Adidas, H&M, Deichmann und Puma am Pranger

Mietenboykott: Konzerne reagieren auf den Shitstorm

Adidas
Öffentlicher Gegenwind für den erfolgsverwöhnten Adidas-Chef Kasper Rorsted
Öffentlicher Gegenwind für den erfolgsverwöhnten Adidas-Chef Kasper Rorsted

Brennende T-Shirts, Boykott-Aufrufe und persönliche Schelte führender Politiker: Nachdem sich vor allem Adidas am Wochenende heftigen Reaktionen auf das angekündigte Aussetzen der Mietzahlungen ausgesetzt sah, bemüht sich der Konzern nun um Schadensbegrenzung.

Es gehe nicht darum, die Miete für April nicht zu bezahlen, betont Adidas-CEO Kasper Rorsted in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Vielmehr gehe es um eine Stundung, über die man mit den betreffenden Vermietern „in engem Austausch“ stehe. Vermieter der gerade einmal 26 in Deutschland von Adidas selbst betriebenen Läden seien in der Regel große Immobilienvermarkter und Versicherungsfonds, die für diese Maßnahme „überwiegend Verständnis“ gezeigt hätten. Nur vier Vermieter seien Privatpersonen, diese würden die April-Miete wie gewohnt erhalten. „Wir sind uns unserer Verantwortung durchaus bewusst.“

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Bundesjustizministerin Lambrecht und Verkehrsminister Scheuer haben sich empört über den Stopp von Mietzahlungen für Ladengeschäfte großer Firmen geäußert. Adidas, H&M und Deichmann hatten vergangene Woche angekündigt, ihre Mietzahlungen auszusetzen. Der Sportartikelhersteller Adidas verteidigte sich, nachdem am Wochenende in sozialen Medien eine Empörungswelle bis hin zu Boykottaufrufen angerollt war.


Kritik wurde auch laut an anderen Konzernen, von denen bekannt wurde, dass sie Mietzahlungen vorübergehend nicht leisten würden. Doch der Shitstorm traf Adidas besonders hart. Wohl nicht zuletzt aufgrund der erst vor zwei Wochen verkündeten Rekordzahlen für 2019: Wieder einmal ist es dem Konzern gelungen, das Ergebnis noch stärker zu steigern als den Umsatz. Und nicht zuletzt ist es wahrscheinlich gerade die hohe Emotionalität, die viele Verbraucher mit Adidas als deutscher Traditionsmarke verbindet, die sich in dieser Situation als Bumerang erweist.

Auch Deichmann weist Vorwürfe entschieden zurück

Ungewohnt offensiv geht der Handelskonzern Deichmann in die Kommunikation: „Der Vorwurf, Deichmann würde in der aktuellen Lage zum Schaden anderer Parteien Mietzahlungen verweigern, ist falsch“, erklärt das ansonsten eher medienscheue Unternehmen in einer offiziellen Pressemeldung von Montag. „Aufgrund der staatlich verordneten Schließungen unser sämtlichen Verkaufsstellen ist es uns nicht mehr möglich, den Betriebszweck unserer Läden zu erfüllen. In dieser für uns alle beispiellosen Situation haben wir unsere Vermieter gebeten, die während der Schließung anstehenden Mietzahlungen vorübergehend zu stunden. Die laufenden und anstehenden Gespräche mit unseren Vermietern haben zum Inhalt, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, welche Teilzahlungen wir kurzfristig vornehmen können und wie wir je nach Ausmaß und Dauer der Schließungen mit den gestundeten Zahlungen umgehen wollen.“ Sollte sich in einzelnen Fällen abzeichnen, dass Vermieter dadurch in eine Notlage geräten, würde der Konzern sein „Möglichstes tun, um zu helfen“.

„Auch für wirtschaftlich gesunde Unternehmen existenzbedrohend“

In 28 von 30 Ländern, in denen Deichmann tätig ist, mussten Läden geschlossen werden. Damit würden in 96% der insgesamt rund 4200 Filialen – allein 1500 in Deutschland – keine Umsätze mehr erwirtschaftet. In Deutschland schaffe das Kurzarbeitergeld eine Entlastung bei den Personalkosten, alle Mitarbeiter werden bis zum 5. April ihr volles Gehalt erhalten, bevor Teile der Belegschaft in Kurzarbeit gehen. Doch: Die Kosten für Logistik, Teile der Verwaltung, den Wareneinkauf und die Mieten laufen weiter. „Der größte Risikofaktor ist, dass niemand sagen kann, wie lange die Schließungen dauern. Wenn diese Phase länger andauert, wird das auch für wirtschaftlich gesunde Unternehmen existenzbedrohend.“ Und weiter: „Es geht für uns bei allem, was wir tun, vorrangig darum, die Arbeitsplätze unserer 16.000 Mitarbeiter in Deutschland zu sichern.

„Völlig unübersichtlich“ sei die Lage in den USA, wo die Deichmann-Gruppe rund 600 Läden betreibt. Das Gleiche gelte für Italien und Spanien. „Zum jetzigen Zeitpunkt ist es vollkommen unklar, wann unsere Länden wieder öffnen können. Selbst ein gesundes Unternehmen kann solche Belastungen nur eine begrenzte Zeit tragen. Auch hier reden wir mit allen Marktpartnern.
Für uns gilt generell, dass wir mit all unseren Partner im Markt gemeinsam nach Lösungen suchen, um diese schwere Zeit miteinander zu bewältigen. Wir möchten, dass niemand auf der Strecke bleibt. Darin sehen wir unsere gesellschaftliche Verantwortung.“

Ausgleich durch Online-Handel?

„Der wegbrechende Umsatz wird nicht ansatzweise durch den Onlinehandel ausgeglichen, da sich dieser nur im einstelligen Prozentsatzbereich des Umsatzes befindet“, heißt es bei Deichmann.

Bei Adidas steht das eigene E-Com-Business für fast 3 Mrd. Euro und damit immerhin für einen niedrigen zweistelligen Anteil am Konzernumsatz (23,64 Mrd. Euro). Und anders als Deichmann kann Adidas – zumindest in Teilen – zusätzlich über starke Handelspartner am Online-Geschäft partizipieren. Dass es möglich ist, auch in dieser Ausnahmesituation mit Online zu punkten, zeigten eindrücklich die Zahlen, die Konkurrent Nike vergangene Woche präsentierte.

Bei Puma laufe das Online-Business in den meisten Märkten noch, in einigen Märkten gebe es allerdings schon Einschränkungen, erklärt eine Sprecherin. „Da unser Online-Handel unter 10% unseres Gesamtumsatzes beträgt, ist er dadurch nicht annähernd in der Lage, den Ausfall der Einnahmen zu kompensieren.“

Auch Puma will „gemeinsame Lösungen“

„Wir befinden uns gerade in Gesprächen mit all unseren Vermietern unserer 22 angemieteten Läden in Deutschland, um eine partnerschaftliche Lösung zu finden, die für beide Seiten akzeptabel ist“, heißt es bei Puma, die ebenfalls in der Kritik stehen, doch bei weitem nicht so angefeindet werden wie der Herzogenauracher Nachbar. „Mit einigen Vermietern haben wir bereits für beide Seiten tragbare Lösungen gefunden und wir sind sicher, dass wir mit allen eine Einigung erzielen werden.“ Ziel sei es, gemeinsam mit den Partnern zu überleben. „Wir reden mit unseren Kunden und Händlern über deren Zahlungsziele und wir sprechen mit unseren Fabriken, Vermietern, Banken und allen anderen Partnern, um gemeinsame Lösungen zu finden. Wir können diese Krise nur gemeinsam überstehen.“

H&M will „schnell individuelle Lösungen finden“

„Die Verantwortung von H&M gegenüber unseren Kolleg*innen, muss sich in unserem unternehmerischen Handeln wiederspiegeln“, erklärt Thorsten Mindermann, Geschäftsführer von H&M Deutschland. „Unser oberstes Ziel ist es, mit all unseren Partnern, sowohl privaten als auch institutionellen Vermieter, jetzt schnell individuelle Lösungen für die Mieten zu finden. Um die wirtschaftlichen Auswirkungen für beide Seiten so gering wie möglich zu halten, sind wir in engem Austausch.“

Es sei nicht richtig, dass H&M grundsätzlich keine Mieten mehr zahlt, man setze diese vorerst aus, heißt es ergänzend vom Unternehmen. „H&M agiert im Rahmen der Corona-Hilfsgesetze, die kürzlich beschlossen wurden. Angesichts der aktuellen Situation ist eine kurzfristige aber auch mittelfristige Auswirkung auf unser Geschäft unvermeidlich. H&M befindet sich im engen und persönlichen Austausch mit allen Partnern. Der große Teil der Vermieter steht der Diskussion sehr aufgeschlossen gegenüber, was wir sehr zu schätzen wissen.“
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