Analyse des Bochumer Software-Hauses Setlog

Produktion von mehr als 800 Millionen bestellten Kleidungsstücken ausgesetzt

Derzeit erreicht die in Fernost gefertigte Bekleidung Deutschland bis zu 30 Tage später. Insgesamt hat die Modebranche die Produktion von mehr als 800 Millionen bestellten Kleidungsstücken storniert oder verschoben. Das zeigt eine Auswertung der Supply-Chain-Daten von rund 100 Fashion-Labels aus dem Software-Tool von Setlog. Dabei stehen die Produktions- und Transportverzögerungen erst am Anfang.

Verzögerte Lieferungen aus Bangladesh

Die Schließung der Fabriken in Bangladesch und anderen asiatischen Staaten führt laut Setlog zu weiteren Lieferverzögerungen. Wer noch fertige Ware aus Asien nach Deutschland transportieren will, dem empfiehlt Setlog-Vorstand Ralf Düster umgehend zu reagieren. Zudem hätten sich die Seefrachtraten von Asien nach Europa auf dem Spot-Markt in kürzester Zeit zum Teil bereits preislich verdoppelt. Zum anderen gebe es aus Bangladesch, dem weltweit zweitgrößten Bekleidungsproduzenten, keine direkten Seeverbindungen. Deshalb müsse die Ware erst über begehrte Reeder aus dem Hafen von Chittagong beispielsweise zu den großen Mutterschiffen nach Singapur oder Colombo gebracht werden. "Im Vorteil ist, wer kurzfristige Veränderungen in der Supply Chain mit allen Partnern über eine zentrale, digitale Plattform steuern kann, um wichtige Ware priorisiert transportieren zu lassen", betont Düster.

Keine Entspannung in Sicht

Der Supply Chain-Experte rechnet nicht mit einer Entspannung der Lage. Nicht nur, weil Lieferanten die Produktion in den nächsten Tagen ruhen lassen, sondern auch, weil die Behörden nur Notöffnungszeiten anbieten. Deshalb kann es laut Düster im Exportbereich zu weiteren Engpässen und noch längeren Lieferzeiten kommen.

Schwierig sei schon seit Ausbruch der Pandemie der Import von Rohwaren aus anderen asiatischen Ländern. Auch deshalb hätten einige Produktionen nicht pünktlich beginnen können. Langfristig fehlten den Unternehmen und den 4,1 Mio. Beschäftigten in Bangladesch schon jetzt die Perspektiven.

Waren im Wert von 2,39 Mrd. Euro auf Eis

Laut Setlog haben die Abnehmer der Waren, von denen etwa 60% in europäische Länder geliefert werden, bereits 828 Mio. Kleidungsstücke im Wert von 2,39 Mrd. Euro storniert beziehungsweise terminlich geschoben. Betroffen sind laut Bangladesh Garment Manufacturers and Exporters Association (BGMEA) mehr als 960 Fabriken. Die BGMEA-Präsidentin Rubana Huq befürchtet aufgrund der aktuellen Lage bereits massive Auswirkungen auf die Unternehmen und Einkommen der Beschäftigten. Sie rief internationale Einkäufer in einer Videobotschaft auf, die bestellte Ware zu "normalen Zahlungsbedingungen" anzunehmen.

Armutsprobleme in Bangladesch befürchtet

Setlog-Vorstand Düster rechnet damit, dass die Corona-Krise in Bangladesch, dessen Exporte zu 84% aus Textilien besteht, zu Armutsproblemen führen kann. "Der Mindestlohn für Textilarbeit beträgt gerade einmal umgerechnet 95 US-Dollar pro Monat. Die Angestellten, mehr als drei Viertel von ihnen sind Frauen, verfügen kaum über Rücklagen", betont Düster.
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