Brandbrief an die Kanzlerin

Handelsverbände präsentieren Fahrplan "für die Zeit danach"

Lösungsvorschläge für die Corona-Krise: Die Präsidenten der Handelsverbände Textil BTE, Schuhe BDSE und Lederwaren BLE haben gemeinsam mit der Unternehmensberatung Hachmeister+Partner Lösungsvorschläge zur Rettung des stationären Textil-, Schuh- und Lederwarenhandels erarbeitet.

In einem Schreiben an die Regierung erläutern sie auf drei Seiten nochmals eindringlich die besonderen Probleme der drei Branchen aufgrund des Shutdowns und entwerfen einen Fahrplan "für die Zeit danach".

Übernahme des Wertverlustes

Aktuell, noch während der Ladenschließung, fordern die Verbände die Übernahme der laufenden Betriebskosten sowie des Wertverlustes des aktuellen Warenbestandes über einen Hilfsfonds. Präferiert wird dabei ein staatliches Hilfsmodell wie in Österreich, das den dortigen Einzelhandel retten soll. Denn der Handel brauche Zuschüsse oder die Umwandlung von KfW-Krediten nach Vorlage der Bilanzen für 2020 in nicht rückzahlbare Darlehen, zumindest für jene Verluste, die eindeutig auf die verordneten Ladenschließungen zurückzuführen sind. Alternativ wurden ein Schutzpaket für Mietverbindlichkeiten und Verbesserungen bei KfW-Darlehen und Kurzarbeitergeld angeregt.

Maßnahmen für den Neustart

Darüber hinaus sollte die Bundesregierung in Absprache mit den Ländern und Kommunen bereits jetzt einen verlässlichen Fahrplan "für die Zeit danach" entwerfen. Dabei schlagen die Verbände konkret folgende Maßnahmen vor:
  • Möglichkeit zur Sonntagsöffnung: Damit könnten die verlorenen Umsätze unter Umständen zumindest teilweise aufgeholt werden. Denkbar wäre z.B. monatlich ein verkaufsoffener Sonntag, der über Sondererlasse der Bundesländer genehmigt werden könnte.
  • Schrittweise Öffnung der Geschäfte: Dabei könnte man sich an Auflagen, wie sie derzeit für den Lebensmitteleinzelhandel bestehen, orientieren. Wichtig seien bundesweit einheitliche Regelungen, die auch für den Handel praktikabel und zu überwachen sind.
  • Belebung der Innenstädte: Es soll ein freier Zugang der Innenstädte für den Verkehr ermöglicht werden. Die Verbände schlagen eine zeitlich begrenzte Lockerung oder gänzliche Aufhebung von Zugangsbeschränkungen für den Pkw-Verkehr vor. Denkbar seien auch ein neues oder angepasstes Investitionszulagengesetz für Innenstädte sowie eine Anpassung der Städtebaufördermittel und eine Änderung des Planungsrechts zugunsten des innerstädtischen Einzelhandels.

Rund 440.000 Mitarbeiter betroffen

Um die Forderungen zu untermauern, weisen die unterzeichnenden Verbandspräsidenten Steffen Jost (BTE), Nina Kiesow (BLE) und Brigitte Wischnewski (BDSE) in dem Schreiben nochmals auf die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der drei Branchen hin. So umfasse der stationäre Textil-, Schuh- und Lederwarenhandel rund 33.000 Unternehmen mit fast 80.000 Verkaufsstellen. Er erziele einen Umsatz von annähernd 50 Mrd. Euro und beschäftige rund 440.000 Mitarbeiter.

Besondere Problematik der drei Branchen

Zudem ist ein Kern des Verbandsanliegens, die besondere Problematik der drei Branchen zu verdeutlichen:

  • Saisonale Warenangebote, die ein Aufholen der Umsätze fast unmöglich machen und zu einer schnellen Entwertung der Warenbestände führen.
  • Zunehmender Waren- und Liquiditätsdruck durch anhaltende Lieferungen.
  • Lange, globale Lieferketten, die schnelle Reaktionen unmöglich machen.
  • Marktwirtschaftlich nicht tolerierbare Schlechterstellung des stationären Fachhandels gegenüber dem Onlinehandel und anderer Vertriebswege, die weiterhin Textilien, Schuhe und Lederwaren verkaufen dürfen.

Tausende Unternehmen vor dem Aus

Aufgrund dieser besonderen Gemengelage stehen nach Ansicht der drei Verbände tausende Unternehmen – von der kleinen Boutique bis zum großen Warenhaus – und mit ihnen hunderttausende Arbeitsplätze im Einzelhandel und in der mittelbar betroffenen Industrie vor dem Aus. Bereits die beschlossenen Öffnungsverbote bis Ende April würden zu zahlreichen Insolvenzen führen. "Dauert die Schließung auch im Mai noch an, würde es zu einem dramatischen Anstieg der Leerstände in den Citys kommen. Damit verändert sich das Gesicht der Städte grundlegend und für immer, was auch dramatische Folgen für die Attraktivität und Finanzausstattung der Städte und Gemeinden hätte", heißt es in dem Schreiben an Bundeskanzlerin Angela Merkel, Kanzleramtschef Helge Braun, Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und Bundesfinanzminister Olaf Scholz.

BTE widerspricht Sachverständigenrat

Gleichzeitig widerspricht der Textilhandelsverband BTE dem Sachverständigenrat der Bundesregierung, der in seinem wahrscheinlichsten Basisszenario davon ausgeht, dass die Gesamt-Nachfrage nach Bekleidung im Zeitraum von Mitte März bis Mitte Mai 2020 aufgrund der Geschäftsschließungen um 30% sinkt. Begründet wird dies mit dem hohen Online-Anteil und den Umsätzen der nach wie vor geöffneten Lebensmittelgeschäfte, die ebenfalls Bekleidungsartikel verkaufen.

Nullumsatz bei 60% der Unternehmen

Dieses Szenario sei nach allen bekannten Marktdaten der Branche unhaltbar. Die Einbußen in der Bekleidungsbranche seien deutlich höher. Nach Berechnungen des BTE liegt der Marktanteil des gesamten Onlinehandels für Bekleidung bei maximal 30%. In dieser Zahl enthalten seien auch die E-Commerce-Umsätze von vorwiegend stationären Modegeschäften. Weitere rund 10% entfallen laut BTE auf Einzelhandelsgeschäfte, die geöffnet bleiben dürfen und als Randsortiment Bekleidung führen, wie den Lebensmittelhandel und SB-Warenhäuser. Dagegen sei der Umsatz aller geschlossener Modegeschäfte und Warenhäuser ohne deren Online-Umsatz auf Null gesunken. 60% des Marktes erzielen damit laut BTE derzeit gar keinen Umsatz.

Kein Ausgleich durch E-Commerce

Auch die Annahme, dass die Kundennachfrage aktuell stärker zu den Onlineshops wandert, ist nach Verbandsangaben nicht nachvollziehbar. Nach Recherchen des BTE seien derzeit auch die Online-Umsätze mit Bekleidung rückläufig. Der BTE geht daher davon aus, dass die Gesamt-Nachfrage nach Bekleidung während des Shutdowns um 60 bis 70% sinkt. Und es sei auch nicht zu erwarten, dass die nun unterbleibenden Käufe nach dem Ende des Shutdowns schnell und in größerem Maße aufgeholt werden, da sehr viele Verbraucher dann weniger Geld zur Verfügung haben werden.

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