"Was Wachstum betrifft, bin ich konservativ"

Marie-Luise Raumland führt seit 2019 gemeinsam mit ihrer Schwester Katharina das gleichnamige Sekthaus in Rheinhessen.
Peter Jülich

Winzerin Marie-Luise Raumland über den Generationswechsel im Weingut, den strikten Fokus aufs Produkt und warum nicht nur die neue Cuvée so viel Geduld erfordert.

TextilWirtschaft: Frau Raumland, Ihr Name steht für den deutschen Premium-Sekt, der sogar im Elysée-Palast getrunken wird. Eine Cuvée aus Ihrem Hause heißt wie Sie, Marie-Luise. Hätten Sie da als Tochter überhaupt Nein zum Einstieg ins Familienunternehmen sagen können?

Marie-Luise Raumland: Selbstverständlich. Unsere Eltern haben meiner Schwester Katharina und mir immer sehr viel Freiraum gelassen. Sie haben uns nicht gleich in die Winzerlehre oder das Weinbaustudium gedrängt. Unsere Eltern haben damals bei Null angefangen, hatten auch andere berufliche Hintergründe und wollten entsprechend, dass auch wir unsere eigene Leidenschaft finden.

Haben Sie diesen Rat befolgt?
Ja. Meine Schwester und ich haben beide zunächst internationale BWL studiert, waren viel in der Welt unterwegs, im Auslandspraktikum, Auslandssemester. Ich habe dann fünf Jahre in anderen Branchen gearbeitet, in der Lebensmittelbranche und in der Spirituosen-Branche.

Das ist ja nicht ganz so weit von der Branche Ihrer Eltern entfernt. Was hat letztlich den Ausschlag gegeben, doch ins Familienunternehmen einzusteigen?
Zwei Schlüsselmomente: Zum einen wurde mein Vater 2018 vom Meininger-Verlag zum Weinunternehmer des Jahres National gekürt. Da ist uns als Töchtern noch einmal sehr deutlich geworden, was unsere Eltern geschaffen haben, und dass wir das Erbe weiterführen wollen. Im gleichen Jahr wurden wir für den Verband Deutscher Prädikatsweingüter vorgeschlagen, ein Zusammenschluss der besten 200 Weingüter Deutschlands. Als erstes reines Sektgut, das zur Aufnahme vorgeschlagen wurde, war das für uns eine große Ehre. Da war für meine Eltern klar, dass sie diesen Aufnahmeprozess nur durchlaufen wollen, wenn meine Schwester und bzw. oder ich das Unternehmen weiterführen würden. Andernfalls hätten sie sich allmählich Gedanken machen müssen, die Sektherstellung herunterzufahren. Unsere Sekte liegen zwischen fünf und 20 Jahren auf der Hefe. Das heißt, sie könnten noch die nächsten 20 Jahre von den Sekten leben, die sie bereits produziert haben. Insofern war dies ein Wendepunkt für unser Unternehmen, an dem meine Schwester und ich gemeinsam entschieden: Okay, wir kommen. Und zwar mit großer Leidenschaft und Herzblut!

Als Fachfremde?
Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon ein Weinbau-Masterstudium abgeschlossen. Das Thema Wein war immer in meinem Hinterkopf, aber ich hatte auch viele andere tolle Berufsmöglichkeiten und wollte erst einmal meinen eigenen Weg finden. Meine Schwester hat am nächsten Tag nach der Entscheidung für den Einstieg ins Familienunternehmen gekündigt und sich für ein Weinbaustudium in Geisenheim eingeschrieben. Sie ist in diesem Sommer fertig geworden und seitdem sind wir zu zweit im Unternehmen.

Ein Generationenwechsel will ja auch in einem kleineren mittelständischen Unternehmen mit überschaubarem Gesellschafterkreis gut vorbereitet sein. Wie sind Sie das angegangen?
Als kleines Familienunternehmen war uns bewusst, dass wir die Aufgaben klar trennen müssen, wenn wir langfristig effizient arbeiten möchten. In den ersten Jahren lernen wir das Sekthandwerk von der Pike auf, ich arbeite bei der Traubenlese im Keller und im Außenbetrieb, also bei der Ernte mit, um den kompletten Prozess zu durchlaufen. Langfristig übernehme ich aber den betriebswirtschaftlichen Part und meine Schwester verantwortet die Sektherstellung. Wir haben einen Berater an unserer Seite, der schon einige Übergaben begleitet hat. Uns ist schon bewusst, dass es natürlich erst einmal komplizierter ist, ein Unternehmen an zwei statt an eine Person zu übergeben. Gerade wenn man an die nächste Generation denkt und dann Cousins und Cousinen miteinander arbeiten. Da muss unsere Generation gewisse Dinge strukturieren, damit uns am Ende nichts auf die Füße fällt. Dennoch bringt eine Nachfolge als Geschwisterpaar auch viele Vorteile: wir können uns voll und ganz aufeinander verlassen und teilen die gleiche Leidenschaft für unseren Sekt und das Handwerk.

Wie gehen Sie das konkret an?
Wir haben einen landwirtschaftlichen Betrieb und eine GmbH. Da könnte man überlegen, die eine kriegt das Weingut, die andere die GmbH. Aber was passiert dann im nächsten Schritt? Daher scheint uns eine Holding Struktur die beste Lösung, die Inhaber-Verhältnisse sauber regeln zu können. Wenn es Streitigkeiten gibt, hat jeder immer die Möglichkeit, auszusteigen, aber das Unternehmen leidet nicht darunter, sondern wird zusammengehalten. Das war uns ganz, ganz wichtig.

Haben Sie sich weitere Beratung geholt?
Meine Schwester und ich sind schon immer in verschiedenen Familienunternehmer-Gruppen involviert gewesen. Vor allem das Projekt 2024 der Zeppelin Universität am Bodensee hat uns sehr geprägt. Da haben wir uns einmal im Jahr mit verschiedenen Nachfolgern getroffen und sind wirklich immer wieder Prozesse durchgegangen, haben reflektiert, was Nachfolge bedeutet, berichtet, wer gerade an welchem Punkt der Nachfolge steht. Als das Projekt 2014 gestartet ist, waren alle noch im Studium, mittlerweile haben sich einige letztlich doch gegen das Unternehmen entschieden, ein paar sind mittendrin und als Nachfolger eingestiegen, das ist ganz, ganz spannend zu sehen.

Was macht Ihre Nachfolger-Generation aus?
Unsere Nachfolger-Generation steht – unabhängig vom Einstieg ins eigene Familienunternehmen – vor vielen tollen beruflichen Möglichkeiten, so dass unsere Generation sehr reflektiert ist, bevor die Nachfolge angegangen wird. Wir stellen Dinge in Frage und es ist nicht mehr wie in den Generationen vor uns, dass der Antritt einer Nachfolge selbstverständlich ist. Die Generation vor uns hat gemeinsam mit der Generation der Großeltern oft bei Null angefangen, musste kämpfen und operativ richtig ackern. Viele Unternehmensnachfolger finden durch die Vorarbeit der Eltern und Großeltern eine tolle Basis vor und können sich jetzt ans Feintuning wagen, teilweise auch neue Strategien entwickeln. Vielleicht sind unsere Herangehensweisen stärker strategisch geprägt als noch bei der Generation vor uns.

Damit tritt Ihre Generation oftmals in sehr große Fußstapfen. Ihr Vater gilt in Deutschland als der Sekt-Papst. Wie emanzipiert man sich da als Tochter?
Wir müssen unsere eigenen Fußstapfen prägen und müssen dann vielleicht gar nicht in die unserer Eltern hineintreten. Wir bauen auf dem auf, was unsere Eltern geschaffen haben, aber gehen unsere eigenen Wege. Das ist ein langer Prozess. Genauso lang wie dieser Prozess ist auch das Hefelager unserer Sekte. Der allererste Sekt, den ich in meinem ersten Jahr im Unternehmen gemacht habe, liegt fünf bis sechs Jahre in unserem Sektkeller. Unsere ganze Arbeit im Unternehmen und mit der Familie basiert auf Geduld, langem Atem und langfristigen Visionen. So ist es auch bei der Nachfolge.

Was ist Ihre Vision für das Unternehmen? Wie entwickelt man ein Premium-Label wie Raumland weiter?
Was Wachstum betrifft, bin ich konservativ und hinterfrage immer, was Wachstum für die Marke Raumland, für die wir mit unserem Namen stehen, bedeutet. Der Fokus unserer Arbeit, unserer Sekte und unserer Marke liegt auf Qualität und nie auf der Menge. Auch in Zukunft möchten meine Schwester und ich an weiteren Stellschrauben drehen, um die Qualität zu verbessern. Wir sind zwar schon auf einem Top-Niveau, haben aber allein durch die Technik und den Wissensstand heute mehr Möglichkeiten, Dinge noch einmal zu verbessern. Sei es bei der Arbeit im Weinberg oder im Sektkeller. Aber natürlich haben auch wir neue Ideen. Wir haben erst kürzlich neue Rebfläche dazubekommen, sodass wir unsere neuen Ideen auch verwirklichen können. Denn bei allem, was wir tun, sind wir in unserem Handwerk von der Natur abhängig.

Wer ist Ihre Zielgruppe?
Wir starten bei 19,50 Euro, da ist es schwer, die ganz junge Zielgruppe, die nicht wein-affin ist, anzusprechen. Das ist auch nicht unser Ziel. Wir wollen weinaffine Menschen ansprechen, die sich auch mit dem Produkt beschäftigen oder die, die mehr darüber lernen möchten. Wir betreiben immer noch sehr, sehr viel Aufklärung, was das Thema Sekt, Schaumwein, Champagner betrifft.

Storytelling ist zentral.
Ja. Hinter jedem Wein oder Sekt steckt eine einzigartige Geschichte, die mit Menschen zu tun hat. Diese Geschichten – unsere Geschichte – möchten wir nach außen tragen. Schließlich ist unser Produkt ein emotionales Traditionsprodukt. In der Weinbranche gibt es die ältesten Familienunternehmen Deutschlands und auch europaweit. Hinter jedem Produkt stecken somit generationenübergreifende Traditionen und Geschichten.

Welche Rolle spielt denn Nachhaltigkeit in Ihrer Branche? Man nimmt von außen einen Trend zu biodynamischen und Naturweinen wahr. Ist Sustainability auch bei Ihnen ein Verkaufsargument?
Es kann definitiv ein Verkaufsargument sein. Wir betreiben Nachhaltigkeit aus Überzeugung, ohne sie zwangsläufig als Verkaufsargument nach außen zu tragen. Wir bewirtschaften unsere Weinberge seit 2002 biologisch zertifiziert. Auch bei diesem Aspekt war unser Vater einer der Vorreiter. Und wir arbeiten am Thema Biodynamie. Bio-Wein hatte lange Zeit auch eine negative Konnotation. Das ändert sich gerade, aber auch eher langsam. Große Häuser zeigen bereits, dass es anders geht. Es wird ein immer wichtigeres Thema. Leider stellen noch viel zu wenige Betriebe auf die biologische Bewirtschaftung um. Wir merken von Jahr zu Jahr stärker, wie uns der Klimawandel beeinflusst. Die letzten drei Jahre waren viel zu heiß und ohne Regen. Dieses Jahr hingegen hatten wir viel zu viel Regen und kämpfen jetzt mit Krankheiten, weil die Trauben nicht richtig geschützt werden können. Ich kenne sehr viele Winzer, die dieses Jahr auf Bio umstellen wollten und es sich aufgrund der problematischen Wetterlage doch anders überlegt haben.

Nachvollziehbar.
Dieses Jahr war nicht das beste Jahr, um mit der biologischen Weinerzeugung zu starten. Grundsätzlich aber wird das Thema Nachhaltigkeit auch in unserer Branche immer wichtiger, weil unsere Generation die Klimaveränderung bereits spüren kann. Es gibt beispielsweise Initiativen, das Gewicht der Wein- und Sektflaschen zu reduzieren, ein wichtiger Treiber für den CO2 Ausstoß in unserer Branche. Gerade durch das steigende Versandaufkommen in der Weinbranche ein zu beachtender Faktor,

Wie stark hat Sie die Pandemie getroffen? Im Lockdown soll doch mehr getrunken worden sein. Konnten Sie davon profitieren?
Die Nachfrage nach deutschem Wein ist gestiegen. Das haben auch wir gespürt. Wir sind nicht ganz so abhängig von der Gastronomie, sondern haben glücklicherweise eine starke Privatkundschaft, die sich im letzten Jahr noch mehr als zuvor für hochwertige Produkte begeistern konnte. Gerade in diesen Zeiten merken wir, wie wichtig der direkte Endkundenkontakt ist. Denn gerade dann können wir auf persönliche Weise mit unseren Geschichten und unseren Sekten begeistern.

Den Anspruch teilen Sie mit vielen großen Marken aus der Modebranche. Allerdings sind die Produktionszyklen in ihrem Gewerbe ungleich länger. Wann werden Sie die erste Flasche aus dem Jahr ihres Einstiegs ins Unternehmen öffnen können?
Das wird frühestens 2024 sein. Wir setzen uns ein Minimum-Limit von mindestens 36 Monaten für das Hefelager unserer Sekte. Oftmals ist es deutlich länger: bis zu zwölf Jahren. Eine Anekdote: In meinem ersten Herbst im Unternehmen hatte ich die Idee, eine Cuvée herzustellen, wie man sie eigentlich aus dem Sherry-Bereich kennt. Man füllt ein Fass mit einem Jahrgang. Zum Beispiel nur 2015. Im nächsten Jahr entnimmt man die Hälfte und füllt das Fass auf mit dem Jahrgang 2016. Im Jahr 2017 entnimmt man wiederum einen Teil der Cuvée und füllt auf mit 2017, mit 2018 und so fort. Meine Schwester hat 2018 in ihrem ersten Herbst im Unternehmen diese Idee weitergeführt bis wir 2020 die erste Füllung getätigt haben. Das Resultat: eine Solera Cuvée aus mindestens fünf verschiedenen Jahrgängen. Das wird jetzt peu à peu weitergeführt. Diese Cuvée kommt jedes Jahr mit jeweils einem zusätzlichen Jahrgang auf den Markt und erzählt so auch ein bisschen die Geschichte des eingeleiteten Generationswechsels.

Zum Jubiläum der TextilWirtschaft haben wir ganz bewusst den Austausch mit denen gesucht, die sich nicht inmitten der Mode bewegen – aber der Mode viel zu sagen haben. Mehr Portraits und Interviews finden Sie hier. Die gesamte Ausgabe: Jetzt im E-Paper lesen

Im Bilde
"Wir sind wieder trocken", schrieb Fotograf Peter Jülich etwas kryptisch nach dem Foto-Shooting im Sommer an TW-Redakteurin Judith Kessler. Ein Satz, der sich erst aufklärte als die Bilder in der Redaktion eintrafen.
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