#75JahreTW: Schwester M. Rita Edakkoottathil, Nonne im Orden der Franziskanerinnen

"Fünf Stunden für Schuhe. Verrückt."

Wie lebt eine Frau, die komplett außerhalb des Systems Mode steht? Wo kauft sie ein und welche Meinung hat sie von einer Branche, die durch Konsum und Schnelligkeit geprägt ist? Ein Gespräch mit einer Nonne über Shoppingtrips, Lieblingsfarben und Zeit.

Demut, Armut und Umkehr – das sind die Werte, nach denen Schwester M. Rita Edakkoottathil lebt. Werte, die nicht gegenteiliger zur Modebranche sein könnten. Und die schließlich der Grund für dieses Gespräch waren. Denn Schwester Rita ist Nonne im Orden der Mauritzer Franziskanerinnen in Münster. Geboren ist sie in Indien, wo sie schon früh dem Franziskanerorden beitritt. Nach ihrem Lehramtsstudium arbeitet sie dort als Lehrerin. Vor acht Jahren wird sie zur Generalvikarin der Franziskanerinnen gewählt und wirkt seitdem in Deutschland. Ihre tägliche Kleidung ist die Ordenstracht, bestehend aus einem Kleid in Schwarz oder Grau sowie einem Schleier. Doch das war nicht immer so. Als sie noch in Indien lebte, trug sie als Franziskanerin den lachsfarbenen Sari. In Deutschland kleidete sie sich zunächst mehrere Jahre in Zivil, bis sie sich wieder entscheidet, die Tracht des Ordens als tägliche Kleidung zu nutzen. Was genau zu dieser Entscheidung führt, wie jemand auf Mode schaut, der selbst ganz außerhalb des Systems Mode steht und wo eine Nonne ihre Schuhe kauft, das hat Schwester Rita im Gespräch mit der TextilWirtschaft verraten.

TextilWirtschaft: Seit 75 Jahren beschäftigt sich die TextilWirtschaft mit Mode in all ihren Facetten. Was ist ihre Verbindung zur Mode?
Schwester Rita: Dazu muss man sich erst einmal fragen, was genau denn eigentlich der Begriff ‘Mode‘ heißt. Er beschreibt ja eine bestimmte Art sich auszudrücken, aber auch mit Kreativität immer wieder Neues zu schaffen, neue Formen, neue Farben. Immer passend zur jeweiligen Saison. Aber auch eine ganz persönliche Identität wird mit Mode herausgebildet. Für mich ist das alles nicht so wichtig, denn für mich muss Kleidung vor allem eines sein: Bequem und bescheiden.

Mode ist geprägt von Schnelligkeit, ständig gibt es neue Kollektionen. Der Begriff „Fast Fashion“ steht für schnellen Konsum, Mode die man im heute kauft, dann aber im Zweifel morgen wieder wegwirft. Was halten Sie von der Modebranche?

Klar frage ich mich, ob das alles wirklich nötig ist. Der ganze Konsum, die vielen Geschäfte, die voll mit Kleidern sind. Aber all die großen Unternehmen leben ja davon, dass es ständig etwas Neues gibt. Sie müssen die Menschen immer wieder aufs Neue dazu animieren, etwas zu kaufen. Von daher verstehe ich es und halte es schon ein Stück weit für gerechtfertigt.

Und was heißt es für Sie?
Wenn ich jetzt nur für mich spreche, ist es ehrlich gesagt Zeitverschwendung. All das frisst so viel Zeit. Wenn ich einen besonderen Style habe, dann will ich ja dementsprechende Kleidung finden. Auch ich habe schon Stunden mit Shopping in der Stadt verbracht, weil ich ein besonderes Teil in eben einer Farbe oder mit einem besonderen Schnitt gesucht habe. Und danach habe ich mir gedacht – fünf Stunden für ein Paar Schuhe. Das ist doch verrückt. Dafür ist mir meine Zeit letztlich zu kostbar.

Wenn sie unterwegs sind, schauen Sie sich denn Mode an anderen Menschen gerne an?
Ja klar, ich interessiere mich schon dafür. Ich finde es schön zu sehen, wie verschiedene Farben kombiniert werden. Oder welche Trends es gibt. Besonders hübsch gekleidete Kinder finde ich toll! Ich mache auch gerne Window-Shopping, spaziere durch die Stadt und schaue mir an, was da so ausgestellt wird. Und dann stelle ich mir vor, wie die Person wohl ist, der so etwas gefallen könnte. Ich habe Spaß daran, kleine Gedankenspiele zu machen. Aber, dass erwachsene Menschen unglaublich viel Zeit für Shopping aufwenden, das sogar als Hobby sehen und sich ständig überlegen, wie sie sich anziehen und dann einkaufen gehen, das kann ich nicht so recht nachvollziehen. Aber klar, Menschen sind unterschiedlich und am Ende bin ich immer dafür, tolerant zu sein und versuche auch das zu verstehen.

Die Ordenstracht bekommen Sie gestellt, Schuhe und den Rest der Kleidung müssen Sie selbst besorgen, der Orden bezahlt es dann. Wo kaufen Sie ein, wenn Sie Schuhe oder etwas anderes brauchen?
Meistens gehe ich in die nahegelegene Innenstadt zum Einkaufen. Ich bevorzuge Geschäfte wie Galeria Kaufhof und Karstadt, aber auch bei TK Maxx und anderen Läden, die Reduzierungen anbieten, habe ich schon eingekauft. Wenn ich Schuhe brauche, habe ich meistens bei Zumnorde in Münster Glück.

Haben Sie jemals Kleidung online bestellt?
Ja, ich habe tatsächlich erst vor kurzem im Schlussverkauf zwei T-Shirts bei Galeria bestellt. Es gab ein Angebot – zwei für 19,99 statt eines für 15 Euro.

Was haben Sie zuletzt gekauft und wo?
Eine blaue Handtasche. Auch sie war reduziert und kostete um die 20 Euro. Gefunden habe ich sie bei Hausfelder Accessoires + Reise in Münster.

Verraten Sie mir Ihre Lieblingsfarbe?
Ganz klar Weiß. Sie ist edel und passt zu allen anderen Farben. Schon seit meiner Kindheit ist Weiß meine Lieblingsfarbe. Alles auf einem weißen Hintergrund wirkt wunderschön und elegant. Meine zweite Lieblingsfarbe ist Dunkelblau – elegant und nobel zugleich.

In Indien haben Sie Sari getragen, hier in Deutschland erst Zivilkleidung und nun seit einiger Zeit die hiesige Ordenstracht. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Also eines vorab: Den Sari mag ich nicht besonders. Fünfeinhalb Meter Stoff sind einfach schwer zu bändigen und das An- und Ausziehen ist sehr zeitaufwendig. Und besonders gemütlich ist er auch nicht. Aber es ist einfach so, also habe ich ihn natürlich getragen. Auf Reisen kann man allerdings auch andere Kleidung wählen wie z.B. den Salwar Suit, eine Kombination aus Hose und Kleid. Das fand ich immer praktischer. In Indien bin ich viel mit dem Zug gereist, auch lange Strecken und da muss man in den Liegewagen auch mal hochklettern. Das geht mit dem Sari sehr schwer.

Und wie war es, als Sie hierher kamen?
Meine Prämisse war immer, sich dem jeweiligen Aufenthaltsort anzupassen. Als ich nach Deutschland versetzt wurde, habe ich mich deshalb zunächst für Zivilkleidung entschieden, denn man kann frei wählen, was man anzieht. Nur zu offiziellen Anlässen muss man die Ordenstracht tragen. Aber ich habe dann festgestellt, dass das Thema Bekleidung wahnsinnig viel Zeit verschlingt. Ich reise in meiner aktuellen Funktion recht viel und muss dann immer verschiedene Outfits zusammenstellen plus die traditionelle Kleidung für offizielle Anlässe. Ich muss die Sachen erstmal kaufen, dann darauf achten, wie ich etwas wasche. Hell zu Hell, Dunkel zu Dunkel und auf die Temperatur muss ich auch noch aufpassen. Vieles muss man auch noch bügeln. Für mich ein großer zeitlicher Aufwand! Das alles fällt weg, wenn ich die Ordenskleidung trage. Da gibt es nur zwei Farben – Grau und Schwarz. Eines für jeden Tag, das andere für besondere Anlässe. Und ich muss noch nicht mal bügeln. Aufhängen – fertig!

Und was machen Sie mit der Zeit, die Sie dadurch sparen?
Wissen Sie, mein Tag ist ziemlich vollgepackt und beginnt bereits um fünf Uhr morgens. Wenn ich Zeit übrig habe, dann bete ich, tausche mich mit meinen Schwestern aus oder lese.

Mit einer Nonne über Mode reden − geht das? Julia Schygulla wollte es wissen und festgestellt: ja, es geht! Sogar besser als erwartet. Schwester Rita kleidet sich zwar nicht nach modischen Trends. Aber sie hat Interesse an Menschen − und damit auch an Mode.

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