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187.455 Personen kontrolliert, 8293 angezeigt

Alltag in Italien: La Dura Vita

Ministero dell'Interno
Das muss immer mit: das Ausgangsformular des Innenministeriums.
Das muss immer mit: das Ausgangsformular des Innenministeriums.

Um die Covid-19-Pandemie einzudämmen, schränken die Regierungen das Leben ihrer Bürger ein. Besonders drastisch geht Italien vor. Wer ohne guten Grund die Wohnung verlässt, dem droht eine Anzeige. Die Bürgermeister schließen die Parks, drehen die Brunnen ab und ziehen den Snackautomaten die Stecker. Weil jetzt plötzlich viele ihre Liebe zum Laufen entdeckt haben, wird sogar ein Jogging-Verbot erwogen.

Wenn die Deutschen wissen wollen, wie sich der Kampf gegen die Covid-19-Pandemie bald auf ihren Alltag auswirken könnte, sollten sie nach Italien blicken. Kurz formuliert: Wer dort vor die Haustüre tritt, braucht dafür einen triftigen Grund. Hat er den nicht, droht ihm ein Strafverfahren.


Oder gar Ärger mit dem Bürgermeister. In Bari im süditalienischen Apulien läuft Bürgermeister Antonio Decaro höchstpersönlich durch die Parks. Den Jugendlichen, die sich auf der Wiese fläzen, ruft er in dem Video, das im Netz viral gegangen ist, zu: „Ab nach Hause! Ihr dürft hier nicht sein. Das hier ist eine ernste Angelegenheit. Ein paar Tage Leidenszeit für uns alle. Dann ist das vorbei.“ Inzwischen hat Decaro alle Parks geschlossen. Und auch den Snackautomaten den Stecker gezogen. Zu lange waren die Schlangen vor den Maschinen.

Bürgermeister Bari zu Corona-Krise



Italien ist nach China das Land, das das Coronavirus am härtesten getroffen hat. Dementsprechend hart sind die Restriktionen, die das Kabinett von Premierminister Giuseppe Conte verhängt hat. Die Bürger sind dazu angehalten, in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Erlaubt ist im Wesentlichen nur der Gang zur Arbeit, zur Apotheke und zum Supermarkt. Wer kurz Luft schnappen und sich die Beine vertreten will muss, darf das natürlich, aber nur nahe der Wohnung und dann maximal zu zweit.

Jeder, der draußen unterwegs ist, muss ein Formular des Innenministeriums ausdrucken, darin den Grund angeben und es immer mit sich führen. Wer das Dokument vergisst oder bei den Angaben flunkert, der sollte besser nicht in eine Polizeikontrolle geraten. „Von uns allen ist jetzt der gesunde Menschenverstand verlangt. Wer gegen die Regeln verstößt, den bestrafen wir streng“, sagt Premier Conte. „Momentan sind keine weiteren Restriktionen größeren Umfangs geplant. Aber wenn wir feststellen, dass die Bürger sich nicht an die Auflagen halten, müssen wir einschreiten.“

Polizei und Carabinieri sind auf Streife. Sie fahren die Straßen ab, halten Wache an den Verkehrskreiseln und durchkämmen die Innenstädte. Täglich wird auf der Seite des italienischen Innenministeriums genau protokolliert, wie viele Bürger gefilzt wurden. Am Dienstag waren es im ganzen Land exakt 187.455 Personen, 8293 von ihnen wurden angezeigt.

Der Bewegungsfreiheit wird immer weiter eingeschränkt. Die toskanischen Städte Pisa, Conti und Viareggio haben die Strände gesperrt. Florenz hat seine Brunnen abgedreht. Der Bürgermeister von Monopoli in Apulien, Angelo Annese, sah sich sogar gezwungen, den Hauptplatz des Ortes abzuriegeln, da zu viele Senioren auf den Bänken Karten gespielt hatten.

Der Zugverkehr ist drastisch eingeschränkt worden. Täglich fahren nur noch 14 Hochgeschwindigkeitszüge und Intercitys. Wer von Kalabrien nach Sizilien übersetzen will, der hat pro Tag nur noch vier Fähren zur Auswahl. Abgeschnitten ist Sardinien. Nachdem zuerst die Flüge der Liniengesellschaften ausgesetzt wurden, ist es nun auch Privatfliegern untersagt, auf der Insel zu landen.

Bürgermeister Delia zur Corona-Krise



Ein Streitpunkt ist der Sport. Viele Bürger nutzen den Vorwand des Joggings, um mehrere Stunden an der frischen Luft zu verbringen. Gerne auch in Gruppen, ohne den Mindestabstand von einem Meter einzuhalten. Wie im sizilianischen Delia. Dort redet Bürgermeister Gianfilippo Bancheri den Bürgern mit einer Videobotschaft ins Gewissen. Er steigert sich regelrecht in Rage: „Jetzt wollen alle auf einmal laufen gehen. Aber wohin wollt ihr denn laufen? Das letzte Mal, das ihr gelaufen seid, war in der Grundschule. Lasst uns doch nicht albern werden“, schreit Bancheri in die Kamera.

Sportminister Vincenzo Spadafora appelliert an die Bürger: „Das Verantwortungsgefühl gebietet es eigentlich jedem, auf etwas zu verzichten. So wie unsere Mediziner, Krankenschwestern und Sanitäter das im Augenblick tun.“ Sich in den Parks und Grünanlagen aufzuhalten, ohne die vorgeschriebene Distanz zu wahren, sei „total falsch“: „Jogging ist nur dann erlaubt, wenn es dringend notwendig ist“, sagt Spadafora. „Wenn wir in diesen Tagen weiter die Szenen aus den Parks zu sehen bekommen, die wir gesehen haben, müssen wir handeln.“ Könnte heißen: Jogging-Verbot.

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