiebedingten Lieferschwierigkeiten der Bike-Branche war die Nachfrage nach den Rädern der Marke mitunter höher als das Angebot, waren Modelle schon kurz nach dem Release ausverkauft. Mechanismen, die mehr an das Sneaker-Business erinnern als an das durchschnittliche Geschäft mit Sportgeräten bzw. Fortbewegungsmitteln.
Bikes bauen - und sie auch selbst fahren. Das gehört zur Philosophie von Standert.
Bikes bauen - und sie auch selbst fahren. Das gehört zur Philosophie von Standert.
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Schelle Fahrräder, schnell ausverkauft

So folgt der Vertrieb nun auch neuen Wegen. Ende September dieses Jahres etwa gab es für den Re-Stock eines Gravel-Modells eine einwöchige Pre-Sale-Phase, die ausschließlich registrierten Kunden vorbehalten war. So sollten loyale Follower der Marke bessere Chancen bekommen, ein Bike zu ergattern.

Einige Rahmengrößen waren dann nach Ablauf der Phase bereits ausverkauft, bevor auch nicht registrierte Nutzer zugreifen konnten. Be fast or be last. Das Kaufverhalten ändert sich auch im Rad-Business rasant: Kunden kaufen ihre Räder, ohne sie vorher zig Mal probegefahren zu haben, paypalen 5000 Euro für ein Modell, das erst Monate später ausgeliefert wird.

Anbieter wie Canyon und Rose Bikes, die fast ausschließlich auf digitalen Direktvertrieb setzen, gelten hier als wichtige Wegbereiter. Die Pandemie hat der Entwicklung hin zum Online-Kauf noch einmal einen deutlichen Schub gegeben.

Rennradfahrer lieben Zahlen und Daten

Möglich macht das jedoch auch die hohe Technik-Affinität der Zielgruppe. Daten zu Rahmengeometrie, Übersetzungsverhältnisse von Kettenblättern und Ritzelpaketen werden in Onlineforen und Sub-Reddits leidenschaftlich diskutiert.

Trotz hoher Nachfrage verfolgt von Senger weiterhin den Weg begrenzter Stückzahlen und des selektiven Vertriebs. So läuft der Verkauf bisher ausschließlich über den Berliner Showroom sowie die Website.

Den Vertrieb auf Wholesale auszuweiten, ist entsprechend nicht geplant. Man arbeite allerdings gerade an einem neuen Konzept-Format "mit einer Handvoll Partnern, um international neue Touchpoints aufzubauen", sagt von Senger. Bisher ballt sich noch vieles rund um den Heimatmarkt, hier liegt gutes Potenzial.
Besondere Colourways, auch als limitierte Auflage, sind eines der Markenzeichen von Standert.
Besondere Colourways, auch als limitierte Auflage, sind eines der Markenzeichen von Standert.
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Pfadfinder trifft Erdgeschoss

"Uns war immer wichtig, organisch zu wachsen", sagt von Senger mit Blick auf die Expansionspläne. Inzwischen arbeiten inklusive ihm und seiner Frau Anna, die Co-Gründerin ist, fast 20 Menschen für das Unternehmen. Auch nach neun Jahren ist der Modellpark indes noch überschaubar. Im Hauptsortiment gibt es zwei Rennräder (sie heißen "Triebwerk" und "Kreissäge"), zwei Gravel Bikes ("Erdgeschoss" und "Pfadfinder") und seit diesem Spätsommer auch das Commuter-Modell "Bürgermeister*in", das speziell für den vielseitigen Einsatz, vom Pendeln zur Arbeit bis hin zur mehrtägigen Radreise mit Packtaschen, entwickelt wurde.

Die Einführung neuer Modelle (oder die Nachbestückung ausverkaufter Räder im Shop) wird über Newsletter, die fast nur in solchen Ausnahmefällen verschickt werden sowie Social Media Posts, insbesondere auf Instagram, angeteasert. Standert betreibt nur sehr zurückhaltendes Marketing, engagiert sich jedoch in der Community und hält sie für Neueinsteiger offen.

Um weniger erfahrenen Rad-Fans eine Plattform zu geben, gibt es neben dem Eingangs erwähnten anspruchsvollen Drop Ride auch eine regelmäßige, etwas gemütlichere Runde am Wochenende.

Am anderen Ende der Performance-Scala, im organisierten Wettkampf, ist die Marke ebenfalls dabei und stattet ein eigenes Team aus, das auf Amateur-Niveau erfolgreich unterwegs ist – und so auch für weitere wichtige Bilder sorgt.

Der Team-Auftritt zahlt nicht nur in Sachen Performance-Credibility auf die Marke ein, sondern ist auch styletechnisch relevant. Wer bei den Fahrern genauer hinschaut, sieht, dass die Trikots einen Kontraststreifen am linken Ärmel haben. Ein Element, das längst auch in der Fashion-Branche dechiffriert werden kann: Die Trikots sind von Rapha. Die aktuell wohl angesagteste Bekleidungsmarke im Radsport ist Partner des Teams. Und auch darüber hinaus gibt es Verbindungen zwischen den beiden Brands.

Teamfahrer von Standert fahren als Ride Leader beim Berliner Ableger von Rapha, führen Club-Ausfahrten an. Entsprechend prominent sind deren Standert-Bikes auch vor Ort und in den Social Media-Aktivitäten von Rapha zu sehen – denn die Ausfahrten der einzelnen Rapha-Clubheime (wie die Stores genannt werden), werden stets auf Instagram dokumentiert.

Rapha, 2004 gegründet, gilt dabei als sichere Coolness-Bank. „Rapha hat Radfahren ganz sicher stylischer gemacht“, sagt von Senger. Im Fahrtwind der Briten haben es weitere Cycling-Brands ins Feld der Cool Kids geschafft (sowie ins Sortiment von Fashion-Händlern wie Mr Porter oder Asphaltgold). Pas Normal Studios, MAAP, Café du Cycliste und Fingerscrossed sind Namen, die man an modischen Bikern häufiger zu sehen bekommt.

„Die Überschneidung der Communities von Rapha und Standert ist relativ groß“, sagt auch von Senger. Und die Design-Affinität dieser Communities ist ausgesprochen hoch. Das zeigt ein Blick ins Fahrerfeld, in dem (modische) Codes und Verhaltensweisen bewusst eingesetzt werden.

Eine Auswahl: Eine Klingel hat am Lenker nichts zu suchen. Ein Radcomputer, der mehr anzeigt als die gefahrenen Kilometer, der navigieren und Statistiken ausspucken kann, hingegen schon.

Bei Hosen ist die Farbe der Wahl schwarz. Auffällige, deutlich über den Knöchel reichende Socken gehören zum guten Ton. Radbrillen dürfen richtig groß sein. Natürlich vor allem wegen der besseren Funktion (bessere Aerodynamik, kein eingeschränktes Sichtfeld durch störende Rahmen), ein bisschen sicherlich aber auch wegen des markanten Looks. Wenn die Shades gerade nicht auf der Nase sitzen, ist ihr korrekter Platz in den Lüftungsschlitzen des Fahrradhelms – und zwar verkehrt herum hereingesteckt. Die Trikots sitzen hauteng (Ausnahmen gibt es wohl beim Graveln im Wald, wo karierte Flanellhemden eine Fangemeinde haben), hin und wieder vielfarbig als Colourblock, in der Tendenz aber clean und abgeräumt, wie die federleichten Rennräder. Wer am Clubhouse oder Showroom vor oder nach einer Tour mit seinem Rad herumlungert, der setzt sich nicht auf den Sattel, sondern vorne auf die Stange. Man kennt die Pose von der Tour de France oder anderen Rennen, bevor eine Etappe losgeht. Rucksäcke sind auf Rädern mit Drop-Bar bzw. Rennradlenker darüber hinaus verpönt, alles notwendige sollte in den hinteren Trikottaschen Platz finden.

No Cutting Corners - wir wollen keine Abkürzungen
Max von Senger, Standert Bicycles

Die Ästhetik-Codes der Biker hören nicht bei der Bekleidung auf. Wer sein Fahrrad fotografiert, etwa um es auf Instagram zu präsentieren (wenn es neu ist häufig unter dem Hashtag #NBD oder #newbikeday), tut gut daran, die rechte statt der linken Seite des Fahrrades in Szene zu setzen. Sonst ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man in den Kommentaren darauf hingewiesen wird. Der Grund: rechts am Rad ist der Blick frei auf die spannenden Komponenten wie Kurbel mit Zahnkranz, Schaltwerk und Umwerfer. Außerdem gern gesehen: die Laufräder an den Ventilen gleichmäßig auf 6 Uhr auszurichten. Man merkt: Die Szene hat Freude an ästhetischen Details.

Standert-Chef Max von Senger: "Rapha hat Radfahren ganz sicher stylischer gemacht."
Standert-Chef Max von Senger: "Rapha hat Radfahren ganz sicher stylischer gemacht."
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Und: Damit nicht nicht der Eindruck entsteht, die progressive Radler-Klientel unterwerfe sich einem strengen Regelwerk, gehört es ebenso zum guten Ton, diese Regeln bewusst zu brechen. Denn insbesondere Regularien des Radsport-Dachverbands UCI, der u.a. auch die Sockenlänge bei Rennen vorgibt, werden in der Szene regelmäßig verspottet.

Standert beherrscht die Klaviatur der Codes und Zeichen blind. Und ist dabei, das aktuelle Momentum des Radbooms weiter zu nutzen. Auch bei Bekleidung will Max von Senger stärker mitmischen. Bisher gab es zwar schon Trikots, Hosen sowie Merch-Produkte wie Logo-T-Shirts und -Sweater. Künftig soll das Angebot jedoch neu aufgestellt werden.

"Wir haben vor einiger Zeit noch einmal genau geschaut, wie wir unsere Firmenphilosophie definieren, unsere Werte, was der Grund ist, auf dem wir stehen", sagt von Senger. Herausgekommen ist: "No Cutting Corners", sprich: "Wir wollen keine Abkürzungen nehmen, nichts auf die Schnelle aufsetzen, sondern unserem hohen Anspruch an Qualität und Langlebigkeit bei allem, was wir machen, gerecht werden."

Der Autor fährt selbst mit großer Freude Rad und verfolgt in seiner Freizeit interessiert Diskussionen auf Reddit zu Themen wie "700C or 650B" oder "Why do people use 550ml bottles?".
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