Auftritt auf der Luxuskonferenz

Gipfeltreffen zwischen Remo und Brunello

Tobias Bayer
Gipfeltreffen: Remo Ruffini trifft auf Brunello Cucinelli.
Gipfeltreffen: Remo Ruffini trifft auf Brunello Cucinelli.

Moncler-Chef Remo Ruffini und Brunello Cucinelli gehören zu den erfolgreichsten Unternehmern in der Mode. Auf der Altagamma-Konferenz saßen die beiden gemeinsam auf dem Podium. Bei allen Unterschieden offenbarten die zwei Entrepreneure erstaunliche Gemeinsamkeiten.

Wenn man sich die Frage stellt, welche italienischen Modeunternehmer in der jüngeren Vergangenheit den größten Erfolg hatten, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass einem Remo Ruffini und Brunello Cucinelli einfallen. Ruffini, der Puffer-Star. Cucinelli, der Cashmere-König.

Auf der Konferenz des Luxusverbands Altagamma saßen die beiden Entrepreneure jetzt gemeinsam auf dem Podium. Ruffini erschien ganz in schwarz. Schwarzes Sakko, schwarzer Rollkragenpullover. Cucinelli setzte sich im grauen Anzug daneben. Knappe 20 Minuten sprachen die beiden.


Die Überraschung für die Zuschauer: Ruffini und Cucinelli sind grundverschieden. Und ähneln sich bei aller Differenz gleichzeitig frappant. Beide zeichnet das untrügliche Gespür aus, was eine Marke begehrlich macht. Beide registrieren früher als andere tektonische Verschiebungen in der Gesellschaft – und handeln dann schnell und konsequent.

In Ruffini vibriert eine innere Unruhe. An einer Stelle im Interview sagte er den Satz: "Das lässt mir keine Ruhe." Seine Hände sind dauernd in Bewegung. Während er die Fragen beantwortete, knetete er pausenlos die Schutzmaske, die er auf dem Schoß liegen hatte. "Die Welt ist sehr komplex geworden", sagte er. "Ich fühle mich wie ein DJ, der acht Scheiben aufgelegt hat." Kommunikation, Vertrieb in allen Erdteilen über alle Kanäle hinweg ließen ihm keine Zeit zum Durchzuatmen. "Ich spiele auf mehreren Plattenspielern."


Von dieser Hatz ist bei Cucinelli nichts zu spüren. Im Gegensatz zu Ruffini, der Anregungen aus allen Ländern des Planeten sucht, führen bei Cucinelli alle Wege nach Solomeo. Statt hinaus in die Welt zu gehen, lädt er die Welt zu sich nach Umbrien ein. Wie die Tech-Unternehmer aus dem Silicon Valley, die in Cucinellis Heimatort ihr Handy ausschalteten. Statt mehr zu arbeiten plädiert er dafür, weniger zu tun. "Wir sollten im Einklang mit der Schöpfung leben", sagte er.

Es sind zwei Wege, die zum gleichen Ziel führen. Ruffini und Cucinelli antizipieren mit ihrer jeweiligen seelischen Verfasstheit den Zeitenwechsel. Ruffini vermisste auf den Luxusmeilen der Metropolen die Energie. "Da herrschte Langweile." Er verabschiedete sich von den Catwalk-Schauen und zapfte mit Moncler Genius die Energie von angesagten Designern wie Francesco Ragazzi von Palm Angels, Pierpaolo Piccioli von Valentino und Craig Green an.


Im September hob er die Genius-Idee mit dem multimedialen Spektakel Mondogenius, bei dem Grammy-Gewinnerin Alicia Keys die Zuschauer durch Mailand, New York, Seoul, Shanghai und Tokio führte, auf eine internationalere Ebene. Bald steht die nächste Partnerschaft an. Ruffini verbündet sich mit dem früheren Apple-Designer Jony Ive, der sich mit LoveFrom selbständig gemacht hat. Design, Musik, Sport, Kunst. Egal, solange dort Energie ist.

Auch Cucinelli antizipiert Wendepunkte. Während die ganze Mode von Casualwear redet, bewegt er sich wieder in Richtung Eleganz. Er prophezeit, dass nach der Pandemie eine Periode der "Roaring Twenties" anbricht und die Männer Stilikonen wie dem englischen König Eduard VIII nacheifern.

Mit ihrem feinen Sensorium wittern Ruffini und Cucinelli bereits den nächsten Umbruch. Beide warnen davor, es mit dem Digitalen zu übertreiben. "Ich glaube nicht daran, dass sich alles ins Digitale verschiebt. Wir dürfen als Marke nicht unsere Seele verlieren", sagte Ruffini. Wer nur im Digitalen unterwegs sei, laufe Gefahr, wie "eine Wolke über allen zu schweben": "Wir müssen Emotionen mit echten Erfahrungen bieten."

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E-Gaming sei zweifellos ein Zukunftsfeld. Aber er wolle auch nicht, dass die Kinder nur von dem Bildschirm säßen: "Ich will nicht, dass sie den ganzen Nachmittag nur Fortnite spielen", sagte Ruffini. Als er das aussprach, stimmte Cucinelli sofort ein. Er erzählte nicht von Fortnite, sondern von der Schule. Seine Enkelin schleppe jeden Tag einen 14 Kilogramm schweren Ranzen in die Schule. Dort sitze sie fünf Stunden ab, um dann am Nachmittag vier Stunden lang Hausaufgaben zu machen. Das sei viel zu viel. "Wir dürfen die Kreativität nicht zurückstellen. Sie gedeiht dann, wenn die Arbeit nicht unser Leben dominiert."
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