Britische Händler: Furcht vor Lücken im Regal zum Weihnachtsgeschäft

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Die wirtschaftliche Erholung nach dem Corona-Einbruch könnte durch angespannte Lieferketten und Fachkräftemangel ausgebremst werden. Das führt zu ungewöhnlichen Wendungen: So eröffnet John Lewis etwa eine Fahrschule für Lkw-Fahrer.

Britische Retailer greifen aufgrund der angespannten Lage inzwischen zur Selbsthilfe. John Lewis zahlt händeringend gesuchten Lastwagenfahrern nicht nur einen Einstiegsbonus, sondern eröffnet auch eine "Driver Acadamy" für den schnellen Lkw-Führerschein. Und Next-Chef Lord Wolfson appelliert an die Regierung, Arbeits-Visa für ausländisches Personal gegen eine Visa-Steuer von 7% auszustellen.

In Großbritannien schlägt sich der Mangel an Lastwagenfahrern besonders bei der Versorgung mit Kraftstoff nieder. Das hat aber nicht nur zu Panik an den Tankstellen geführt, sondern treibt inzwischen auch den Retailern Sorgenfalten auf die Stirn. Weihnachten steht bald vor der Tür und damit auch die Furcht vor Lücken in den Regalen, weil es zu Engpässen in den Lieferketten kommt. Zudem könnten explodierende Gaspreise, das Ende der pandemiebedingten Lohnersatzleistungen und angekündigte Steuer- sowie Abgabenerhöhungen die Konsumstimmung trüben. Ein Cocktail aus Brexit-Folgen und Corona-Effekten, aber auch Strukturproblemen, die vor dem EU-Austritt noch aufgefangen wurden.

Inflation lässt Alarmglocken läuten

Während sich die Tankstellen-Krise langsam entspannt und die Regierung das rigide Einwanderungssystem mit vorübergehenden Arbeits-Visa für 5000 Fahrer aus dem Ausland lockerte, führen die stockenden Lieferketten bereits zu Konsequenzen. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO hat in einer Untersuchung herausgefunden, dass mehr als 34% der befragten Unternehmen mittlerer Größe ihre Produktlinien bis Mitte September gekürzt haben. Damit sollte Vorsorge getroffen werden, um Mitarbeiter- oder Lagerengpässe handhaben zu können. Weitere 31% der befragten Firmen gaben an, solche Pläne zu haben, falls sich die Situation nicht innerhalb eines Monats ändere. Da die Umfrage zwischen dem 9. und 15. September stattfand, dürfte der Druck auf die Firmen durch die anschließend einsetzenden Panikkäufe an den Tankstellen zugenommen haben.

Der Report wird weitere Alarmglocken rund um das Thema Inflation läuten lassen, denn eine von drei Firmen gaben an, die Preise für ihre Produkte oder Dienstleistungen in den kommenden drei bis sechs Monaten zu erhöhen. Und fast ein Fünftel der Befragten wollen die Löhne erhöhen, um Mitarbeiter zu bekommen. "Der Brexit, das Thema der globalen Lieferkette und die langfristigen Auswirkungen von Covid-19 haben den britischen Unternehmen einen perfekten Sturm beschert", sagt Ed Dwan, Partner bei BDO, "nachdem sie sich durch die Herausforderungen der Pandemie navigiert haben und auf eine Atempause hofften, haben sie es nun mit noch mehr Störungen zu tun. Fast in allen Sektoren gibt es Arbeitskräftemangel."

Nach dem Brexit und während der Pandemie haben Zehntausende Lkw-Fahrer die Insel verlassen. Nach Schätzungen des Transportunternehmerverbands RHA fehlen in Großbritannien bis zu 100.000 Fahrer. Ein Mangel, den es allerdings auch in Deutschland gibt, wo 60.000 bis 80.000 Fahrer fehlen sollen, wie es kürzlich beim Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung hieß. Andrew Opie, Director of Food and Sustainability beim British Retail Consortium (BRC) weist darauf hin, dass die 5000 vorübergehenden Arbeits-Visa bei weitem nicht reichen, um genügend Fahrer ins Land zu bekommen. Die Supermärkte allein benötigten wenigstens 15.000 Lastwagenfahrer für ihre Unternehmen, um das Weihnachtsgeschäft mit voller Kapazität zu fahren.

Next-Boss fordert Visa für Fachkräfte

Sorge bereiten die Störungen in der internationalen Lieferkette auch dem Chef der britischen Modegruppe Next. Lord Wolfson sagte bei der Vorlage des Halbjahresergebnisses Ende September, dass die Lagerbestände 12% niedriger als vor zwei Jahren seien. „Das ist ein bei weitem nicht optimales Niveau, das in einigen Kategorien und in den Stores die Verkäufe tangiert“, so Lord Wolfson. Und selbst zu höheren Löhnen finde er kein britisches Personal für seine Warehouses. In einem Artikel im Evening Standard hat Next-CEO Wolfson, selbst Life Peer der Konservativen Partei und ein prominenter Brexit-Anhänger, die Regierung dazu aufgerufen, die Einwanderungsregeln zu lockern. Er habe für den Brexit gestimmt, aber als Chef eines FTSE 100-Unternehmens wisse er besser als jeder andere, wieviel Immigration Britannien brauche.

„Es gibt eine praktikable Lösung, um den Bedarf Großbritanniens an internationalen Fachkräften zu managen“, schreibt Lord Wolfson, wir müssen aber den Abstieg in die Bitterkeit vermeiden, die bei jeder Debatte, in der der Brexit involviert ist, aufzukommen scheint“. Lord Wolfson schlägt ein „nachfragegesteuertes“ Einwanderungssystem vor, das der Wirtschaft erlaube, die Talente ins Land zu holen, die sie wirklich brauche. „Warum sollte es Unternehmen nicht erlaubt werden, so viele Arbeits-Visa zu sponsern wie sie brauchen, aber mit zwei wichtigen Vorbehalten: erstens müssen die ausländischen Kräfte dieselben Gehälter wie ihre britischen Kollegen erhalten und zweitens sollten die Unternehmen einen Prozentsatz (sagen wir 7%) des Lohns eines ausländischen Beschäftigten als Visa-Steuer an die Regierung zahlen“, empfiehlt Lord Wolfson.

Der Widerspruch des britischen Premierministers Boris Johnson an seinen Parteifreund ließ nicht lange auf sich warten. Er wies den Plan umgehend zurück, weil er eine potenziell unlimitierte Immigration erlaube, was nicht der richtige Weg sei. In dem Programm Today auf BC Radio 4 sagte Johnson: „Lord Wolfson sagt, dass er keinerlei Kontrolle oder Einschränkung bei der Anzahl der Leute haben möchte, die er aus dem Ausland holen kann, um sein Geschäft zu betreiben“. Zum Abschluss des Parteitags der Konservativen am Mittwoch bekräftigte Johnson den Wandel in der Wirtschaft des Landes mit dem Ziel höherer Löhne, höherer Produktivität, höheren Wachstums und niedrigerer Steuern voranzutreiben. Großbritannien wolle nicht zurück in die Zeit der Niedriglohn-Einwanderung aus Osteuropa. Der Premier erwähnt immer wieder seine „Levelling up“-Politik, die das Leben der Menschen verbessern soll.

Die neuen Brexit-Freiheiten, so Johnson, würden helfen, die Zukunft besser zu gestalten. Die Regierung erwägt, den gesetzlichen Mindestlohn um 5,7% auf 9,42 Pfund (11,12 Euro) anzuheben. Vom Industrieverband CBI kommt die Warnung, dass höhere Löhne ohne höhere Produktivität zu höheren Preisen führen. Ökonomen glauben, dass die Inflation in Großbritannien deutlich über 4% steigen könnte.

John Lewis eröffnet Fahrschule für schnellen Lkw-Führerschein

Während die britische Supermarktkette Sainsbury übergangsweise bis Weihnachten 22.000 zusätzliche Mitarbeiter einstellen will, von denen 3000 Lieferwagen fahren, 14.500 von ihnen Regale nachfüllen und 4500 in Lager und Logistik eingesetzt werden, wird die Einzelhandelsgruppe John Lewis Partnership im November eine Fahrschule für Lastwagenfahrer eröffnen. In der „Driver Acadamy“ sollen an vier Trainings-Standorten in Aylesford, Bracknell, London und Milton Keynes pro Jahr 90 Fahrer geschult werden. Gestartet wird mit einem Fast-Track-Programm, in dem Fahrer kleinerer Fahrzeuge innerhalb von in 13 Wochen in Theorie und praktischen Sicherheitstest zum Führen großer Lastwagen ausgebildet werden. Zudem wird dem Nachwuchs die Ausbildung zum Lkw-Fahrer angeboten, um danach eine Fahrer-Karriere in der zu John Lewis Partnership gehörenden Supermarktkette Waitrose und der Department Store-Kette John Lewis zu starten.
John Lewis hat eine Fahrschule eröffnet, um den Mangel an Lkw-Fahrern selbst zu beheben.
John Lewis Partnership


„Im August haben wir bereits die Gehälter erhöht und einen Einstiegsbonus von 1000 Pfund (1180 Euro) für qualifizierte Lkw-Fahrer eingeführt, die vor November anfangen“, sagt Mark Robinson, Partner und Director of Supply Chain, „diese Investition in Ausbildung ist eine längerfristige Lösung für den Mangel in der Branche“. Aufgrund der Größe des Unternehmens und dem Dienstleistungsangebot will John Lewis den Fahrern auch weitere Karrieremöglichkeiten bieten. "Wir werden unseren Fahrern die Ausbildung in weiteren Bereichen finanzieren", so Robinson, "das reicht von der Lebensmittellieferung an Waitrose-Kunden, über das Fahren von 3,5 Tonnen-Trucks zur Warenlieferung an unsere Stores bis hin zur Lieferung und Installation von Waschmaschinen, TVs und Licht. Das dient einem exzellenten Kundenservice für unsere John Lewis Kunden".

Die Ausbildungsplätze stehen anfänglich Mitarbeitern zur Verfügung, die bereits für John Lewis tätig sind. Doch ab Januar 2022 werden die Ausbildungsplätze auch Bewerbern von außerhalb der Partnership zugänglich sein. Gegenwärtig beschäftigt John Lewis Partnership über 900 Lkw-Fahrer und nutzt 42 Distributions-Standorte in Großbritannien.

Auf dem Parteitag der Konservativen hatte Johnson klar gemacht, dass eine Tory-Regierung unter seiner Führung sich nicht mehr als verlängerter Arm der Unternehmen versteht, sondern als "People’s Government", das auch mal den Konflikt mit der Wirtschaft sucht. Die "fantastische britische Logistikbranche", die dank niedriger Löhne jahrzehntelang hohe Gewinne eingestrichen habe, solle sich jetzt gefälligst anstrengen, Leute ausbilden und investieren. Für weitere Engpässe fühlt er sich nicht verantwortlich und er sieht es auch nicht als Aufgabe der Regierung an, jedes Problem der Unternehmen zu lösen. Das sind neue Töne, die die Briten von einem Premier der Konservativen nicht gewohnt sind. So soll die Wirtschaft wohl gezwungen werden, ein neues, besseres Gleichgewicht zu suchen.
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