#75JahreTW: Unternehmer und Investor Carsten Maschmeyer

"Glaube ja nicht, dass Du schon alles kannst"

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Seit dem Verkauf seiner Finanzberatung AWD kennt man Carsten Maschmeyer als Investor, Buchautor und TV-Juror in der Sendung Die Höhle der Löwen.
Seit dem Verkauf seiner Finanzberatung AWD kennt man Carsten Maschmeyer als Investor, Buchautor und TV-Juror in der Sendung Die Höhle der Löwen.

Wie ist es um die deutsche Start-up-Szene bestellt? Welche Auswirkungen wird Corona noch auf die Wirtschaft haben? Und spielt die Modebranche bei alldem überhaupt eine Rolle? Das wollten wir von Carsten Maschmeyer wissen.

Firmengründer, Investor, Buchautor und seit einigen Jahren TV-Juror in der Start-up-Show Die Höhle der Löwen – der Unternehmer Carsten Maschmeyer gilt nicht erst seit seiner Fernsehkarriere und durch seine Ehe mit Schauspielerin Veronica Ferres als eine der schillerndsten Figuren der deutschen Wirtschaft. Seit der gebürtige Bremer 2008 die von ihm gegründete Finanzberatung AWD für einen mutmaßlich einstelligen Milliardenbetrag an den Schweizer Lebensversicherer Swiss Life verkauft hat, konzentriert er sich vornehmlich auf Investments in junge Firmen. Wir wollten von Carsten Maschmeyer wissen, wie es um die deutsche Start-up-Szene bestellt ist, welche Auswirkungen Corona auf die Wirtschaft haben wird und ob die Modebranche bei alldem noch eine Rolle spielt.

TextilWirtschaft: Herr Maschmeyer, Sie haben Ihre Karriere in den 80er Jahren begonnen. Was waren und sind für Sie bis heute die einschneidendsten Veränderungen in der Geschäftswelt?
Carsten Maschmeyer: Natürlich die Digitalisierung mit Computern, Internet und der globalen Vernetzung. Jeder ist mit jedem irgendwie verbunden. Für mich als ehemaligen Gründer und jetzt Investor hat sich eine Sache ganz bedeutend verändert: Früher gab es keine Venture Capital-Investoren. Wenn ich Geld für mein Unternehmen brauchte, mussten wir mehr Umsatz machen oder zur Bank gehen und den Berater von der Idee überzeugen. Die wollten damals natürlich hohe Zinsen dafür. Für Gründerinnen und Gründer ist es heutzutage viel einfacher, an Kapital zu kommen. Gute Start-ups können sich sogar die Investoren aussuchen.

Was hat Corona mit Ihnen persönlich und hinsichtlich geschäftlicher Entscheidungen gemacht?
Corona hat uns allen nochmal mehr verdeutlicht, dass die Zukunft in digitalen Geschäftsmodellen liegt. Es war noch nie so einfach wie zurzeit, etwas Digitales zu gründen, denn die Akzeptanz, die Nachfrage und die Notwendigkeit war noch nie so hoch. Früher gab es für mich zwei Kriterien, um zu investieren: Das Gründerteam und das Produkt. Jetzt frage ich mich auch immer: Ist das Geschäftsmodell Corona-resistent?

Was raten Sie Firmengründern heutzutage bzw. in Zeiten von Corona?
Unterschätzt niemals die Wichtigkeit des Vertriebs! Sales ist die zweite Gründung, also ein sehr anspruchsvoller Entwicklungsschritt. Ein Produkt kann noch so gut sein. Wenn es keiner kauft, ist es wertlos. Das war vor Corona so und ist auch jetzt so. Ein zweiter wichtiger Rat: Holt Euch die richtigen Leute und spart nicht an Personalkosten. Gute Leute kosten kein Geld, sondern bringen Geld.

Ganz grundsätzlich: Fehlt es in Deutschland an Start-up-Mentalität?
Ein klares Jein. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass auch in Deutschland Start-ups groß werden können und die internationalen VC-Fonds mittlerweile auch hier investieren. Leider sind die Voraussetzungen, um in der Bundesrepublik zu gründen, im weltweiten Vergleich deutlich schlechter. Die Bürokratie schreckt viele vom Gründen ab. Oder Mitarbeiterbeteiligung: Nach wie vor ist die Politik unfähig oder unwillig, endlich ähnliche steuerliche Voraussetzungen wie in anderen Ländern zu schaffen. Für Start-ups wäre das extrem wichtig, um für Talente auf dem Arbeitsmarkt attraktiver zu sein. Darum setze ich viel Hoffnung in eine neue Bundesregierung, das zu ändern.

Wessen Aufgabe ist es, junge innovative Firmenkonzepte zu unterstützen? Die des Staates oder der Wirtschaft?
Natürlich beider. Die Wirtschaft, also wir Investoren, müssen Kapital und Support geben. Der Staat hilft am besten, wenn er Start-ups bei der Auftragsvergabe berücksichtigt. Die arbeiten meist nicht nur effizienter, sondern auch innovativer. Zum Beispiel hätte ich es großartig gefunden, wenn die Corona-Warn-App von einem Start-up entwickelt worden wäre. Stattdessen wurden viele Millionen an deutsche Großkonzerne gezahlt, die es weder schnell noch gut gemacht haben.

Sie sind an den unterschiedlichen Start-ups beteiligt. Welcher Bereich boomt gerade am stärksten, was tut sich schwer?
Beeindruckende Entwicklungen sieht man weiterhin bei Fintechs, Insurtechs und in den Bereichen Mobility. Auch der Bereich E-Government wird boomen. Behörden fangen endlich an, ihre Dienste umzustellen. Dabei brauchen sie Hilfe von Start-ups. Ziel: Die persönliche Anwesenheit der Bürger in den Ämtern, zum Beispiel bei einer Ausweisverlängerung, muss nicht mehr erforderlich sein.

Kann man als Investor in der Modebranche noch Geld verdienen? Und wenn ja, in welchen Sektoren?
Aktuell gibt es drei Haupttrends in der Modebranche: Digitalisierung, Hightech-Textilien und Nachhaltigkeit. Meiner Einschätzung nach werden noch erfolgreiche Veränderungen vor allem im B2B-Bereich und bei der Digitalisierung von Prozessen geschehen.
„Der Online-Handel wächst auch in der Zukunft deutlich stärker als der stationäre Einzelhandel und nimmt weiterhin Marktanteile ab.“
Carsten Maschmeyer

Gibt es aktuell (oder in naher Zukunft) Start-ups im Modebereich, die Sie als interessant erachten, und wenn ja, warum?
Ja, die gibt es. Eines der Start-ups, in welches ich in 'Die Höhle der Löwen' investierte, ist Presize.AI. Die Software des Münchner Start-ups misst die Kleidungsmaße innerhalb einer Minute. Der Nutzer muss sich dafür nur einmal vor seinem Smartphone im Kreis drehen. Sämtliche erfassten Maße werden gemeinsam in Form eines kurzen Codes gespeichert, den der Nutzer jederzeit wieder verwenden kann. Ziel der Entwicklung ist es, E-Commerce-Shops zu ermöglichen, ihren Kundinnen und Kunden optimal passende Kleidungsstücke zu verkaufen und somit die Zahl der Retouren zu vermindern. Diese stellen einen enormen Kostenpunkt für die Branche dar und verursachen auch noch Umweltprobleme.

Wo sehen Sie die Modebranche in puncto Innovationsfreude und Unternehmergeist?
Das sehe ich bei Technologien und Dienstleistungen, die den Einkauf bequem gestalten und ihn zu einem einzigartigen Erlebnis machen. Der stationäre Handel muss sich weiterentwickeln, um zu überleben. Es wird vor allem darauf ankommen, eine optimale Verbindung von digitalen und stationären Angeboten zu schaffen sowie innovative und kundenorientierte Handelskonzepte zu entwerfen. Vor allem aber auch bei einer bedarfsgerechten Supply Chain für nachhaltige Produkte und weniger Überbestände sehe ich Innovationen im Markt. Dabei geht es vor allem um die Entwicklung einer integrierten Nachhaltigkeitsstrategie, die Forcierung der Kreislaufwirtschaft, die Erhöhung der Transparenz in der Lieferkette, die Priorisierung nachhaltiger Rohmaterialien, die Wahrung ethischer Arbeitsbedingungen sowie die Einführung eines Reporting-Systems für Nachhaltigkeit.

Wie schätzen Sie die Zukunft des stationären (Mode-)Einzelhandels ein? Gibt es für Sie noch Vorzeigebeispiele oder ist die Zukunft rein digital?
Der digitale Wandel in der Handelsbranche ist weiterhin in vollem Gange. Der Online-Handel wächst auch in der Zukunft deutlich stärker als der stationäre Einzelhandel und nimmt weiterhin Marktanteile ab. Die Entwicklung wird sich fortsetzen. Und dennoch ist der stationäre Handel kein Auslaufmodell. Kundinnen und Kunden möchten nach wie vor Produkte erleben und vor Ort ausprobieren. Der stationäre Handel erlebt gerade eine Transformation vom traditionellen Einzelhandel zu einem Omnichannel-Geschäftsmodell mit integriertem Store 4.0. Händler, die diese Transformation hin zum Store 4.0 erfolgreich umsetzen, werden bestehen bleiben und sich in Zukunft neue Marktanteile sichern – im Gegensatz zu den Händlern, die unverändert an bisherigen Strategien festhalten. Die Online-Player zeigen, wie man digitale Technologien sinnvoll in den stationären Geschäften einsetzt und umsetzt. Erlebniskauf, Service und auch Individualisierung werden mit innovativen Technologien in Szene gesetzt, dass es richtig Spaß macht, einzukaufen.

Und Sie persönlich: Wie bzw. wo kaufen Sie Bekleidung ein?
Wenn ich durch die Straßen laufe und etwas entdecke, kaufe ich Kleidung auch gerne mal spontan. Das ist mir letztens in Rom passiert. Ich war mit unserer Tochter dort, und sie hat mich sehr gut beraten. Zurück kam ich mit deutlich mehr Gepäck. In San Francisco kenne ich viele gute Läden, die mir mein Team aus unserem US-Büro empfohlen hat da bin ich sehr gerne mit meiner Frau Veronica.

Im Rückblick auf Ihre eigene berufliche Karriere: Was würden Sie anders machen? Und welches waren die richtigen Entscheidungen?
Glaube ja nicht, dass Du schon alles kannst. Hole Dir immer Experten an Deine Seite. Persönlich würde ich mehr Sprachen lernen und von Beginn an mehr Zeit mit meiner Familie verbringen. Richtig war es, in den 1980er Jahren mein eigenes Unternehmen zu gründen. Das hat mein Leben entscheidend geprägt – bis heute.

In dem Zusammenhang: Wie ist es hierzulande um die Fehlerkultur bestellt?
Wenn man sich beispielsweise die Unterschiede bei der Fehlerkultur zwischen den USA und Deutschland anschaut, dann sind Fehler in den USA längst salonfähig. Das ist keine Ausnahmeerscheinung im Silicon Valley und anderen Gründerparadiesen. Leider ist das aber, wie so vieles aus Amerika, nur sehr bedingt auf deutsche Verhältnisse übertragbar. Hierzulande sind sie nach wie vor Karrierebremsen oder gar -stopper. Das wird sich hoffentlich bald ändern.
Sabine Sommer kannte Carsten Maschmeyer nur aus der Boulevardpresse. Um so mehr reizte es sie, das Gespräch mit dem Unternehmer zu suchen.
Zum Jubiläum der TextilWirtschaft haben wir ganz bewusst den Austausch mit denen gesucht, die sich nicht inmitten der Mode bewegen – aber der Mode viel zu sagen haben. Mehr Portraits und Interviews finden Sie hier. Die gesamte Ausgabe: Jetzt im E-Paper lesen
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