#75JahreTW: Referentin für Mädchen*politik und Kultur Linda Kagerbauer

"Sich immer toll finden zu müssen, erhöht den Druck"

Katharina Dubno
Linda Kagerbauer ist Referentin für Mädchen*politik und Kultur in Frankfurt am Main. Aufgrund ihrer Arbeit mit Mädchen wünscht sie sich, "dass die Modebranche sich intensiv damit auseinandersetzt, auf welche Bilder sie zurückgreift und welche Bedeutung das hat".
Linda Kagerbauer ist Referentin für Mädchen*politik und Kultur in Frankfurt am Main. Aufgrund ihrer Arbeit mit Mädchen wünscht sie sich, "dass die Modebranche sich intensiv damit auseinandersetzt, auf welche Bilder sie zurückgreift und welche Bedeutung das hat".

Wie viel Luft nach oben hat das Thema Female Empowerment in der Modebranche? Linda Kagerbauer arbeitet im Frauenreferat in Frankfurt am Main und findet: viel.

"Ich trage, was ich will" steht auf den pinken T-Shirts, die die Mädchen anlässlich der Kundgebung am internationalen Mädchentag, der jedes Jahr am 11. Oktober gefeiert wird, auf der Frankfurter Zeil tragen. Auch Aufkleber gibt es, für die sich die Mädchen Sprüche überlegt haben, etwa "I love my body" und "Ich bestimme, wen ich liebe!". In Frankfurt wird der Mädchen*tag – das Sternchen soll aufzeigen, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt und all diejenigen miteinbeziehen, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen können oder wollen – seit 2012 regelmäßig von diversen Trägern und Einrichtungen in Frankfurt organisiert, darunter auch das Frauenreferat.

Dort arbeitet Linda Kagerbauer. Die Referentin für Mädchen*politik und Kultur setzt sich für Female Empowerment ein. Ihr Ziel: Mädchen* sollen selbst über ihren Körper und das eigene Schönheitsbild bestimmen. Und Strukturen aufdecken, die versuchen, eine bestimmte Vorstellung von Schönheit zu indoktrinieren oder bestimmte Gruppen diskriminieren.

Auch in der Modebranche scheint in den vergangenen Jahren ein Wandel eingesetzt zu haben. Im Januar 2018 hat H&M eine Global Diversity Chefin ernannt – als Reaktion auf einen Shitstorm, den die Schweden für ein misslungenes Werbemotiv geerntet hatten, auf dem ein schwarzer Junge einen Pullover mit der Aufschrift "Coolest monkey in the jungle" trägt. Andere Unternehmen zogen nach. 2019 schufen etwa Chanel, Gucci sowie der Mutterkonzern Kering und Burberry ähnliche Posten. 2020 folgten unter anderem Prada und Levi Strauss dem Beispiel. Im gleichen Jahr gab auch Hugo Boss bekannt einen Head of Diversity & Inclusion zu suchen. Im April dieses Jahres wurde die Stelle schließlich mit Rashmi Verma besetzt.

Doch nicht nur durch die neu geschaffenen Stellen wollen die Unternehmen zeigen, dass sie für Vielfalt und Toleranz stehen. Seit Dove 2004 eine Kampagne lanciert hat, in der verschiedene Körperformen gezeigt wurden, bilden auch immer mehr Modelabels unterschiedliche Körper ab, von Plus Size- bis zu Best Ager-Models. Tommy Hilfiger hat seit 2016 mit der Adaptive Collection eine Linie, die speziell für Menschen mit körperlichen Einschränkungen eingeführt wurde. Selbst die Bodywear-Marke Victoria's Secret, die mit den berühmten Victoria's Secret Angels jahrelang ein bestimmtes Schönheitsideal propagierte, engagierte vor zwei Jahren erstmals ein Transgender- und ein Plus Size-Model. Und auch den Pride Month nutzen immer mehr Anbieter, um eine Kampagne zu lancieren oder Unisex-Kapseln zu promoten.

Über Widersprüche reden

Wie kommt das bei Linda Kagerbauer an, die sich permanent mit der Selbstwahrnehmung von Mädchen beschäftigt? "Es macht einen Unterschied für queere und Trans*mädchen, für schwarze Mädchen* oder für Mädchen*, die einen Hijab tragen, ob sie abgebildet werden und sich repräsentiert fühlen", meint Kagerbauer, weshalb sie Diversitätskampagnen grundsätzlich positiv gegenübersteht. In ihrer persönlichen Arbeit ist es ihr dennoch wichtig, mit den Mädchen auch über Widersprüche zu reden. Etwa darüber, dass Transmenschen im Alltag noch immer Diskriminierung erfahren – auch wenn 2021 ein Transgender-Model Germany's Next Topmodel gewonnen hat. "Den Mädchen* wird einerseits erzählt, dass sie alles werden und erreichen könnten", findet Kagerbauer, "aber andererseits sehen sie, dass bestimmte Körperbilder, nämlich weiß, schlank und nicht-behindert, Anerkennung finden und streben danach." Sie versucht daher den Mädchen zu zeigen, dass ihr Empfinden, also etwa Wut über blöde Bemerkungen, okay ist. In Workshops können die Mädchen außerdem ihren Blick schulen, um zu erkennen, dass auch vermeintlich Authentisches oft mit Photoshop bearbeitet wurde und gar nicht so perfekt ist, wie es zunächst scheint.

Um authentisch zu sein, reicht es ihrer Meinung nach demnach auch nicht, einen Monat lang bunte Flaggen aufzuhängen und neue Posten in den Unternehmen zu schaffen. Kagerbauer wünscht sich stattdessen, dass "die Modebranche sich intensiv damit auseinandersetzt, auf welche Bilder sie zurückgreift und welche Bedeutung das hat, um wirklich etwas zu verändern." Und das kann ihr zufolge nur gelingen, wenn die Verantwortlichen sich in dieser Richtung fortbilden und viel mehr Frauen und Mädchen an den Kampagnen und Kollektionen der Labels beteiligt würden, etwa indem sie in Workshops dazu befragt werden, was sie eigentlich gerne hätten. Die Unternehmen müssten verstehen, wie tief das Gefühl bei den Mädchen sitzt, nicht gut genug zu sein, und wahrnehmen, dass es um existenzielle Fragen geht. "Gerade Mädchen* lernen, dass ihr Körper immer betrachtet und kommentiert wird", gibt die Kulturreferentin zu bedenken. Wenn man durch eine Fotostrecke eines Labels über Diversität ins Gespräch kommt, vielleicht sogar eine Diskussion angestoßen wird, sei bereits etwas gewonnen.

Veränderung von Körpernormen

Dass über Instagram  &  Co. ein neuer Zugang zu Bildern geschaffen wird, schätzt Kagerbauer auch an Social Media, etwa durch Hashtags wie #mybodymychoice und #bodypositivity. Allerdings sieht sie gerade bei letzterem auch eine Gefahr: "Man ist seinem Körper gegenüber nicht immer positiv eingestellt und aus diesem Grund darf man auch mal wütend sein. Das Gefühl, sich immer toll finden zu müssen, erhöht den Druck. Denn es geht nicht um die ständige Optimierung von Körperformen, sondern die Veränderung von Körpernormen." Fatal sei es auch, wenn Influencer, die dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, #bodypositivity vereinnahmen und somit andere wieder marginalisieren.

Apropos marginalisieren – das passiert für Kagerbauer auch, wenn Plus Size-Kollektionen in abgetrennten Abteilungen hängen. Und die Kundinnen letztendlich lieber online bestellen, um nicht mit der Rolltreppe in die abgesonderte Abteilung fahren oder im schlimmsten Fall den abschätzigen Blicken des Verkaufspersonals begegnen zu müssen. In diesem Zusammenhang lobt sie die Initiative von Mango, die Plus Size-Linie Violeta einzustellen und in die normale Kollektion zu integrieren. "Jetzt geht es darum, dass nicht nur eine Größe neu verteilt, sondern auch echte Anerkennung für verschiedene Körper geschaffen wird", fordert Kagerbauer.

Und dass viel mehr auf Gemeinsamkeiten als auf Unterschiede geachtet wird. Kagerbauer erinnert sich an einen Kongress, bei dem ein Mädchen davon erzählt hat, dass sie wegen eines bauchfreien Shirts den Unterricht verlassen musste und das diskriminierend fand. Ein Mädchen mit Hijab konnte sich in das Gefühl hineinversetzen und beide waren sich einig: "Es kommt doch darauf an, was ich im Kopf habe, und nicht, was ich am Körper trage." Kagerbauer selbst trägt übrigens am liebsten Querstreifen. "Gerade, weil Dicke das nicht sollen", sagt sie mit einem Lachen.
Bei der Autorin leuchten Geschlechterstereotype in Texten jetzt orange. Denn bei ihrem Treffen mit Linda Kagerbauer im Frankfurter Frauenreferat gab es neben einem spannenden Gespräch auch einen Klischee-Marker.
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