Azubis im Einzelhandel

Über die Hälfte der Stellen in klassischen Handelsberufen unbesetzt

Imago / Margit Brettmann
Junge Menschen im Einzelhandel: Derzeit gibt es über 30.000 Stellen für die Ausbildung zur Verkäuferin und zum Verkäufer. Bewerberinnen und Bewerber werden noch gesucht.
Junge Menschen im Einzelhandel: Derzeit gibt es über 30.000 Stellen für die Ausbildung zur Verkäuferin und zum Verkäufer. Bewerberinnen und Bewerber werden noch gesucht.

In Deutschlands Einzelhandelsunternehmen sind noch zahlreiche Stellen für das neue Ausbildungsjahr unbesetzt. So blieben bisher für Kaufleute im Einzelhandel noch 18.400 Azubi-Stellen offen, für Verkäuferinnen und Verkäufer liegt die Zahl bei 18.000. Das meldet der Handelsverband Deutschland (HDE) unter Berufung auf Erhebungen der Bundesagentur für Arbeit (BA).

Am Angebot mangele es nicht, so der HDE. Die zahlenmäßig meisten Ausbildungsstellen hätten Unternehmen für angehende Kaufleute im Einzelhandel sowie für Verkäuferinnen und Verkäufer, teilt der Verband mit. Das seien rund 13% aller angebotenen Stellen.


Und die Zahl steigt weiter. Handelsunternehmen bieten für das beginnende Ausbildungsjahr 2022/2023 insgesamt rund 35.100 Stellen für eine Ausbildung zum Kaufmann oder zur Kauffrau im Einzelhandel (+0,6% zum entsprechenden Vorjahresmonat) sowie 30.200 (+22,3%) für die Ausbildung zum Verkäufer oder zur Verkäuferin. Somit sind jeweils über die Hälfte der Plätze noch unbesetzt.

Auch das Abiturientenprogramm des Handels, ein dreijähriges kombiniertes Qualifizierungsprogramm aus Aus- und Fortbildung, schaffte es mit 11.300 angebotenen Stellen (+15,3%) in die Top 10 des Ausbildungsmarktrankings. "Die Handelsunternehmen haben ihre Fachkräftesicherung fest im Blick und wollen ihren Bedarf zuvörderst mit eigens ausgebildeten Fachkräften decken, dafür nutzen sie ihr gesamtes Angebot: Über 60 zwei- und dreijährige Ausbildungen, Abiturientenprogramme und duale Studiengänge", erklärt Katharina Weinert, HDE-Abteilungsleiterin für Bildungspolitik und Berufsbildung.

Die Karrierechancen im Handel seien für Absolventen einer dualen Ausbildung und eines Studiums gleichermaßen gut. "In keiner anderen Branche kann man über beide Karrierewege so schnell in Führungsverantwortung kommen, wie im Einzelhandel. Den Schwerpunkt bei der Fachkräftegewinnung legen die Handelsunternehmen aber nach wie vor auf die duale Ausbildung. Über 80% der Führungskräfte im Einzelhandel haben ihre Karriere mit einer Ausbildung begonnen", sagt Weinert.

Trotzdem stehe der Handel auch vor großen Herausforderungen. Zwar seien Bewerbungen für das neue Ausbildungsjahr noch möglich, doch voraussichtlich könnten durch den seit 2017 allgemein verzeichneten Bewerberrückgang nicht alle offenen Stellen an Interessenten vergeben werden. "In den Sommermonaten werden regulär noch viele Ausbildungsstellen besetzt. Wir gehen davon aus, dass sich die Stellenbesetzung in diesem Jahr erneut bis weit in den Herbst hineinziehen wird", so Weinert.

Der Verband fordert von der Politik mehr Aufmerksamkeit für die Berufliche Bildung. Jungen Menschen müsse die Attraktivität einer dualen Ausbildung deutlicher kommuniziert werden. Zudem solle der Ausbau von digitalen Berufsorientierungsangeboten, ebenso wie eine verlässliche Berufsorientierung an allen allgemeinbildenden Schulen und bei den Arbeitsagenturen vorangetrieben werden. Auch die Attraktivität der beruflichen Schulen müsste gesteigert werden. "Hier geht es um eine Investitions- und Innovationsoffensive bei den Ausbildungskonzepten, die moderne technische Ausstattung und um Weiterbildungen für Lehrkräfte", so der HDE. Dabei sieht der Verband Bund und Länder gemeinsam gefordert.

Weniger Minijobber

Ebenfalls veröffentlicht hat die BA Zahlen zu den Vollzeitstellen im Handel. Daraus schließt der HDE, dass die Gesamtbeschäftigung im Einzelhandel trotz der Krise und des schwierigen wirtschaftspolitischen Umfeldes "erfreulich stabil" bleibt und im Vergleich zum Vorkrisenniveau sogar zugelegt hat.


Zum Stichtag 31. Dezember 2021 waren 3.155.941 Menschen in Deutschlands Einzelhandel beschäftigt. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung sei damit im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2019 (Stichtag: 31. Dezember) um rund 46.000 Stellen gestiegen, so der HDE. Erfreulich sei vor allem, dass es sich bei mehr als der Hälfte dieser neu geschaffenen Jobs um sozialversicherungspflichtige Vollzeitstellen handele. "Im selben Zeitraum ging die Zahl der Minijobber in der Branche um knapp 20.000 Stellen zurück", teilt der Verband mit. Die Anzahl der Minijobber sei seit vielen Jahren rückläufig und liege aktuell noch bei rund 800.000 Stellen.

"Die Handelsunternehmen sind sehr bestrebt, ihr Stammpersonal zu halten und neues Personal an sich zu binden", sagt Steven Haarke, HDE-Geschäftsführer für Arbeit, Bildung, Sozial- und Tarifpolitik. Allerdings müsse man bei der Bewertung der Beschäftigtenzahlen vorsichtig zu sein. "Denn diese positive Entwicklung wäre ohne den großflächigen Einsatz von Kurzarbeit sicher nicht möglich gewesen", so Haarke. Außerdem sei die Krise längst nicht vorbei. "Die Verbraucherstimmung ist besonders wegen der Verunsicherung der Menschen bei den Energiepreisen extrem schlecht. Es bleibt abzuwarten, inwieweit dies dann auch Effekte auf die Beschäftigung in der Branche haben wird."

Um die Attraktivität der Arbeit im Einzelhandel weiter zu steigern, arbeiten einige Unternehmen bereits an neuen Konzepten für die Mitarbeiter. So hat zum Beispiel Rudnick in Aurich als einer der ersten deutschen Modehändler offensiv und öffentlichkeitswirksam die 4-Tage-Woche für Vollzeitmitarbeiter einführt. Der TW-Testclub, das größte Panel im stationären deutschen Modehandel, hat seine Panel-Teilnehmer gefragt, was sie von diesem Modell halten. Immerhin 39% der Unternehmen glauben, dass durch die 4-Tage-Woche für Vollzeitkräfte die Arbeit im Handel attraktiver werden könnte.

stats